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Das jüdische Echo · 1915-10-22 · 42 (22.10.1915) · p. Seite 350

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
42 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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350 Das Jüdische Echo Nr. 42 Daß ihnen ein Teil der Beamtenstellen verschlossen war, hat für die Lage des Volkes keine Bedeutung gehabt. Ihre Industrie entwickelte sich frei, ja sie hatten in Rußland ein großes Betätigungsgebiet (das sie auch ausnützten) und fanden im Innern des Landes einen reichen Absatzmarkt. Dadurch wurde auch der polnische Handel belebt. Eben deshalb waren die polnischen Industriellen, ja selbst die Deutsch-Polen in Lodz gegen die deutsche Eroberung. Die deutsche Konkurrenz ist der polnischen Industrie zu gefährlich. Warum soll es unter deutscher Herrschaft anders werden? Der polnische Absatzmarkt wird sich kaum erweitern. Zwar wird wohl Polen von deutscher Industrie und deutschem Kapital exploitiert werden, aber die Polen werden kaum in Deutschland, das wirtschaftlich und kulturell höher steht als Polen, ein neues Betätigungsgebiet finden können. So wird die Lage der polnischen Industriellen und Kaufleute sich eher verschlechtern als verbessern. Und das Kleinbürgertum? Das wird sicher dem Kampf gegen das deutsche Kapital und die Konzentrierung der Industrie nicht standhalten können und deshalb noch mehr im Antisemitismus die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme suchen. Und da unter deutscher Herrschaft ein „deutscher Boykott" doch nicht wohl durchzusetzen sein wird, wird desto üppiger der jüdische dafür blühen. Aber die deutsche Regierung wird wohl die Juden schützen können. Nun ich zweifle nicht daran, daß sie den Juden Gleichberechtigung geben wird. Da aber der polnische Antisemitismus nicht juridischen, sondern wirtschaftlichen Ursprungs ist, wird er auch nachher bestehen. Genau so, wie er in Galizien und in Wien blüht. Noch mehr. Die deutsche Regierung wird ihre Pflicht getan haben, wenn sie den Juden Gleichberechtigung gibt. Mehr kann sie nicht tun, da sie sich in diese inneren Zustände Polens kaum mischen kann. Und die deutsche Gesellschaft wird es nicht tun wollen: denn es unterliegt keinem Zweifel, daß gerade nach der Eroberung Polens eine starke Emigration der polnischen Juden nach dem Innern des deutschen Reiches beginnen wird, was zweifelsohne einen heftigen Aufschwung des deutschen Antisemitismus hervorrufen wird. Vorboten sind schon vorhanden. Daß der polnische Antisemitismus verschwindet, ist übrigens auch aus kulturellen Gründen nicht zu erwarten. Der Verfasser will, daß die Juden in Polen eine Art von Vertreter der deutschen (also der Polen verhaßten) Kultur werden. Daß diese Rolle nicht geeignet ist, den polnischen Antisemitismus zu vernichten, ist klar. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß der polnische Antisemitismus besonders stark nach der Ausweisung der Juden aus Moskau aufblühte. Der Grund lag nicht nur in der Verschärfung der Konkurrenz durch die Zuwanderung der Ausgewiesenen, sondern weil diese kein Polnisch sondern nur Jargon und Russisch sprachen, weshalb sie als Russifikatoren angesehen und sogar „Moskalen" genannt wurden. Glaubt denn Herr G., daß ihnen ihre „Germanisierungs"-Mission verziehen werden wird? Schließlich muß man sich gegen die ganz willkürlich aufgestellte These der „jüdisch-deutschen" Gemeinschaft wenden. Die polnischen Juden sprechen zwar eine dem Deutschen entstammende Sprache, diese ist aber den Deutschen ebenso unverständlich, wie die deutsche einem Volksjuden in Polen. Von dem seelischen Abgrund, der sie trennt, gar nicht zu sprechen. Und wenn man noch sagen könnte, daß die alten „Maskilim" (die übrigens meistens Litauer, nicht Polen waren) zuerst in iüdisch-deutscher oder deutscher Aufklärungsliteratur ihre Allgemeinbildung suchten, so kann man das nicht mehr von den modernen sagen: diese lernen von Jugend auf Polnisch, noch mehr Russisch, und Tolstoj und Dostojewsky sind jetzt für sie die Durchbruchstore zur europäischen Kultur an Stelle der Mendelsohn und Lessing. Auf der Basis der Ähnlichkeit der Sprachen kann man noch keine kulturelle Gemeinschaft konstruieren. Der polnische Jude ist eben ein Jude an und für sich und das ist das Schönste an ihm. Überlassen wir ihm nur weiter diese schöne Rolle. Er soll der Träger der jüdischen Kultur sein, ohne nach Polen oder Deutschen zu schielen. Es besteht kein Zweifel, daß die Eroberung Polens durch Deutschland jetzt im jüdischen Interesse liegt. Die Juden sind selbstverständlich der Todfeind der russischen Regierung, die ihnen unsägliche Leiden zufügte, und selbst die bloße juridische Befreiung wäre für sie ein Glücksstrahl. Aber von dieser die Beseitigung des Antisemitismus zu erwarten, wäre zu kurzsichtig. Das hieße nicht gelernt haben. Im Gegenteil, man kann sogar das Aufblühen des Antisemitismus in Polen und Deutschland erwarten, während er vielleicht in Rußland einschrumpfen wird. Denn gerade in Rußland ist der Antisemitismus zum großen Teil juridischer Natur, und wenn die Regierung fallen wird, und die Juden dort sich die Freiheit erkämpft haben werden, wird er dort schwächer als anderswo sein. Denn in einem so großen, so wenig exploitierten Lande wird die jüdische Konkurrenz nicht fühlbar sein. Zunächst werden sie in dem noch agrarischen Lande die Rolle eines belebenden Elementes spielen, und das noch lange Zeit. So werden wir vielleicht noch das Schauspiel erleben, daß der Antisemitismus in Rußland geringer als in Polen, Österreich und Deutschland sein wird. Aber das ist Zukunftsmusik. Es kann selbstverständlich nur in einem freien Rußland möglich sein. Gegenwärtig ist selbstverständlich die Eroberung Polens für die Juden eine Befreiung aus bitterer Not. Das muß man zugeben, und selbst ohne sich zu täuschen und davon die Beseitigung des polnischen Antisemitismus zu erwarten, muß man die bloße Tatsache der juridischen Befreiung als gewaltigen Fortschritt anerkennen. Nur ist es ein großer Fehler von Herrn Goldmann, die Gleichberechtigung als Geschenk zu betrachten, wofür man mit jüdisch-deutschem Kulturträgertum und einer Art Germanisierung Polens bezahlen muß. Nein, diese jüdische Gleichberechtigung muß als etwas Selbstverständliches verlangt werden. Und die Aufgabe der Juden in Polen soll weder Germanisierung, noch Russifizierung oder Polonisierung sein. Auch sollen die Juden nicht als ein Bollwerk gegen Rußland dienen, das in zehn Jahren unter Umständen weniger antisemitisch als Deutschland sein wird. Sondern ihre Aufgabe ist zu bleiben was sie sind: schlechtweg Juden.

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