Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 44 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 369 aber diese Forderung vor allem mit dem Hinweis darauf begründet, daß die ostjüdische Kultur mit der deutschen verbunden sei und sich in Zukunft noch mehr an sie anlehnen werde und so das stärkste Bollwerk gegen Rußland bilden könne, hat für die polnische Judenheit nichts, Entwürdigendes und Schädliches, und ist praktisch der einzige, der zum gewünschten Erfolg führen kann. Vielleicht ist es schöner und bequemer, sich demgegenüber aufs hohe Roß zu setzen und die Erteilung der nationalen Gleichberechtigung lediglich aus Gründen des Rechtes und der Moral zu fordern; sehr weit wird man aber mit solchen Posen nicht kommen. Und mir scheint, in solchen Stunden von historischer Entscheidung und höchster nationaler Krisis ist es besser und richtiger, praktische Politik zu treiben, als stolze Posen einzunehmen und schöne Phrasen zu deklamieren. Zeitungs-Echo Pressestimmen zur jüdischen Schulfrage in Polen. Der Warschauer „Hajnt" vom 27. September schreibt: „Wir setzen voraus, daß auch die eifrigsten Anhänger des Jidischen, die grundsätzlich eine jüdische Erziehung ohne Hebräisch für möglich halten, zu der Erkenntnis kommen werden, daß unter den neuen Verhältnissen eine jüdische Erziehung ohne Hebräisch unmöglich ist. Heute muß das Hebräische, und das in ausgiebiger Form, der erste Punkt unseres Programms werden, unabhängig von unseren Meinungen über die Zukunft des Hebräischen als Nationalsprache. Im Hebräischen liegen die Wurzeln unserer Kultur, in ihm rauscht der Quell unserer nationalen Eigenart, unserer Moral und unserer Wissenschaft. Darum muß jeder nationale Jude, ja auch jeder Jude, der sich zum jüdischen Volk rechnet und sein Fortbestehen wünscht, die Forderung möglichst vieler hebräischer Stunden in der jüdischen Volksschule erheben. Die jüdische Volksschule kann und soll keine Judenschule sein, aber wir müssen danach trachten, die guten Eigenschaften der alten Judenschule in die Volksschule in möglichst weitem Maße herüberzunehmen. Die Hauptsache ist, daß die Schule nach Inhalt und Geist jüdisch bleibt; das können wir tun und darnach sollen wir mit allen Kräften streben." In der „Jüdischen Rundschau" vom 22. Oktober schreibt Leo Herrmann an leitender Stelle: „Trotzdem in Rußland kein Schulzwang besteht, hat sich das russische Judentum aus eigener Kraft ein Schulwesen geschaffen, dessen Existenz auch ohne staatliche Sicherung in einem moralischen Schulzwang verankert ist. Seiner verpflichtenden Kraft hat sich kein Jude jemals entzogen. Dieses von innen heraus gewachsene jüdische Schulwesen hat seine vielhundertjährige Geschichte, seinen eigenen Charakter, seine eigenen, seinem innersten Wesen entsprechenden Entwicklungstendenzen, seine Lehrgegenstände und seine eigene Unterrichtssprache. Dieses ganze organische Wachstum hat seine Daseinsberechtigung in sich und läßt sich nicht durch mechanischen Zugriff von außen her entwurzeln." „Das Chederwesen ist in manchen Beziehungen sicherlich sehr reformbedürftig, seine Fehler und Mängel sind den beteiligten ostjüdischen Kreisen selbst wohl bekannt und mannigfache Versuche zur Herbeiführung eines gründlichen Wandels sind unternommen worden . . . Die Ersetzung der bisher gepflegten Sprachen, des Jidischen und Hebräischen, i si t aber keine Forderung, die aus der Reformbedürftigkeit des jüdischen Schulwesens zu b e g r ü n d e n wäre, noch auch überhaupt möglich ohne eine tiefgreifende Verletzung des Anspruches auf nationale Gleichberechtigung." In der selben Nummer äußert Leo Rosenberg sich zum gleichen Problem: „Die Frage ist für uns, ob die jidische Schulsprache in absehbarer Zukunft von unserer nationalen Sprache (dem Hebräischen) oder von einer fremden abgelöst werden wird. Dem russifikatorischen Ansturm haben unsere Schulen widerstanden, sie werden sich auch jedem anderen ähnlichen Versuch gegenüber behaupten. Ihre künftige Entwicklung wird sich in den von ihrer innersten Natur ihnen zugewiesenen Bahnen bewegen. Das große historische Kontinuitätsgesetz ist jedem papierenem Gesetz überlegen. Es wird vollends zu einer unüberwindlichen Macht, wenn sich der höhere Selbsterhaltungstrieb zu ihm gesellt. Auf diese Macht bauend, blicken wir getrost in die Zukunft. Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" schreibt im Leitartikel seiner Nr. 39 (8. Okt.): „Diese Bestimmung (daß die Schulsprache der polnischen Schulen polnisch, die der jüdischen Schulen aber deutsch sei) muß unter der polnischen Judenheit lebhafte Unzufriedenheit hervorrufen. Zunächst einmal vom allgemeinen Standpunkt der nationalen Ehre und des Rechtes der freien Selbstbestimmung, indem den Polen ihre Sprache als Schulsprache anerkannt, den Juden aber das Recht genommen wird, in freier Selbstbestimmung ihre Schulen zu organisieren, ihnen vielmehr deutsch als Schulsprache vorgeschrieben wird. Hinzu tritt aber das noch, wichtigere praktische pädagogische Moment. Die gesamte jüdische Kultur der polnischen Judenheit wurzelt in der jüdischen Sprache, die ihre Volkssprache ist, und in der sie eine reiche, bedeutsame Literatur geschaffen haben . . . Aber nicht nur vom jüdischen Standpunkt, auch vom deutschen gesehen ist diese Bestimmung der Schulverordnung nicht zu billigen. Der oberste und maßgebende Gesichtspunkt den 'deutschen Regierung (in Bezug auf die polnisch-jüdische Frage kann und muß der sein, die polnische Judenheit als selbständige, national geschiedene Bevölkerungsschicht gegenüber den Polen zu stärken und in ihnen ehrliche und treue Freunde Deutschlands zu gewinnen . . . Völlig verfehlt aber wäre es, wollte die deutsche Verwaltung die polnische Judenheit als durchaus deutsch betrachten und ihre Assimilation an das Deutschtum betreiben. Dies ist auch vom deutschen Standpunkt aus Gründen der nationalen Eigenart nicht wünschenswert und dürfte deshalb auch gar nicht in der Absicht der deutschen Verwaltung liegen. Umso unverständlicher ist die Aufoktroyierung der deutschen Sprache als Schulsprache für die polnischen Juden. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25.(Hotel Königshof)