Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 44 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116250--00562-9073389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
368 Das Jüdische Echo Nr. 44 erkläre vielmehr wörtlich: „Es muß jetzt, da es gilt, sich in Deutschland über die tatsächlichen Verhältnisse Polens klar zu werden, mit aller Entschiedenheit darauf hingewiesen werden, daß das polnische Judentum nicht nur ethnographisch und religös, sondern auch national und kulturell eine vom Polentum gesonderte Bevölkerungsschicht bildet, die ein kräftig entwickeltes, geistiges und kulturelles Leben führt, und forderte am Schluß meines Aufsatzes nicht nur die Sicherstellung der politisch-bürgerlichen Rechte, sondern auch die nationale Gleichberechtigung für die polnischen Juden. Daran anknüpfend führte ich dann weiter aus, daß die eigene nationale Kultur der polnischen Judenheit mit dem Deutschtum stärker verknüpft sei als die polnische Kultur, was schon durch die unbestreitbare Verwandtschaft der Sprachen bedingt sei, und es daher jetzt, da die polnischen Gebiete zu einem Bollwerk westeuropäischer Kultur gegen Rußland ausgestaltet werden sollen, im Interesse Deutschlands gelegen sei, den polnischen Juden nationale Gleichberechtigung und eine gesicherte Entwicklungsmöglichkeit zu verleihen, da sie, von Deutschland aus in das Land eingewandert, durch ihre jüdisch-deutsche (gemeint ist natürlich die jidische, nicht etwa eine Vereinigung deutscher und jüdischer) Sprache und Literatur, der deutschen Kultur schon ohnehin innig verwandt, infolge der furchtbaren Verfolgung natürliche Feinde der russischen Regierung, prädisponiert dazu sind, auf der Wacht gegen Rußland die treuesten und zuverlässigsten Wächter zu sein. Und nun frage ich, was in diesen Ausführungen Unrichtiges oder aber für die polnischen Juden Gefährliches oder Entwürdigendes enthalten sei. Die Richtigkeit einer Verbindung der jüdischen Sprache und Literatur mit der deutschen Kultur wird wohl niemand bestreiten können. Es ist eine wichtige und unbezweifelbare Tatsache des jüdischen Kulturlebens des 18. Jahrhunderts, daß die gesamte ostjüdische Generation der Haskalahzeit, die den Schritt vom Ghetto zur modernen Kultur tat, diesen Schritt an der Hand der deutschen Kultur tat, so daß die gesamte hebräische Literatur jener Zeit im wesentlichen an der deutschen orientiert ist. Und wenn in der letzten Zeit dies sich geändert hat, und für die junge Generation „Tolstoi und Dostojewsky die Durchbruchstore zur europäischen Kultur sind an Stelle der Mendelsohn und Lessing", so wird jeder, der nicht von der russischen Kultur angekränkelt ist, zugeben, daß dies geistig und seelisch der jüdischen „Intelligenz" Rußlands nur geschadet hat und es im allgemeinen Kulturinteresse wie auch vom Standpunkt der jüdischnationalen Kulturentwicklung nur zu begrüßen wäre, wenn für die osteuropäische Judenheit wieder die gesunde deutsche Kultur das Eingangstor zur europäischen würde statt der bei aller psychologischen Tiefe im einzelnen doch im großen ganzen ungesunden und morschen russischen Literatur.*) Und damit komme ich zu der anderen Frage, ob die Forderung einer Anlehnung der polnischen Judenheit an Deutschland für diese entwürdigend oder gefährlich sei. Man vergesse dabei nicht, daß diese Forderung auch nicht im geringsten mit derjenigen einer Vernachlässigung oder gar *) Es bedarf wohl keines Hinweises, daß die Schriftleitung des „Jüd. Echos" sich in keiner Weise mit solchen apodiktischen Urteilen des Verfassers identifiziert. (D. Red.) eines Aufgebens der jüdisch-nationalen Kultur zusammenhängt, vielmehr die ungehinderte freie Bewahrung und Pflege der eigenen Kultur zur Voraussetzung hat und nur darauf fußend, ihre Anlehnung an die deutsche Kultur fordert. Solche Anlehnung an eine große europäische Nationalkultur ist aber unbedingt notwendig. Man vergesse doch nie, daß all unsere Kultur im Galuth nur unvollständig und lückenhaft sein kann, daß wir unmöglich eine alle Zweige des geistigen Lebens umfassende, alle geistigen Bedürfnisse befriedigende Kultur in der Diaspora schaffen können. Wir müssen uns also stets bei aller Wahrung unserer eigenen Kultur auch noch an eine fremde, normale und umfassende Nationalkultur anlehnen, und in der gesamten 1800jährigen Diasporageschichte unseres Volkes war es denn auch so gewesen, sei es, daß diese Kultur die spanische, französische, italienische, deutsche oder russische war. Warum soll es aber für uns erniedrigend sein, wenn für die Zukunft eine Anlehnung der ostjüdischen Kultur an die deutsche — statt wie in letzter Zeit an die russische — gefordert wird? Ich glaube im Gegenteil, daß man damit der ostjüdischen Kultur nur eine große geschichtliche Mission zuerkennt, die eben, eines der stärksten Bollwerke Mitteleuropas gegen Rußland zu werden. Und zu all diesen theoretisch-prinzipiellen Momenten kommt noch ein anderes praktisches hinzu, auf das schon die Redaktion in dieser Wochenschrift hingewiesen hat: Mein Aufsatz war für Deutsche bestimmt; wenn man aber von der deutschen öffentlichen Meinung und der deutschen Regierung die Sicherstellung unserer nationalen Rechte in Polen verlangt, so ist es das selbstverständliche Gebot der Klugheit, ihr zu zeigen, daß dies auch in ihrem Interesse liegt. Wenn wir lediglich mit dem schönen Pathos von Recht und Gerechtigkeit und unseren heiligen nationalen Rechten kommen werden, wird das nicht sehr viel Eindruck machen. In der Politik herrscht eben nur der Grundsatz des do ut des; das mag traurig sein, aber es ist so. Und wenn man reale Politik treiben will, muß man mit den Tatsachen rechnen. Und darum befiehlt uns die elementarste politische Vernunft, der deutschen Regierung bei aller Betonung unseres absoluten sittlichen Anspruches auf nationale Gleichberechtigung doch stets zu beweisen, daß sie im eigenen Interesse der polnischen Judenheit ihre ungeschmälerten nationalen und bürgerlichen Rechte sicherstellen muß. Daß dies aber den polnischen Antisemitismus noch steigern würde, das dritte Argument im Aufsatz von S. R., ist nicht richtig. Der polnische Antisemitismus in seiner heutigen Form, der auf die völlige restlose Polonisierung Polens ausgeht, wird solange bleiben, als noch Juden in Polen sein werden, die gewillt sind, ihre jüdische Eigenart und Kultur zu wahren. Wenn man daraus die Konsequenz der Assimiliation zieht und sagt, also müsse die polnische Judenheit auf alle nationalen Rechte verzichten und nur danach trachten, ganz und gar Polen zu werden, so hat dies noch einigen logischen Sinn. Der Schluß hingegen, den S. R. zieht, daß die Anlehnung an Deutschland den polnischen Antisemitismus erregen müsse, ist unhaltbar. Ich schließe: der Standpunkt, den ich im Aufsatz in der „Frankf. Zeit." vertreten habe, der die Erteilung völliger nationaler Gleichberechtigung an die polnische Judenheit fordert, gegenüber der deutschen öffentlichen Meinung und Regierung