Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 44 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 371 «uns,' zum Studium gehabt, große, gelehrte Männer konnten sich stundenlang mit ihm unterhalten, im ganzen Städtchen und auf zehn Meilen in der Umgebung sprach man von ihm, und mit welcher Verehrung und Bewunderung! Jittel war nicht hochmütig geworden, dazu fehlte ihr ganz und gar die Gabe. Aber innerlich stolz war sie auf ihn, und eine tiefe, stille Freude bemächtigte sich ihrer, daß Gott sie so. ausgezeichnet hatte, ihr einen Sohn zu schenken, der sein Höchstes darin fand, sein Wort zu verstehen, es zu begreifen und weiter zu lehren. — Aber eines herrlichen Frühlingsmorgens, der Flieder war gerade aufgeblüht, im Gärtchen prangten seine Zweige und verbreiteten überall hin jenen feinen, zarten, kaum festzuhaltenden Duft, — war er gestorben, an einer Lungenentzündung, die ihn nach achttägigem Kranksein hingerafft hatte. Und dann war Jittel mit ihrem Manne allein geblieben, und es wurde so still im Hause .... Der tiefe Kummer über den Verlust ihres einzigen Sohnes nagte an ihr und verließ sie nicht, trotz der stillen Ergebenheit ihrer Seele. Und jetzt kam noch die große schmerzliche Sehnsucht nach der Heimat hinzu, in der sie mit allen Fasern wurzelte . . . „Wien ist eine schöne Stadt", hatte Leib Morgenstern nach einigen Tagen des Dortseins zu ihr gesagt, und er führte sie durch die großen, weiten Ringstraßen, zeigte ihr herrliche Bauten, prächtige Denkmäler, denen er Namen gab, die sie nicht verstand. „Kannst Du so etwas auch in unserem Städtchen sehen?" hatte er triumphierend ausgerufen. Aber es lag wenig überzeugende Kraft in seiner Stimme, und bei sich dachte Jittel, daß der Mann sich das alles nur einreden wollte. Sie war scheu ftn lallen diesen Prachtstücken vorübergeschlichen. Die ragten so hoch über einem, daß man schwindlig wurde; wollte man bis an die Spitze sehen, es wurde einem unheimlich dabei zu Mute. Sie fühlte sich verlegen angesichts all dieser Dinge, die nicht zu ihr sprachen, ein ängstliches Gefühl beschlich sie, und sie wurde erst wieder froh, wenn sie in ihrem Stübchen sein konnte. Hier sah man nichts von der großen, kalten und fremden Welt . . . Und die Synagoge. Das war auch so ein großes, mächtiges, furchtbar schönes Gebäude, in dem viele, viele Stimmen sangen, in dem es so schimmerte und glänzte. Das war wie auf einem hohen, königlichen Fest. Aber ein Tempel? Nein. Ein Tempel war es nicht. Ein Tempel, das war ihre kleine Schul zu Haus, in der Heimat. Hier klang es traulich und anheimelnd, wenn Schaul, der Chasan, die Keduscha anstimmte, und die ganze Gemeinde die Melodie mitjubelte, daß die Fenster klirrten. Dann ging man in einer fröhlichen, gehobenen Sabbatstimmung heim, und wenn die Nächte besonders sternenhell und lau waren, saß man wohl noch ein halbes Stündchen auf der Bank vor dem Hause zusammen und schwatzte mit den Nachbarn. Leib Morgenstern fand sich viel eher in das neue Leben. Man hatte hier in Wien ja eine Menge Landsleute. Mit denen galt es, in den Abendstunden zusammenzutreffen, um auch ein bischen in die Weltereignisse einzugreifen und hin und wieder dem Gang der Geschichte nachzuhelfen. Den kommandierenden Generälen mußte man Winke geben, wie das und jenes besser zu machen sei. Man wurde sogar aufgeregt und kampfesmutig, man ballte die Fäuste gegen den Feind, man eroberte die gefährlichsten Stellungen, man zerschmetterte ganze russische Armeen, die Uberreste sprengte man wie Spreu in die Winde . . . Nach getaner Arbeit jedoch — kehrte man heim, siegestrunken, aber ... versöhnlich gestimmt. (Schluß folgt.) Literarisches Echo Friedrich Delitzsch, Die Welt des Islam. Berlin 1915, Verlag Ullstein & Co. 189 Seiten. M. 1.— Delitzsch versteht wie nicht leicht ein anderer seine Zeit und darum dürfte auch sein vor kurzem erschienenes Büchlein, das in kurzer und klarer Weise uns in die Welt des Islam einführt, gerade jetzt sehr erwünscht sein. Es haben sich wohl in den letzten Jahren gar viele für die Türkei bezw. für die vorherrschende Religion daselbst interessiert, allein der Eintritt dieses Staates in den Weltkrieg hat weiteste Kreise angeregt, derselben mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Mit Recht sagt der Verfasser in seiner Einleitung, daß die langjährige enge Verbindung Deutschlands mit der Türkei, welche jetzt zur Waffenbrüderschaft erstarkt ist, es dem gebildeten Deutschen zur Pflicht macht, sich wenigstens einigermaßen mit dem Islam bekannt zu machen. Die Glaubens¬ und Sittenlehre des Islam, welche im Koran niedergelegt ist, hat für 300 Millionen Menschen maßgebenden Ausdruck gefunden und ist sicher wert, auch bei uns eine gerechte Würdigung zu finden. Der Preis der Schrift 'ist so gering, daß gewiß viele Leser sich dieselbe zu eigen machen können. Sollte sich nach deren Lektüre mancher eingehender mit dem Islam beschäftigen wollen, so sei er auf die „Vorlesungen über den Islam" von I g n a z G o 1 d z i h e r (Heidelberg, 1910) verwiesen. > J. Frä. Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße 4/i. Telephon 23 804. Gemeindenu. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnachrichten, die in diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höflichst eingeladen.) Dr. Jakob Möller Wiederum hat das deutsche gesetzestreue Judentum, die jüdische Jugend einen ihrer treuesten Anhänger, die zionistische Bewegung einen ihrer Besten verloren. Rechtsanwalt Dr. Jakob Möller aus Altona, der nur kurze Zeit auf dem Schlachtfelde war, ist auf dem westlichen Kriegsschauplatz am 22. Oktober einer Granatverletzung erlegen. Mit der Familie trauern um den klugen und guten Menschen weiteste Kreise, denen er durch seine Tätigkeit für die Allgemeinheit rühmlichst bekannt war. Ganz besonders die Zionisten haben Grund, dem Verblichenen, welcher mit jugendlicher Frische zielbewußtes Handeln verband, ein treues Gedenken zu bewahren. Als einer der Führer des Misrachi in der zionistischen Organisation war er bestrebt, die Interessen der Föderation mit denen der großen zionistischen Vereinigung in Einklang zu bringen und stets für das Wahre und Rechte nach allen Seiten hin einzutreten. Die Liebe und Treue zum überlieferten Judentum, welche eine Tradition seines Hauses bildete, waren ihm Herzenssache, ohne daß er darüber seine Verpflichtungen gegen die ge-