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Das jüdische Echo · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · p. Seite 353

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 353 turelle Organisation des jüdischen Volkes zu beseitigen und die Juden aus ihrer geknechteten, entrechteten und unwürdigen Lage zu erlösen unternommen hat. Der Zionismus ist die Regenerierung des jüdischen Volkes, er hat dieses moralisch und geistig aufgerichtet, dem jüdischen Volke ein Ideal gegeben und führt es in die Sonne der Aufklärung, der Freiheit, zur wahren nationalen und volklichen (ileiciiberechtigung und Gleichwertigkeit mit den anderen Völkern. Die Kations- und Volksqualität der Juden steht nicht allem unseren gesetzestreuen, im traditionellen Judentum wurzelnden Stammesgenossen, sondern insbesondere allen jenen, die für den Weiterbestand des Judentums kämpfen, außer Fra',re. Die intensive Bewegung in den jüdischen Massen, in den Kreisen der jüdisch-akademischen Jugend und der jüdischen Intellektuellen auf gesetzliche Anerkennung der jüdischen Nationalität ergreift denn auch immer weitere jüdische Volksschichten. Alle Eindämmungen und Sophismen können diese Bewegung nicht unterdrücken, weil die Existenz des jüdischen Volkes geschichtlich begründet und — was allein entscheidend ist — die ungeheuere Mehrheit der Juden sich als Volk, als national-politische Individualität fühlt. Die in ihrer Eigenart herrliche jüdische Kultur, die klassisch-schöne, bilderreiche, gedankentiefe hebräische Sprache, die gemeinsame Religion, Tradition und Geschichte, die Rassen- und Charaktereigemümlichkeiten, die gemeinsamen Schicksale, Leiden und Verfolgungen, die eigenartigen Sitten und Bräuche, insbesondere die Gemeinschaft des Blutes, die Stammesgemeinschaft, drücken 'der Judenherrschaft alle Merkmale einer eigenen Volksgemeinschaft, einer eigenen nationalen Einheit auf. Und in der Tat haben sich die Juden kraft ihrer gemeinsamen Abstammung als spezifische Rasse nahezu ganz rein erhalten. Die Judenschaft empfindet es deshalb auch überaus schwer, daß ihr Recht auf eine Sonderexistenz als Volk angezweifelt, oder zu einer Streitfrage geworden ist, indem insbesondere selbst in jüdischen Kreisen die Erkenntnis der Nationsqualität der Juden auf Widerstand und Unverstand stößt. Bei keinem, selbst numerisch noch so kleinen und kulturell sogar rückständigen Volke wäre es denkbar, und kein Angehöriger desselben würde dessen Sonderexistenz oder Nationsqualität anfechten und der gesetzlichen Verwirklichung entgegentreten; sie ist etwas Selbstverständliches, ein kritikloses Axiom. Umsomehr beim Judenvolke, das ja einst einen eigenen Staat gebildet hat, eine mehrtausendjährige Geschichte, hohe Kultur und mit seltenen geistigen Schätzen ausgestattete Literatur besitzt, das eine beispiellos zähe, innige Anhänglichkeit und Treue an Religion und Volkstum, eine aufopferungsvolle Verteidigung dieser Güter gegen schreckliche Verfolgungen aufweist! Die Gegner des jüdischen Volkes sind leider in seiner eigenen Mitte, gefährden seinen Bestand, da die stark um sich greifende und deshalb geradezu verhängnisvoll gewordene Assimilationsbewegung unter den Juden deren Entnationalisierung, die Ertötung des jüdischen Bewußtseins, die Zerreißung der Zusammengehörigkeit bedeutet und so den langsamen, aber systematischen und sicheren Abfall vom Judentume und als Schlußeffekt dessen Zerfall und Auflosung nach sich zu ziehen droht. Und darum muß jeder nationalbewußte Stammesgenosse die Assimilation, als gefährlichste Feindin unseres Volkes, unbeugsam bekämpfen. Genug des Schadens, genug der stets zunehmenden Verluste eines großen Teiles der Blüte, der wertvollen, leistungsfähigen Kräfte unseres jüdischen Volkes, die vornehmlich die unglückselige Assimilation ebenso, wie das völlig unbegründete Vorurteil einer Minderwertigkeit der Juden verschuldet! Deshalb muß es unsere vornehmste Aufgabe sein, unsere Jugend dem jüdischen Volke nicht entfremden zu lassen, diese Jugend, die Hoffnung unseres Volkes, im jüdisch-nationalen Geiste zu erziehen und unser gesamtes Leben von diesem Geiste durchdringen zu lassen. Die Schädigung der Gesamtheit der Juden, ihrer vitalsten Interessen, ihres Ansehens und ihrer Würde durch die sich den anderen Völkern aufdrängenden Assimilanten ist unabsehbar; gegen alle Fußtritte und Zurückweisungen ist sie unempfindlich, sie setzen sich ungebeten an fremde Tische und erhalten nicht einmal Brosamen. Denn es ist nicht wahr, daß man sich einem anderen Volke gegen seinen Willen als dessen Zugehöriger aufdrängen kann, weil jedes Volk, jede Nation das natürliche Recht besitzt, fremdnationale Elemente in sich aufzunehmen und als Nationsgenossen anzuerkennen oder zurückzuweisen. Mit der Aneignung der Kultur eines fremden Volkes allein ist man noch nicht ein Sohn, ein Angehöriger dieses Volkes, ein Nationsgenosse desselben geworden! Die Angehörigen des jüdischen Volkes haben aber alle Ursache, auf dessen Rasse- und Kulturwert, auf den hohen Intellekt, die natürliche Veranlagung und Geistesschärfe, auf den intensiven Bildungs- und Wissensdrang, die Ethik, den Wohltätigkeitssinn und die vielfachen Tugenden der Juden stolz zu sein und deshalb keinerlei Anlaß, fremdnationale Masken vorzuhalten. Den Angehörigen meines Volkes empfehle ich eindringlich das Studium unseres Schrifttums, es wird sie höchlichst befriedigen; ebenso sei ihnen die Kenntnis der Geschichte des jüdischen Volkes angeraten, es wird sie fesseln und den Wert des eigenen Volkes richtig schätzen lernen. Umso tiefer greift in jüdisch-nationalen Kreisen die Verbitterung gegen die „Juden auf Kündigung" — die Assimilanten, Platz, welche die Ideale des jüdischen Volkes und dieses selbst verhöhnen, um ihm schließlich den Rücken zu kehren. Aber welche wohlverdiente Enttäuschung! Der Assimilanten-Jude sowohl wie der getaufte werden von den neuen Volksgenossen als ein Fremdelement, nach wie vor als Juden, als Judenstämmlinge, als Eindringligne, als Unebenbürtige und deshalb Minderwertige angesehen und gewertet. Und wie widerlich und abstoßend, wenn sich Juden zu Wortführern fremdnationaler Bestrebungen und Ideale aufwerfen! Man mag Anhänger, Jünger, Bewunderer einer fremdnationalen Kultur sein; allein Nationsgenosse dieses Volkes ist man deshalb nicht geworden. Der Jude ist und bleibt Jude! Wenn sich unsere Assimilanten ihres Judentums so sehr schämen, so mögen sie sich doch folgende Gewissenserwägungen zu Gemüte führen: Wenn sich Angehörige anderer Völker, anderer Nationen für ihre nationale Idee begeistern, für das Ansehen, die Größe und den Ruhm ihres Volkes alle nur erdenklichen Opfer bringen, für seine nationale Einheit kämpfen, ihr Leben einsetzen und in Ruhmestaten wetteifern, oder wenn selbst

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