Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 44 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 370 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Das Jüdische Echo Nr. 44 Welt-Echo Die rumänischen Juden. Aus Bukarest kommt die Nachricht, daß ungeachtet aller Versicherungen des rumänischen Ministers des Äußern, daß die Juden aus den rumänischen Grenzgebieten nicht ausgewiesen werden, diese Ausweisungen in immer steigendem Maße fortgesetzt werden. Zahlreiche jüdische Gemeinden sind ruiniert. — In Jassy wird soeben ein Aufruf an die jüdische Intelligenz verbreitet, worin diese zum Anschluß an die national-jüdische Bewegung aufgefordert wird. David Kahane gestorben. Dienstag, 24. August, verschied in Odessa im 77. Jahre seines Lebens der hebräische Schriftsteller und Historiker David Kahane. Der „Gerechtigkeitssinn" der Polen. Wie der „Moment" unterm 29. September berichtet, hat das Warschauer Bürgerkomitee von den 13 Millionen Rubel, die sie zugunsten aller durch den Krieg Geschädigten ohne Unterschied der Nation und des Glaubens gesammelt hat, den Juden bloß 42 877 Rubel gegeben. Außerdem gingen von diesem Gelde etwa 50 000 Rubel den jüdischen Hilfskomitees der Provinz zu. Die Juden machen 16 Prozent ider gesamten Bevölkerung Polens aus und sollten demnach über zwei Millionen Rubel erhalten, sie erhielten jedoch nur etwa zwei Prozent der ganzen Summe. Der Zionismus in England. Dieser Tage fand in London eine Konferenz der Vertreter aller zionistischen Vereine und Föderationen statt, der auch Nahum S o k o 1 o w, Josef C o w e n und Boris G o 1 d b e r g beiwohnten und die sich mit den Fragen der Stärkung des Zionismus in England und die Stellung der Ziomisten zur gegenwärtigen traurigen Lage des jüdischen Volkes befaßte. Der Vorsitzende stellte in seiner Eröffnungsrede fest, daß der jetzige Stand der zionistischen Bewegung in England befriedigend sei; angesichts der momentanen schweren Not müßte jedoch viel mehr geleistet werden. Das Engere-Aktions- Komitee-Mitglied N. Sokolow erklärte, daß die zionistische Leitung sich ihrer verantwortungsvollen Aufgaben dem jüdischen Volke gegenüber bewußt sei und nachdem sich der Kriegssturm legen wird, werde diese ihr Möglichstes tun. Das A.-C.-Mitglied B. Goldberg (aus Wilna) mahnte die englischen Juden zur intensiveren Tätigkeit und hielt ihnen die russischen Juden als Muster vor, die trotz der schweren Krisis, die sie jetzt durchleben, einen Kriegsfond für die zionistische Organisation schaffen. Schließlich wurden folgende Anträge angenommen: In den kommenden Wintermonaten eine Propagandatätigkeit für den Zionismus in den Bethäusern und Vereinen zu entfalten. Den Botschafter Mor genthau und den Dumadeputierten Friedmann in Anerkennung ihrer Leistungen für das jüdische Volk in das Goldene Buch eintragen zu lassen. Einen Aufruf für den Zionismus zu veröffentlichen und eine literarische und Propaganda-Kommission ins Leben zu rufen, der die Agitation für den Zionismus obliegen soll. Sitzung des Petersburger Hilfskomitees. Vom 20.—23. August fand in Petersburg eine Konferenz der Jüdischen Kriegs-Hilfs-Komitees statt. Ins Präsidium wurden gewählt: der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Petersburg, M. A. Warschawski, Baron A. Ginsburg, H. Sliosberg, O. Grusenberg, W. Temkin, Abgeordneter der Reichsduma Friedmann, David Feinberg und E. Bärbel. Die Konferenz faßte hinsichtlich der Wohnrechtserweiterungen für die russischen Juden folgende Resolution: „Die Konferenz, die die Fragen der Hilfsaktion in Bezug auf die neugeschaffene Lage und auf den Erlaß vom 13. August über die Erweiterung des Ansiedlungsrayonsi behandelt hat, konstatiert, daß das Aufenthaltsrecht in den Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons, welches den Juden gewährt worden ist, nicht imstande sei, die akuten und nicht aufzuschiebenden Forderungen des Tages zu befriedigen, und die Grundsäulcn der jüdischen Rechtlosigkeit unberührt läßt. Die Konferenz drückt ihre tiefe Entrüstung über die Verfolgungen und Verleumdungen der jüdischen Bevölkerung während des Krieges aus und erklärt, daß nur durch die gesetzliche Abschaffung aller in Bezug auf die Juden herrschenden Beschränkungen der Staat seine Pflicht dem jüdischen Volke gegenüber erfüllen und die Wiederholung solcher Verfolgungen unmöglich machen wird." In den Debatten betonten die meisten Redner, daß der Beschluß des Ministerrats wohl von praktischem Wert sei, daß er aber absolut nicht ausreichend ist und die Art seiner Veröffentlichung eine Beleidigung für die jüdische Bevölkerung enthalte. Grusenberg nannte den Erlaß: „Zins, den die russische Regierung für ihre Anleihe zahlte". Bramson erklärte, es drohe die Gefahr, daß unsere Brüder jenseits des Ozeans wie auch die progressiven Kreise in Rußland im Ernst meinen, es sei etwas Großes geschehen. Die Konferenz sei berufen, diese Gefahr zu verhindern. Feuilleton Der Feldpostbrief Von Helene Hamerling. Jittel Morgenstern war eines häßlichen, regnerischen Herbsttages nach einer endlos langen Reise im Viehwagen mit erstarrten Gliedern, ganz zermalmt an Leib und Seele, mit ihrem Manne in Wien gelandet, in der großen, kalten, fremden und öden Stadt, wo sie keine Menschenseele kannte. Wer hätte das auch gedacht, daß sie auf ihre alten Tage die Flucht ergreifen würde? War sie doch aus ihrem lieben kleinen galizischen Nest zeitlebens nicht herausgekommen . . . Und nun mit einem Male. Wie ein Lauffeuer hatte sich die drohende Botschaft verbreitet, die Kosaken wären auf dem Anmarsch. Und alles, was Hände und Füße hatte, was nicht zu krank oder zu elend war, um flüchten zu können, hatte in fieberhafter Hast sein Bündel geschnürt und sich auf und davon gemacht. Denn seit Wochen waren die schrecklichsten Erzählungen von den unmenschlichen Gräueln, die Kosiaken verübten, im Umlauf, von dem Wüten dieses mörderischen, allem menschlichen Empfinden Hohn sprechenden Banditen- und Raubgesindels. Schlimmer wie die Pest waren sie, und ihr Weg Blut und Schrecken. Es tat so weh, die Heimat plötzlich und ohne irgendwelches Verschulden verlassen zu müssen, die Heimat, in der man jeden Steg, jedes Haus kannte, jeden Baum, jeden Hügel und jedes Bächlein, all die Menschen, mit denen man ein langes Leben Freud und Leid geteilt. Auch Jittel Morgenstern hatte Leids erfahren. Im Alter von zwanzig Jahren war ihre größte Hoffnung, ihr einziger Sohn gestorben. Er wäre etwas Großes geworden, hatten alle, die es wußten, gesagt. Er hatte von frühester Jugend eine tiefe, stille Nei-