Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 43 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- Seite 362 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Das Jüdische Echo Nr. 43 Da hatte er Blümlein, zählte sie und fand stets neue, die er noch nicht gezählt hatte. Hoch auf einem Baum, auf einem versteckten Zweiglein sang verborgen ein Vogel. Motele wollte das Vöglein sehen, er schlich näher und näher —i da verstummte der Qesang. Er ging zurück, und der Vogel stimmte wieder an. Da glaubte er, das Vöglein wollte mit ihm Verstecken spielen und spottete seiner: Such mich! Fang mich! Motele. So verstrichen schnell die Stunden und sein Hunger begann sich zu regen. Kurz entschlossen machte er sich über sein Frühstück und aß mit Appetit, unbekümmert um den Cheder, und dachte nicht an die Folgen. Die Bröslein warf er den Vögeln zu. Streute er die Krumen aus, flogen die Vögel in die Höhe, kamen aber bald zurück und pickten sie auf, und eines riß sie dem anderen aus dem Schnabel. Dies Spiel gefiel ihm, seelenruhig saß er da, zerbröckelte seine Brötchen und warf sie den Vögeln zu. Plötzlich hörte er der Mutter Stimme: „Da ist er, der fleißige Schüler, Ehre lege ich mit dir ein!" Die Mutter kam auf ihn zu und hinter ihr zwei Mitschüler, die der Rebbe geschickt hatte, um zu erfahren, warum Motele heute nicht in den Cheder komme. Und wenn er nicht freiwillig gehen will, war des Rebben Qebot, so sollt ihr ihn mit Gewalt herbeischleppen. Motele wußte, weshalb die Knaben hinter der Mutter gehen; aber er erschrak nicht, sprang auf und lief davon. Die Mutter erwischte ihn bald. ,So foppt man eine Mutter! Sagst, du willst in den Cheder und verkriechst dich im Garten! Das hätt* ich nicht von dir gedacht! Pfui! Schäm' dich vor deinen Kameraden." „Komm, Motele," redeten die Kameraden ihm freundlich zu, „der Rebbe hat gesagt, er wird dir gar nichts tun, wenn du freiwillig gehst." Motele warf einen bösen Blick auf sie, da fiel ihm ein, wie sie gestern aus dem „Chumech" geschrieen haben: Sewach — a Schächtung, Schlomim — a schlomim! „Ich will keine Schächtung, kein Schlomim, kein Tomim, ohn mum, bum, bum," schrie er aufgeregt und verzweifelt. „Er ist verrückt, hört nicht auf ihn, schleppt ihn in den Cheder, schämen soll er sich," schrie die Mutter. Die Knaben aber packten ihn und zerrten ihn mit Gewalt, er aber schrie: „Ach, Mutter, hab' Mitleid, ich will keine Schächtung, kein mum, ich bin noch klein, ich weiß noch nicht, was Sewach ist, ich will nicht! ich will nicht! . . ." Zeitungs-Echo In der „Täglichen Rundschau" vom 9. September erschien folgendes „Bild aus Kurland": „Das Schrecklichste, was wir erlebt haben, war die Judenausweisung, eine ähnliche stand übrigens den Deutschen bevor, und nur dort, wo ein charaktervoller russischer Kreischef waltete, ist es den Deutschen gegenüber nicht zu dem Entsetzlichsten gekommen. Der Ausweisungsbefehl wurde den Juden drei Stunden vor seiner Durchführung (d. h. 1 Uhr nachts) bekanntgegeben. Wer 4 Uhr nachts nicht zu Fuß den Ort verlassen, wurde von Kosaken niedergeknüppelt. Verständige Kreischefs gaben 24 Stunden Zeit. In der nächsten Bahnstation drängte sich die Masse der Juden zusammen; einigen gelang es, dastehende Viehwagen gegen teures Geld noch zu besteigen. Sie waren ungereinigt und noch voller Dünger. Tausende von Juden aber konnten nicht unterkommen, da plötzlich alle verfügbaren Wagen für russisches fliehendes Militär bestimmt wurden. Von den im Walde liegenden jüdischen Familien sind unzählige vor Hunger umgekommen, da ringsum nichts Eßbares aufzutreiben war. Endlich wurde unter uns organisiert. Es war aber auch allerhöchste Zeit, denn Hunderte waren schon verschmachtet. Um die Ohnmächtigen kümmerte man sich kaum, aber entsetzlich anzusehen waren die vielen, vielen Wahnsinnigen; es gibt ein schreckliches Wort in der russischen Sprache, das heißt pogolowno — Kopf über Kopf — so traf es die Juden: Greise, Krüppel, Lepröse, Schwangere, Säuglinge, Soldatenfamilien, und selbst jüdische Soldaten, die zur Erholung in der Heimat weilten, dazu alle Insassen von Armen-, Siechen- und Irrenhäusern — ein ganzes Volk wurde so ins Elend gejagt, in fünf schon von Juden übervölkerte Gouvernements, wo, wie es heißt, Judenhetzen sie erwarten. Außerdem war durch die lettische und russische Presse der lettische Pöbel zu Ausschreitungen gegen die Juden aufgestachelt worden. Man schrieb da, dieser Massenmord sei die gerechte Strafe für begangene (übrigens nie erwiesene) Verräterei einzelner Juden und ein Vorbeugungsmittel gegen zukünftige. Keinem Juden wurden von den Letten vor der Vertreibung die Schulden bezahlt. Für seine Waren wurden ihm ein Zehntel des Wertes geboten, und der Jude mußte verkaufen, denn er brauchte Bargeld und rechnete damit, daß die Geschäfte doch über kurz oder lang geplündert wurden. Und zu all dem materiellen Schaden, dem körperlichen und seelischen Leid, der Spott und Hohn der Letten. Dafür ein Beispiel: Ein Wagen, vollgepfropft mit ärmlichsten Kindern und Bündelchen fährt vorüber — ein Elend, daß einem sich das Herz zusammenkrampft, da lachen lettische Burschen roh und höhnisch: „Das Vieh fährt zu Markt, sieh da, wieviel kostet ein Pfund Judenfleisch?" Die Deutschen waren fassungslos vor Empörung und Mitleid, die Hände waren uns ja gebunden. Wjas haben schließlich die gesammelten Tausende und Zehntausende und Hunderttausende genützt, es war ja nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Die Juden selbst haben ihr Unglück wie Helden getragen: Einer für alle, alle für einen. Die jüdischen Ärzte waren nicht mit ausgewiesen worden, weil sonst halb Kurland ohne Ärzte blieb; da war aber keiner, der zurückblieb; die Schande ihres Volkes trugen sie als ihre Ehre. Mit einem alttestamentlichen Fluche sind sie aus ihrer Synagoge fort ins Elend gegangen. Uns Zurückbleibenden aber packte der Ekel gegen das Lettengeschmeiß. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Botel Kooigshof)