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Das jüdische Echo · 1915-11-05 · 44 (5.11.1915) · p. Seite 367

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
44 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 367 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 367 tiker.**) Aber die erdrückende Mehrheit der nationalgesinnten Juden erkennt in der jüdischen Sprache einen der Hauptzusammenhalte der jüdischen Massen des Ostens und weiß, daß mit ihrem Untergang auch ein gutes Stück lebendigen Volkstums unterzugehen droht. Daran aber hat keine nationale Bewegung Interesse, ein Stück Volkstum, selbst wenn seine Zukunft nicht auf allerfestesten Füßen stehen sollte, künstlich und .systematisch abtöten zu lassen. Wir dürfen nicht Philosophen sein, die sich den Luxus erlauben können, vom Piedestal der Jahrhunderte herab einer volkstümlichen Schöpfung den sicheren Untergang zu prophezeien. Das Leben geht seinen Weg, und wir haben in jedem Falle die Pflicht, die von unserem Volke geschaffenen Kulturwerte so lange als möglich lebendig zu erhalten. M. Zum polnisch-jüdischen Problem Eine Replik. Von Nachum Goldmann. Die Anklagen, die S. R. gegen meinen Aufsatz in der „Frankfurter Zeitung" erhebt, sind mir nicht neu; ich habe sie seit dem Erscheinen des Artikels von verschiedenen ostjüdischen Freunden schon manchmal vernehmen müssen — während viele andere meinem Standpunkt freudig zustimmten — und glaube daher die Ausführungen von S. R. mit ebensolchem Recht als „symptomatisch" bezeichnen zu dürfen wie sie die meinen so nennt: symptomatisch für die Denkart und Haltung gewisser nationalgesinnter ostjüdischer Kreise, die m. E. für die künftige Stellung der polnischen Judenheit höchst nachteilig werden kann. Drei Dinge wirft mir die geschätzte Opponentin vor (ich zitiere ihre Worte): 1. daß ich vollständig den wirtschaftlichen Charakter des polnischen Antisemitismus übersehe, 2. daß ich den Juden eine Rolle einräume, die gerade zum polnischen Antisemitismus führen werde, 3. daß ich eine jüdisch-deutsche Interessengemeinschaft konstruiere und vertrete, anstatt lediglich den schlechtweg jüdischen Standpunkt zu wahren. Man gestatte mir, auf diese drei Anklagen nach der Reihe zu erwidern: Den wirtschaftlichen Charakter des polnischen Antisemitismus übersehe ich durchaus nicht; ich schildere ja in meinem Aufsatze eingehend, wie der Kampf gegen die Juden vorwiegend auf wirtschaftlichem Gebiete geführt wurde. Wohl aber glaube ich und wird es von vielen in Polen wohnenden Schriftstellern und Politikern bestätigt, daß dieser wirtschaftliche Kampf zum größten Teil politische Gründe hat: den Anschluß der national- **) Wenn heute an einem so ernsten Wendepunkt der ganzen ostjüdischen Entwicklung es Männer gibt, die als Unterrichtssprache in den polnisch-jüdischen Volksschulen Hebräisch verlangen, so verstehen wir zwar das Prinzipielle ihres Standpunkts, sind aber von der Unmöglichkeit seiner praktischen Durchführung so sehr überzeugt, daß er' für uns nicht ernstlich in Betracht kommt. Es ist aber selbstverständlich, daß Hebräisch als Lehr gegenständ weiteste Berücksichtigung finden muß, und wir sind ebenso weit entfernt von den Vertretern der entgegengesetzten Meinung, die die Bibel durch jidische Übersetzungen entbehrlich gemacht wissen will. demokratischen Partei unter Dmowski an die russischen Oktobristen und die russische Regierung und damit die Notwendigkeit, ihre nationale Arbeit, die früher vorwiegend im Kampf gegen Rußland bestand, auf ein anderes Objekt zu richten, auf die wirtschaftliche Polonisierung Polens, eine Tätigkeit, die noch dadurch gesteigert ward, daß die Polen unter der russischen Herrschaft keine anderen Möglichkeiten freier nationaler Betätigung hatten. Daß neben diesen politischen Motiven natürlich auch das wirtschaftliche Moment der jüdischen Konkurrenz eine bedeutsame Rolle spielt, will keineswegs verkannt werden. Aber niemals hätte dieses wirtschaftliche Moment allein zu jenen brutalen, in dieser Erbitterung und Rücksichtslosigkeit einzigartigen Ausbrüchen antisemitischer Leidenschaft, zu jenem zoologischem Antisemitismus geführt, wie er in den letzten Jahren in Polen, und gerade vorwiegend in den Kreisen der Intelligenz bestand. Den besten Beweis für diese Auffassung bildet die Tatsache, daß bis in die letzte Zeit in Polen kaum ein Antisemitismus im gegenwärtigen Sinne des Wortes bestand. Somit hege ich die Überzeugung, daß sehr wohl die Herstellung normaler Beziehungen zwischen Juden und Polen möglich wäre; eine Fortdauer des jetzigen Verhältnisses wird notwendigerweise zu einem Ruin des Landes führen müssen, und das eigene Interesse müßte es den Polen gebieten, dem gegenwärtigen unnatürlichen Zustand ein Ende zu machen. Damit will ich aber keinesfalls sagen, daß nun auch zu hoffen wäre, daß die Polen bald dies einsehen und bessere Beziehungen zu den Juden herzustellen trachten werden. Die allgemeine Psyche des Polen, sein gegenwärtiger hysterischer Haß gegen die Juden, in den er sich hineingehetzt hat, macht solches für die nächste Zukunft wenigstens nicht wahrscheinlich, und darum glaube ich auch mit der Verfasserin, daß für die erste Zeit nach der deutschen Okkupation zumindest eine Fortdauer des Antisemitismus, wenn auch infolge der neuen Herrschaft in wesentlich gemilderter Form, zu erwarten ist. Gerade dies aber verleiht meinem Standpunkt betreffs der Stellung der polnischen Juden zu Deutschland — dem zweiten Punkt der Anklagen von S. R. — erhöhte Berechtigung. Denn wenn es feststeht, daß der polnische Antisemitismus und der Kampf gegen die Juden fortdauern wird, erweist es sich als doppelt notwendig, für diese sich einen Bundesgenossen zu deren Abwehr und Verteidigung zu suchen, damit sie sich gegen die brutalen, skrupellosen Angriffe der Polen erfolgreich halten können, und da glaube ich nun, daß sie allen Grund haben, in Deutschland einen solchen Helfer und Stützer zu suchen und zu finden, weil eine Sicherstellung der jüdischen Rechte in Polen, die Ermöglichung freier nationaler Entwicklung für die polnischen Juden durchaus den deutschen Interessen entspricht. Das ist der Kern all meiner Ausführungen wegen der deutsch-jüdischen Interessengemeinschaft, gegen die S. R. solch heftige Angriffe richtet, das und nichts anderes. Ich muß da mit aller Entschiedenheit ihrer Darstellung entgegengetreten, die es so hinstellt, als habe ich die polnischen Juden zu Handlangern und Dienern der deutschen Interessen degradieren und ihnen ihre Gleichberechtigung nur als Dank solcher Handlangerdienste zuerkennen wollen. Ich muß als Nationaljude, dem die Würde und Ehre unseres Volkes über alles geht, solchen Vorwurf beinahe als Beleidigung ansehen. In Wirklichkeit ist es mir nie eingefallen solches zu sagen. Ich

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