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Das jüdische Echo · 1915-11-05 · 44 (5.11.1915) · p. Seite 366

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
44 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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366 Das Jüdische Echo Nr. u aussichtlich den Standpunkt einer klugen weitsehenden Politik einnehmen. Dieser wird sie auf den Weg bringen, auf welchem sie am wenigsten an Sympathien bei der Bevölkerung Polens verlieren und zugleich am meisten wirtschaftlichen und politischen Nutzen ziehen können. Die Politik Deutschlands in Polen wird die der höchsten staatsmännischen Weisheit sein. Daran wird auch die verhältnismäßig kleine Schar nationalistischer Heißsporne nicht viel zu ändern vermögen. Welchen Weg aber Einsicht und Besonnenheit weisen, werden wir am besten beurteilen, wenn wir uns mit den Wünschen und Absichten der übrigen an der Frage interessierten Kreise bekannt machen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine an Zahl nicht sehr bedeutende, an Einfluß auf die Massen aber geradezu unbeträchtliche jüdische Intelligenzschicht, die polnische Kultur zu der ihrigen gemacht hat. Diese Intelligenz, die nurmehr dem Namen nach zum jüdischen Volk gehört und von diesem kaum als seine Intelligenz anerkannt wird, befindet sich in kulturellen Fragen allerdings ungefähr in der Lage der westeuropäischen Juden. Sie gehört kulturell zu den Polen, und es gibt nichts Natürlicheres, als daß der assimilatorische Vater seine Kinder in die polnische Nationalschule schickt. Nun wäre esi aber sehr ungerecht, die jüdische Schulfrage nach dieser für die Massen unmaßgeblichen, weil verhältnismäßig seltenen Erscheinung der jüdisch-polnischen Assimilation zu beurteilen. Die Polen mosaischer Konfession haben keine Qualifikation, a 1 s Juden in dieser Angelegenheit des jüdischen Volkes mitzureden. Sie mögen von dem Zugeständnis Gebrauch machen, das ihnen die deutsche Verwaltung gegeben hat: ihre Kinder in die nationalpolnische Schule zu schicken. Der Geist der jüdischen Schule wird dadurch nur gestärkt. Die große Masse des jüdischen Volkes aber hatte auch unter russischer Herrschaft ihr jahrhunderte-altes Volksschulsystem: den Cheder. Der einzige Unterrichtsgegenstand dieser Schulen war bis in die letzten Jahre Hebräisch und die einzige Unterrichtssprache J i d i s c h. Diese beiden nationalen Sprachen der Ostjuden werden in der jüdischen Zukunftsschule Polens den hervorragendsten Platz beanspruchen dürfen und zwar so, daß das Jidische allgemeine Unterrichtssprache, Hebräisch dagegen ein Hauptunterrichtsgegenstand wird. Man kann die Reformbedürftigkeit des alten Cheders nicht in Abrede stellen. Aber ebensowenig darf man sich der Erkenntnis verschließen, daß diese einseitige Religionsschule eine nach europäischen Begriffen beinahe analogielose Bedeutung für die Konservierung des guten altjüdischen Geistes besaß. Es wird der Anspannung aller bewahrenden Kräfte der polnischen Juden bedürfen, um das judentumerhaltende Moment des Cheders in die neue jüdische Schule hinüberzuretten. Der reformierte Cheder wird alle Vorzüge moderner Pädagogik aufweisen, aber der Geist der alten Schule darf ihm nicht fehlen, wenn anders er im Leben des jüdischen Volkes noch die bedeutsame Rolle spielen will, die ihm im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zukam. Es ist daher verständlich, daß eine der wichtigsten, ja vielleicht die zentrale Forderung der polnischen Juden hinsichtlich ihrer kulturellen Autonomie die ist, daß ihre Schulen im altjüdischen Geiste fortgeführt werden. Dem polnischen Volke in seiner großen Mehrheit wird es nunmehr ziemlich gleichgültig sein, ob die jüdische Volksschule Deutsch oder Jidisch zur Unterrichtssprache hat, nachdem doch einmal wenig begründete Aussicht besteht, die jüdische Schule im Ganzen zu polonisieren. Freilich werden die Polen ihre Hoffnung, die jüdische Schule unter polnischen Einfluß zu bringen, nicht leicht fallen lassen.*) Aber über die Stellung des Polnischen bezw. Deutschen als Unterrichtsgegenstand in der jüdischen Schule wird eine friedliche Einigung möglich sein. Eine nicht ungefährliche und auf jeden Fall unverständliche Rolle droht in dieser Angelegenheit ein Teil der deutsch-jüdischen Assimilation zu spielen, insofern sie ihre höchst subjektiven, nur durch Seichtigkeit sich auszeichnenden abfälligen Werturteile über die jüdische Sprache mit in die Wagschale wirft und bei den in Betracht kommenden Ostjuden bereits einen deutschnatiortalen Patriotismus voraussetzt, der nach menschlicher Einsicht und in Anbetracht der schnellen Änderung der politischen Verhältnisse noch keine so feste Form angenommen haben kann, um darauf ohne Schädigung des deutschen Ansehens ein deutsches Schulwesen aufzubauen. Die Staatstreue der Ostjuden will auf die gleiche Weise erworben sein, wie die anderer Völker. Daß die polnischen Juden in der Tat in Deutschland einen Befreier sehen, darf nicht dahin mißdeutet werden, daß die deutsche Verwaltung sich über die Wünsche der jüdischen Bevölkerung leichten Herzens hinwegsetzen dürfe. Wem an der Gefolgschaft der Ostjuden liegt, tut gut daran, ihrer jüdischen Gesinnung Rechnung zu tragen. Schon aus diesem einfachen Grunde sollten jene deutsch-jüdischen Assimilantenkreise dafür Sorge tragen, daß die gut jüdische Gesinnung des Ostjuden nicht um einen ihr kostbaren Besitz gebracht wird. Einen fast durchaus nur ideellen Einfluß auf die Erledigung dieser Schulfrage, aber die vom jüdischen Standpunkt sicher ethisch wertvollste Meinung hat das nationale Judentum der ganzen Welt. Zwar fehlt es auch hier nicht an bedauerlichen Entgleisungen vereinzelter Fana- *) „Die jüdische Korrespondenz" (Wien) gibt in ihrer Nr. 10 ein Gespräch wieder, welches ihr Redakteur mit dem jüdischen Reichsratsabgeordneten Dr. J. Steinhaus hatte. Steinhaus formulierte seine Meinung dahin, daß es den jüdischen Eltern überlassen sein solle, ihre Kinder in einer polnischen oder in einer jüdischen Schule einzuschreiben. In den jüdischen Schulen solle der „Jargon" die Unterrichtssprache sein, das Polnische aber als obligater Gegenstand eingeführt werden. Der „Jargon" als Unterrichtssprache solle jedoch nur während eines Übergangsstadiums Geltung haben, d. h. bis die Schulkinder sich die polnische Sprache derart angeeignet haben, daß sie den ganzen Unterricht im Polnischen genießen können. Dieses Übergangsstadium sei deswegen notwendig, weil Tausende jüdischer Kinder, besonders die erst in den letzten Jahren aus dem inneren Rußlands eingewanderten, der polnischen Sprache nicht mächtig seien. Die Entscheidung in dieser Angelegenheit unterliege zwar der deutschen Reichsregierung, resp. dem Oberkommando, aber der deutsche Reichstagsabgeordnete Dr. Haas, der Referent der deutschen Verwaltung, teile diesen Standpunkt und habe versprochen, ihn bei seiner Regierung aufs wärmste zu empfehlen (? D. Verf.).

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