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Das jüdische Echo · 1915-10-29 · 43 (29.10.1915) · p. Seite 358

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
43 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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Völker rings um Deutschland, die jetzt Gift und Galle speien, nur ahnen könnten, wie nötig ihnen diese Deutschen in ihrer Mitte sind! Wie gut das von der Vorsehung ist, daß sie dieses Volk unter sie gesetzt hat!" Und was Österreich anlangt, so führt es gegen Rußland uhd Italien keinen Zufallskrieg, sondern den Kampf für die Idee der Völkerbefreiung. Nirgends sind so viele ernste Tendenzen vorhanden, die Idee des Staates, losgelöst vom Nationalen, durchzuführen als in Österreich. * Der Sieg Deutschlands und Österreichs wird auch jenen Völkern zu Gute kommen, die in den Zeiten der Bedrängnis sich als ihre treuen Anhänger erwiesen. Daß zu diesen das Volk der Ostjuden gehört, ist über allem Zweifel erhaben. Nun sind über die Ostjuden ziemlich fehlerhafte, ja geradzu falsche Vorstellungen verbreitet. Diese Unklarheiten und Fälschungen fließen aus drei Quellen: U aus dem Vorurteil gegen den jüdischen Stamm überhaupt, 2. aus den Mitteilungen gegensätzlich interessierter Heimatsgenossen (z. B. der Polen) und 3. aus den Darstellungen, welche die Westiuden von ihren östlichen Stammes- und Glaubensgenossen — »von denen sie so weit abgekommen sind, daß sie sich kaum über sie zu informieren, geschweige sie richtig zu beurteilen verstehen" — zu geben pflegen. Besonders ist gegen den Umstand zu protestieren, daß jeder „Fadian" heute im Namen der europäischen Zivilisation das Recht zu haben glaubt, über die Ostjuden den Stab zu brechen. Die Tatsache, daß sich ohne große Fehlerquelle behaupten läßt, daß jeder in Deutschland und Frankreich wohnende Bürger als Deutscher und Franzose qualifiziert werden darf, kann nicht einfach auf russische Verhältnisse übertragen werden. Ebenso wäre es falsch, die Ostjuden als eine Nurglaubensgemeinschaft nach dem Muster der westjüdisch-liberalen Ideologie zu behandeln. Denn erstens gibt es (bedauerlicherweise) eine religiös indifferente national-jüdiische Intelligenz und zweitens wäre auch eine durchaus religiöse Ostjuden- Jheit noch kein Beweis für ihre Nur glaubensgemeinschaft. Der ostjüdischen Kultur gebricht es an nichts, was zu den entscheidenden Merkmalen eines Daseins gehört. Auch nicht an der Sprache. Eine nur im Gefühl begründete, in nichts Tatsächlichem haltbare Voreingenommenheit macht aus dem Jidischen ein verdorbenes Deutsch, Kauderwelsch, Jargon usw. In Wirklichkeit ist Jidisch kein deutscher Dialekt, sondern eine aus Mittelhochdeutsch, Hebräisch-Aramäisch und Slawisch entstandene, dem Englischen vergleichbare Mischsprache. Das Jidische als Beweis ostjüdischer Deutschtumsvertretung zu mißbrauchen, liegt bei den wahrhaft inneren Sympathien der Ostjuden für die Deutschen kein Anlaß vor. Das hieße diese inneren Berührungspunkte entwerten. „Die Ostjuden sind keine Deutschen, ebensowenig wie sie Russen oder Polen sind. Sie sind nichts von dem, als was sie eine dreifach gefälschte Information seit Jahrzehnten der Öffentlichkeit einredet. Sie sind ein Volk, den anderen Völkern kongruent und kommensurabel. Sie fordern zu denselben Fragen heraus, die eben Völker Völkern und Staaten aufzuerlegen pflegen. Was bedeuten wir für euch? Was ihr für uns? Wie sollen wir uns demnach zueinander stellen?" * Die Wahlverwandtschaft zwischen Deutschen und Juden trotz aller nationalen und rassenmäßigen Verschiedenheiten, trotz aller Gegensätze des Temperamentsi, des Gemütes, des Lebensrythmus und des arbeitenden Geistes, liegt tief begründet in der ethischen Verankerung beider Volksseelen. Daß diese Freundschaft bisher ziemlich einseitig war, entwertet sie nicht. Gerade nach diesem Krieg wird sich eine entgegenkommende Haltung Deutschlands gegen die Ostjuden reichlich belohnen. Denn die Bedeutung der Ostjuden für das deutsche Wirtschaftsleben li'iegt auf der Hand. Allerdings darf sich Deutschland seinen Blick nicht durch allerlei Suggerierungen trüben lassen. Das Verkehrteste wäre es, wenn Deutschland aus den Ostjuden eine Art „zweiter Auflage" der deutschen Juden machen würde. Damit wäre den Juden wie den Deutschen der größtmöglichste Schaden angetan (Vergl. dazu den folgenden Artikel!). Das Verhältnis der Ostjuden zu Osterreich ergibt sich aus dem Wesen dieses Staates. Während schon die westösterreichischen Juden ein viel komplizierteres Gebilde als die deutschen Juden darstellen, (insofern sie, ohne ein eigenes spezifisch jüdisches Kulturleben zu besitzen, als drittes bezw. viertes Volkselement von den anderen zu einer höchst schwankenden Stellung verurteilt werden), so ist hinsichtlich der eigentlichen Ostjuden (in Galizien und der Bukowina) kein Zweifel möglich, daß sie ein Recht darauf besitzen, als selbständiges Volk neben allen anderen österreichischen Völkern zu existieren. Dabei droht keine Gefahr, daß die Juden zu „üppig" werden. Alles Unzulängliche der bisherigen Verhältnisse entspringt im Gegenteil aus der Anonymität des jüdischen Kultur- und Volksdaseins, aus der Nichtanerkennung einer jüdischen Nation in Österreich. Hinsichtlich des Verhältnisses der Ostjuden zu den Polen bleibt die Zeit abzuwarten, in welcher den Polen wieder die Vernunft kommt und sie begreifen lernen, daß eine Anerkennung der jüdischen Nation nicht mit ihrem eigenen Ruin in irgend einem logischen Zusammenhang steht. Die Ostjudenfrage und die Emanzipation der Juden in Deutschland Wir entnehmen diese höchsit interessanten Ausführungen der in dieser Nr. ausführlich besprochenen Schrift Dr. Nathan Birnbaums: „Den Ostjuden ihr Recht!" Nichts ist unrichtiger, als der weitverbreitete Aberglaube, daß sich die heutigen Ostjuden ganz oder ungefähr in derselben Lage befinden, in der sich die deutschen Juden vor beiläufig hundert Jahren befanden, daß sie demselben Prozesse entgegengehen, in den diese damals eintraten. Die deutschen Juden des zu Ende gehenden achtzehnten und des ersten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts lebten in Zwerggemeinden, fast durchaus als Händler und im Dunstkreis einer Zeit, in der die nationalen Bewegungen am Anfange und noch mit der ganzen Geradlinigkeit des Weltbürgertums ausgestattet waren, in einer Zeit überdies, in der die Religion in ihrer innerlich organisierenden und erhaltenden Kraft nachzulassen begann. Sie konnten daher das Gefühl einer großen lebendigen jüdischen Volks- und Massengemeinschaft nicht kennen, und konnten andererseits auf der Linie des bewußten Nationalismus noch nicht bis zu ihrem eigenen Volke vordringen. Auf sie mußte das Drüben einer breiten, einheitlichen, nationalen Gemeinschaft mit großer Anziehungs-

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