Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 43 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- Seite 359 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116249--00552-9073379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43 Das Jüdische Echo 359 kraft wirken, zumal außerdem neue und günstige Erwerbskonjunkturen wirkten. Die heutigen Ostjuden dagegen sind nur zum kleineren Teil Händler, sonst aber eine große Masse arbeitender Kleinbürger und Proletarier und für Masse ist niemals und nirgends der Weg zum allgemeinen Aufstieg, die allgemeine Lockung des Reich Werdens gegeben. Sie sind durch viele hunderte Jahre an das Zusammenleben in volkreichen Gemeinden — gerade in den letzten Jahrzehnten mit immer steigenden Riesenziffern — gewohnt und haben in diesen Gemeinden und Massenkonzentrationen ihr uraltes, ohnehin reiches und ganz besonders eigenartiges Volksleben weiter entwickelt. Auch standen sie nicht allein als „andere" einer einheitlichen Nation, sondern einer Mehrheit von Völkern gegenüber, konnten sich so das Gefühl und Bewußtsein der eigenen selbstverständlichen Volkszusiammengehörigkeit nicht nur erhalten, sondern durch neue Schöpfungen von Formen und Werken noch festigen und hatten Zeit, bis zur Erkenntnis dieser Volkszusammengehörigkeit als Grundlage für Forderungen und Bewegungen vorzudringen. Und vergißt man vor allem nicht, daß ihre nationale Gemeinschaft im wesentlichsten Maße auf der unvergleichlichen Konsistenz des jüdischen Glaubenslebens der Massen beruht — die Intelligenz, bei der sich übrigens schüchterne Anzeichen religiöser Einkehr zeigen, kann daran nichts ändern —, so ist das Bild fertig: Das Bild eines Volkes, das sich von den deutschen Juden der Emanzipationszeit durch einen starken jüdisch-volklichen Instinkt und Besitz unterscheidet. Und noch eine Erwägung spricht gegen den Versuch, aus den Ostjuden, sofern und soweit sie der Kriegsausgang in den Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches bringen sollte, eine zweite Ausgabe deutscher Juden zu machen. Wenn nämlich für die Millionen neu hinzukommender jüdischer Reichsangehöriger tatsächlich die Losung zur Geltung kommen könnte: Werdet deutsche Juden — so müßte das beginnende Hindernisrennen nach diesem Ziele Erscheinungen zeitigen, die ganz und gar nicht nach dem Geschmacke des deutschen Volkes wären, seinem nationalsten Interesse zuwiderliefen. Man braucht nur ein wenig zurück- und um sich zu blicken, zu sehen, wieviel K'uhe und Maß, Gediegenheit und schöpferische Kraft auf beiden Seiten es gekostet hat, bis auch nur das heutige, noch immer etwas problematische Gleichgewicht im Verhältnis zwischen den deutschen Juden und dem deutschen Volke erzielt wurde, um zu erkennen, wie ganz besonders gefährliches wäre, gegenüber den Ostjuden die gleiche Methode anwenden zu wollen, die man gegenüber den heimischen W/estjuden angewendet hat. Handelt sich's doch da nicht um eine unbedeutende Gruppe, sondern um Millionen, nicht urn Leute, die, wenn auch isoliert, doch schon über ein Jahrtausend mit den Deutschen zusammengelebt haben, sondern um ein Volk, daß si:h fern vom deutschen Volk entwickelt hat, nicht;<m Juden mit geminderter, sondern mit lebhafter jüdischen Volksenergie. Schritte man ernstlich an die Entwurzelung dieser Eingewurzelten, so würden sich die bloßgelegten Wurzeln mit dem ganzen Reichtum ihrer Säfte dagegen wahren, sich im Deutschtum einzugraben, würden aber auch ohne allen Nährboden bleiben. Und dies wäre dann nicht nur ein besiegeltes Schicksal des jüdischen Volkes, Halbvolk zu sein und die Verantwortung für die aufgenötige Halbheit zu tragen, sondern würde auch eine verhängnisvolle Schädigung des deutschen Volkes bedeuten: Der Versuch, der mit den deutschen Juden noch halbwegs glimpflich verlief, würde, mit den Ostjuden wiederholt, so unglücklich als nur möglich verlaufen. Ein unsicheres Gemeinschaftsetwas, das in anhaltender Verfälschung, Abbröckelung. Entstellung seiner ursprünglichen Anlagen, in einer nicht endenwollenden Krise seiner Anlagen begriffen ist, würde sich mitten unter den Deutschen breit machen. Ein Heer von Unzulänglichen und Unberechenbaren — Enthusiasten und Anwälten der wohlfeilen Phrase, Fanatikern intuitionsbaren Denkens, Arrangeuren und Anbetern des leichten Erfolges — würden sich über das deutsche Leben ergießen. Jüdisches Gemeindewesen in Rußland*) Von L. A., München. Es wäre richtiger, zu sagen: das Gemeinde Unwesen; denn es gibt keine jüdische Gemeinde im rechtlichen Sinne, wenn man nicht jene religöse Organisation für eine solche hält, welche zu dem einzigen Zweck existiert, eine eigene Registratur der Geburten, Ehen und Todesfälle zu führen. Alles andere, was von den Juden auf Grund ihrer religiösen, kulturellen und anderen Interessengemeinschaft geschaffen worden ist, das verzweigte System von synagogalen und weltlichen Vereinen — all dies ist inoffiziell, privat. Es sind das voneinander getrennte Glieder, der Körper als Ganzes aber existiert nicht. Es hat zwar oft den Anschein, als wären die Glieder organisch miteinander verbunden, und mancher ahnungslose Jude glaubt sich im festen Bunde mit der ganzen jüdischen Welt (Olom) zu befinden, worauf ein innerliches Gefühl der Sicherheit gegründet ist. Der einzelne Jude fühlt sich schwach, hält aber die Gesamtheit seiner Gemeinde (den „Zibur") für widerstandsfähig gegen einen Schlag: „In den Leiden der Vielen steckt ein guter Teil Trost". Gar gern versteckt sich der Jude in schlechten Zeiten hinter der Mauer der Gesamtheit (Klal) und tröstet sich mit dem jüdischen Spruch: „Wos s'wet sein mit Klal -Isroel, wet sein mit R e b -Isroel"____ Das sind aber nur geistige Fäden, welche den „trockenen Gebeinen" ein Leben verleihen und die Mitglieder des Volkes sich eng miteinander verknüpft fühlen lassen, ebenso wie sie im Volke ein Gefühl der Verwandtschaft mit der Gottheit hervorrufen („Gott, Israel und die Tora sind Eins"). Besonders in den kleineren Ortschaften, wo die Juden noch sehr abgeschlossen von der christlichen Umgebung leben, wird dieses Gefühl der Sicherheit empfunden. Allerdings ließen die Auswanderung nach Amerika, die Bildung eines umfangreichen Großstadtpublikums, die materielle und geistige Differenzierung im Judentum auch hier Merkmale einer Spaltung erkennen und neue Gedanken aufdämmern, welche mit jenem Gefühl der Abgeschlossenheit und Sicherheit im schroffsten Widerspruch stehen. Vorbei ist die Zeit, *) Ich bemerke ausdrücklich, daß die Verhältnisse in Polen vo^ den folgenden Betrachtungen ausgeschlossen sind. Allerdings ist die Verschiedenheit mehr eine äußerliche, in der Gesetzgebung begründete. Das dargebotene Bild dürfte im Großen und Ganzen allgemeine Gültigkeit beanspruchen.