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Das jüdische Echo · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · p. Seite 352

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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352 Das Jüdische Echo Nr. 42 Verkehrteste, was man tun könnte, wäre den polnischen Juden eine nationale Gleichberechtigung zu sehen. So lange es in Polen auch nur einen Nationalpolen sehe, könne von der Duldung einer anerkannten jüdischen Nation gar keine Rede sein. Was den polnischen Juden nottue, sei eine volle konfessionelle Gleichberechtigung, denn nur eine solche könne zu einem allmählichen friedlichen Ausgleich führen. Daß die „Frankfurter Zeitung" diesen Ausführungen gleich denen Goldmanns Raum gibt, macht ihrer Objektivität gewiß alle Ehre, besonders wenn sie in der Vorbemerkung versichert, daß sie selbst zu der Frage noch nicht Stellung nehme. Aber vermutlich war für die Aufnahme des Artikels eine subjektive Unterstimmung, eine Art geistiger Verwandtschaft mit maßgebend. Denn die Darlegungen des Anonymus weisen allzu viele bequeme Analogien mit der deutschen Judenfrage des vergangenen Jahrhunderts auf. Aber es bedeutet einen schweren Rechenfehler, die Entwicklung der jüdischen Frage im Osten nach dem Schema der westjüdischen Emanzipation zu betrachten und zu behandeln. Wir werden in einem besonderen Aufsatz auf die Gefahr dieses Trugschlusses zurückkommen. Heute beschränken wir uns darauf, festzustellen, daß der Artikelschreiber mit den wahren Verhältnissen in Polen keineswegs vertraut ist. Denn sonst könnte er die Entw icklung des jüdischen Nationalismus in Polen im Laufe der letzten 25 Jahre nicht als eine bloß den Antisemitismus verstärkende Bewegung betrachten und sie mit einem Federstrich gewissen nur den oberen Schichten zu Gute kommenden äußeren Vorteilen opfern. Dieser jüdische Assimilant, der seine Mauschelgestalt hinter vorsichtigen Worten kaum zu verbergen vermag, sieht in den jüdisch-nationalen Volksmassen Polens die eigentlichen Urheber der polnischen Boykottbewegung. Daß er dabei alle jüdisch-nationalen Kreise Polens als „Zionisten" anspricht, ist eine besondere Bosheit oder — wirft ein grelles Licht auf seine Informiertheit. Daß das, was er von der polnisch-jüdischen „Intelligenz" sagt, zum großen Teil richtig ist, können und wollen wir nicht leugnen. Aber der Verfasser setzt diese „Intelligenz" in Gänsefüßchen und darin können wir ihm nur beistimmen. Eine so verantwortungsvolle Frage nach den unappetitlichen Wünschen einer verwahrlosten, für das geistige Leben des eigenen Volkes absolut stumpfen und für die Frage vollkommen kompetenzlosen Pseudointelligenz zu beantworten, dazu gehört der Mut des moralisch Depravierten. Wir aber lassen uns durch solche vergiftete Pfeile in unserer unentwegten Arbeit für das geistige und körperliche Wohl unseres Volkes nicht beirren. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Königshof) Aufruf des Hilfskomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Wir sind in ein neues Jahr eingetreten, das die Forderungen des alten Jahres wiederholt, vielleicht noch eindringlicher als das verflossene. Denn Not wird mit längerer Dauer immer bitterer! Vor mehr als einem Jahr sind wir zusammengetreten, um sie zu lindern. Was wir tun konnten, dank dem freudigen Opferwillen all unserer Freunde, war leider wenig. Unsere Mittel reichten nicht, um auch nur in allen den Fällen gründlich zu helfen, die an uns herantraten. Doch konnten wir mancher Familie über die schlimmste Zeit hinweghelfen. Unsere Brüder, die die Feinde aus ihrer galizischen Heimat vertrieben hatten, sind inzwischen zum Teil dorthin zurückgekehrt; zum anderen Teile ist es gelungen, ihnen Arbeit und somit eine bescheidene Existenz fern von ihrer Heimat zu begründen. Schlimmer steht es um unsere zumeist seit Jahren in Deutschland ansässigen Brüder russischer Staatsangehörigkeit. Aus ihren früheren Wohnorten vertrieben, wurden sie in beträchtlicher Zahl hierher verschlagen. Die hier Ansässigen verloren ihre Existenz, die jungen Leute, zumeist Studierende, wurden vom Verkehr mit ihren Angehörigen abgeschnitten und blieben ohne Subsistenzmittel. Ihre Lage ist auch heute noch eine sehr trostlose. Hilfe von irgendwelcher Seite wird ihnen nicht mehr gewährt. Wohl hat eine Anzahl von ihnen mechanische Arbeitsleistung übernommen. In vielen Fällen aber genügt leider ihre Körperkraft zur Ausübung der ihnen zugänglichen schweren Arbeit nicht, obwohl es an ihrer Bereitwilligkeit nie fehlt. Hier ist nach wie vor Unterstützung dringend notwendig. Wir dürfen uns dieser heiligen Pflicht nicht entziehen. Darum wenden wir uns aufs neue an die Gebefreudigkeit und Opferwilligkeit aller unserer Freunde. Die Mittel unseres Hilfskomitees sind erschöpft, wir können die Unterstützungsgelder nicht weiter zahlen, wenn sie uns nicht helfen. Und der Winter steht vor der Tür, der des Darbenden Leid noch verschärft. Wie groß und mannigfach die Anforderungen der schweren Zeit auch an jeden einzelnen herantreten, seinen Brüdern zu helfen, wird und muß jeder eine Spende darbringen. Helft uns, unsere Kassen wieder zu füllen, macht es uns möglich, die schwere drückende Not zu lindern, die Hungernden zu sättigen, den Heimatlosen ein Obdach zu sichern! (Der Verlag ist gerne bereit, Spenden entgegenzunehmen, auszuweisen und weiterzuführen. Wir hoffen, daß der Aufruf bei unseren Lesern verständnisvolle Aufnahme finden wird, da die Arbeit des Hilfskomitees, das auch wiederholt nach Bayern Beträge geschickt hat, wahrhaft segensreich ist und nicht wegen Mangels an Mitteln eingestellt werden darf.) Über Nationaljudentum*) Vom Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Benno Straucher. Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes ist wesentlich auch eine Errungenschaft des Zionismus, der die Renaissance des Judentums überhaupt bedeutet und der die vielfache Judennot durch eine wirtschaftliche, politische und kul- *) Aus dem Jüd. Nationalkalender.

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