Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 42 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 351 Darin besteht eben ihre große und wahre geschichtliche Rolle, ihre rein jüdische Mission, ihre Aufgabe in der jüdischen Geschichte. Und eine andere haben sie nicht. Sollen auch keine haben. Nur Selbstbewußtsein und innere Entwicklung soll ihre Zukunft sein. Selbstorganisation auf nationaler Basis der Rahmen dafür. Daß Herr G. die jüdische Gleichberechtigung als Geschenk, das Dankbarkeit erheischt, betrachtet und judische Aufgaben nicht nur auf rein jüdischem Gebiet sieht, ist befremdend und zeigt mit welcher Vorsicht das Ostjudentum sich gegenüber westjüdisch orientierten Wortführern, selbst wenn sie Nationaljuden sind, verhalten muß. Nachschrift der Redaktion: Wir haben unserer geschätzten Mitarbeiterin gerne das Wort zur Kritik des Goldmannschen Aufsatzes gegeben, weil der leitende Gedanke ihrer Ausführungen, daß der Jude Polens nicht russische, polnische oder deutsche, sondern lediglich jüdische Politik zu treiben habe, nach unserer Meinung der einzig richtige ist. Wir verkennen dabei nicht, daß die Verfasserin Goldmann insofern unrecht tut, als dieser ja nicht für ein jüdisch-nationales, sondern fast ausschließlich nichtjüdisches oder assimilatorisch-jüdisches Publikum seine instruktiven Darlegungen berechnete. Für Menschen, die dem polnisch-jüdischen Problem objektiv, ja vielleicht sogar einigermaßen im schlechten Sinne voreingenommen gegenüberstehen, sind logische Beweise des praktischen Nutzens eines Vorschlags besser am Platze als ideale Forderungen einer schönen Gesinnung, selbst auf die Gefahr hin, daß dabei der heilige Egoismus des Volkes sich gewisse Entsagungen auferlegen muß. Allerdings darf die Diplomatie der offiziellen Sprache und die sie stützende maßvolle Haltung des Volkes nicht dem nationalen Elan, dem absoluten Lebenswillen der Volksgemeinschaft Abbruch tun. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, hat Goldmann die Grenzen der national-kulturellen Konzessionsmöglichkeiten der polnischen Juden an Deutschland keineswegs überschritten, wenn sich auch nicht leugnen läßt, daß derartige Kombinationslösungen des jüdischpolnischen Problems gewisse Gefahren in sich bergen. Nun haben Goldmanns Ausführungen in der „Frankfurter Zeitung" (vom 16. Okt. 1. Morgenblatt) selbst ihre „Widerlegung" gefunden. Der nicht genannte Verfasser, „der mit den Verhältnissen in Polen ebenfalls vertraut" ist, erwidert etwa folgendes: Bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte der polnische Antisemitismus sein normales, gewissermaßen harmloses Gepräge. „Der Pole ergoß zwar gern seinen Spott über den Juden, aber wirklich weh tat er ihm nie ... Der Jude wurde zwar nicht als ganz voll angesehen, er gehörte, wenn man so sagen darf, einer niederen Kaste an, aber von Haß war keine Rede. ... Das gegenseitige Verhältnis hatte einen patriarchalischen Charakter. Zu jener Zeit war die Assimilation der Juden an die Polen auf dem besten Wege. „Selbst ganz fromme Juden lernten zuweilen polnische Geschichte und machten die polnische Tradition neben der eigenen zur ihrigen. Und die Zahl derer, die sich den Polen durch jahrhundertelanges Nebeneinanderleben verwandt fühlten, war auch in den ärmsten jüdischen Schichten groß. Die Intelligenz aber und jeder Jude, der höher strebte, wollte nichts anderes sein und war auch nichts anderes als Pole mosaischer Konfession. Die große Masse der Juden, die ihr Brot von Polen verdiente, war, wenn auch politisch indifferent, ausgesprochen polenfreundlich. Auf polnischer Seite sah man den Assimilationsbestrebungen wohl skeptisch, aber immerhin mit Interesse entgegen und war weit davon entfernt, sie zu stören". Diese Entwicklung wurde nach des Verfassers Meinung durch drei von einander unabhängige Ereignisse unterbunden. Erstens durch die in ihren Anfängen nicht judenfreundliche, später aber zum ausgesprochenen Antisemitismus übergehende polnische „national-demokratische Partei", die, vom glühendsten Patriotismus geboren, zur Abwehr gegen die Russifizierung und Germanisierung geschaffen, heute vollständig im russischen Fahrwasser steuert und deren Führer den abziehenden Russen ins Innere des Landes gefolgt sind. Zweitens durch die starke Anteilnahme der polnischen Juden an den fortschrittlichen und revolutionären Bestrebungen. Und drittens als wichtiges Moment: durch die Masseneinwanderung russischer Juden nach Polen (vergl. hiezu die Aufsätze Dr. Schmarjah Lewins in Nr. 38—40 des „Jüd. Echo"). „Die eingewanderten russischen Juden", meint der anonyme Schreiber, „waren in ihrer Masse Zionisten, zum Teil aber, so unwahrscheinlich das klingt, russische Patrioten, vom polnischen Standpunkt beides gleich gefährlich. Und diesse Eindringlinge wider Willen machten nicht die geringsten Anstalten, sich zu polonisieren. Sie bedienten sich entweder des Jargons oder der russischen Sprache: die Notwendigkeit zur Erlernung der polnischen lag für sie zunächst nicht vor, denn ihre Geschäfte trieben sie fast ausschließlich mit Rußland. Auch die Zionisten zeichneten sich nicht durch Übermaß an Bescheidenheit aus, die russischen Patrioten aber unter ihnen fühlten sich in Polen trotz aller Unterdrückung wie in einem „eroberten" Lande, was vielfach zu Handgreiflichkeiten führte. Die ärmeren Juden wiederum verbreiteten ihre national-jüdischen Anschauungen unter der ärmeren polnisch-jüdischen Bevölkerung und erstickten so im Keime alle polnischen Bestrebungen dieser Kreise. Das Erscheinen und Gebahren dieses nach Sprache, Sitte und Lebensauffassung auch den polnischen Juden fremden Volkes, hat in allen Kreisen Polens eine Welle von Feindschaft erzeugt. Empörung und Haß beschränkten sich durchaus nicht auf die christliche Bevölkerung, die polnisch-jüdische „Intelligenz" steht diesen Elementen auch heute noch ebenso feindlich gegenüber. Unter dem Einfluß des jetzt ausgebreiteten schrankenlosen Antisemitismus ist in den einzelnen Kreisen der jüdischen „Intelligenz" wohl eine Abschwächung des polnischen Patriotismus bemerkbar, aber wie national-polnisch diese Kreise dennoch geblieben sind, das beweisen die vielen sich jetzt außerhalb Polens aufhaltenden Vertreter dieser Schicht. Sie würden sich alle dagegen wehren, wollte man ihnen eine jüdische Nationalität aufdrängen. Ihre nationale Zugehörigkeit zum Judentum dauert nur so lange als man die Juden so bedrückt, wie es das russische Regime tat". Aus allen diesen Voraussetzungen kommt der anonyme Sachverständige zu folgenden Schlüssen: Für eine Deutschfreundlichkeit der Juden sei überhaupt keine Vorbedingung da. Die deutsche Herrschaft sei höchstens das kleinere Übel gegenüber der russischen. Die jüdische „Intelligenz" sei in ihrer überwiegenden Majorität durchaus polnisch. Das