Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 41 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- Seite 346 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Das Jüdische Echo Nr. 41 Hitteilung des Verlags Eine ganze Reihe von Soldaten, die das J. E. auf eigenen Wunsch oder den anderer erhalten, äußerten sich mit Befriedigung darüber, daß ihnen durch unser Blatt Nachrichten aus der Heimat und über die Vorgänge in der Judenheit bekannt werden. Der Verlag ist auch ferner gerne bereit, an Feldzugsteilnehmer, deren Adressen von den Lesern unseres Blattes mitgeteilt werden, das Jüdische Echo zu senden. Feuilleton Warum Motele nicht in den Cheder gehen will Nach dem Jüdisch-Deutschen des J. Dinesohn von Hugo Zuckermann. (Fortsetzung.) Und im Cheder ist's auch nicht gut. Dort gibt's keine hohe, freundliche Stube, wie zu Hause, mit feinen Möbeln, mit Gardinen vor den Fenstern. Nur ein viereckiges, kahles Zimmer und einen langen, vierkantigen Tisch zwischen zwei niederen Fensterlein. Auf dem Tische liegen durcheinandergeworfen Gebetbücher und Bibeln, rings herum sitzen die Knaben — ein kotiger Fußboden, eine verräucherte Decke, die wie eine schwarze Wolke über den Köpfen hängt. Rechts vom Tische steht ein hölzernes Bett, mit Kissen und Kleidungsstücken bis zur Decke hinauf vollgepfropft. Unterm Bette blickt schmutzige Wäsche hervor, irdene Töpfe und ein paar hohe Stiefel, und der Rebbe befiehlt täglich einem Jungen, unters Bett zu kriechen und die Stiefel herauszuholen, wenn der Rebbe in den Tempel gehen will. Im Cheder geht er in zerrissenen Wollsocken herum, die in abgetretenen Pantoffeln stecken. An der Wand hängt ein kleines Büchergestell mit Draht und Spagat befestigt. Darauf liegt eine Menge großer, dickleibiger Bücher, sehr alt und verstaubt, und wenn der Rebbe eines herunterholt und mit der Hand daraufschlägt, erhebt sich eine Staubwolke und alle Kinder müssen nießen, als hätten sie verstohlen aus des Rebbes Tabakdose geschnupft. Unter dem Büchergestelle sitzt der Rebbe, ein dürrer Mann mit kurzem Bart und spitzigen Brauen über den Augen, und Motele glaubt, sie stechen mehr als eine Nadel. Alle Jungen nennen ihn „Rabbi" und zittern vor seinem Blicke, Motele nennt ihn auch „Rabbi" und zittert noch mehr, trotzdem ihn der Rebbe noch niemals schlug. Es wird ihm aber eiskalt, 'wenn der Rebbe ihm seine trockene Hand auf den Kopf legt, um ihn zu streicheln. Noch mehr als den Rebben fürchtete Motele das Jentele, des Rebben dreijähriges Töchterlein, die im zerbrochenen Wieglein liegt. Jentele kann weder stehen noch sitzen. „Sie hat nebbich noch keine Knochen in den Füßen", sagt der Rebbi, „ein krankes Kind, zum Erbarmen, die muß jeder gern haben, was kann sie nebbich dafür, daß Gott ihr keine Beinchen gegeben hat." So erzählt der Rebbe den Chederknaben, nimmt sie auf die Hand und blickt auf ihre dürren, kranken Füßchen. Motele ist nicht böse auf Jentele nur großes Mitleid hat er mit ihr, er betet, Gott soll ihr Knochen in die Füße machen Wenn sie aber der Rebbe auf die Hand nimmt und Motele die dünnen Beinchen wie Würmchen herunterhangen sieht, blutleer und verkümmert, dann wird ihm ubel, daß es ihn durchzittert. . -.,'."« Einmal erzählte er der Mutter, wie er die kleine Jentele bedauere, da sie kein ganzes Hemdchen am Leibe trage. «' . . Da nahm die Mutter einige Hemdchen und auch einige Kleidchen, die Röschen schon zu eng waren, und als Motele den nächsten Tag in den Cheder ging, schickte die Mutter das Päckchen mit, als Geschenk für Jentele. Des Rebben Frau war über dies Geschenk sehr erfreut, zeigte es Jentele, nahm sie aus der Wiege und trug sie zu Motele und befahl ihr, sich zu bedanken, neigte Jenteles klebrigen Kopf zu Moteles Wange, sie solle ihm ein Küßchen geben. Jentele streckte das Zünglein heraus und leckte Moteles Backen. Und wenn Motele sich daran erinnert, wird ihm heute noch eiskalt. Seine Mitschüler hat er lieb, sie können ihn auch recht gut leiden, aber mit ihm zu sprechen, hielten sie unter ihrer Würde. Sie lernen schon aus den fünf Büchern Mosis, dem sogenannten „Chumesch", sie halten schon beim dritten Buch, er aber lernt noch aus dem Gebetbuch und kann noch nicht einmal rasch lesen. Wenn sie der Rebbe nach dem Unterricht in den Hof hinaus läßt, spielen sie Ball und „Fangen", aber ihn schließen sie stets aus. „Bis du „Chumesch" lernen wirst, bis du so groß sein wirst wir wir, darfst du auch mitspielen," so vertrösten sie ihn. So sitzt Motele täglich allein im Hof und fühlt sich elend und verlassen. Der Hof ist aber nicht so wie daheim, nur Ziegelhaufen, Späne, Mist, kein grüner Halm, und die Sonne brennt auf den trockenen Boden und über die Düngerhaufen — mehr gibts dort nicht. Wenn der Rebbe die größeren Kinder wieder zum Lernen ruft, geht er mit hinein, setzt sich in einen Winkel, dort wartet er traurig, bis es Abend wird, bis die Ziege des Rebben vom Felde hereinkommt, und der Rebbe ihm nach Hause zu gehen erlaubt. Einst, als er so traurig und versonnen dasaß, trat der Rebbe auf ihn zu, streichelte ihn und fragte: „Was sitzst du so traurig, Motele?" „Ich bin nicht traurig," sagte Motele, aus Angst, das könnte auch eine Sünde sein. „Willst nach Hause gehen?" Motele hat Furcht, zu sagen, wie gerne er nach Hause möchte. Der Rebbe blickt auf die kleine Wanduhr und sagt: „Noch zu früh, es fehlen noch ein paar Stunden zur Dämmerung." „Weißt du was?" Der Rebbe verfällt auf einen Gedanken. „Komm' setz dich neben mich und höre wie die größeren Kinder „Chumesch" lernen, dann vergeht die Traurigkeit." Mit solchen Worten führte er Motele zu Tisch, ließ ihn setzen und gebot ihm gut zuzuhören. Alle Jungen richteten die Augen auf Motele, den freiwilligen Zuhörer, der noch nicht recht lesen kann ... Motele schämt sich vor ihnen, er fürchtet, sie möchten ihm deswegen böse werden, weil der