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Das jüdische Echo · 1915-10-15 · 41 (15.10.1915) · p. Seite 343

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
41 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
Seite 343 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Das Jüdische Echo 343 die türkische Minorität durch alle anderen, schon heute den Reichsgedanken vertretenden Elemente der Türkei zu stärken.. Wie sehr auch der siegreiche Ausgang dieses'Krieges die Türkei in ihrer Machtstellung befestigen mag, so birgt doch ein Stillstand oder ein langsames Tempo der inneren Entwicklung in sich Gefahren, denen der türkische Staatsorganismsus auf die Dauer kaum wird Widerstand leisten können. Die Unzufriedenheit der heterogenen Bevölkerungselemente des Reiches mit ihren ausgesprochen zentrifugalen Tendenzen würde sich immer stärker geltend machen, und diese von Ausländern geschürten Bestrebungen würden immer wieder die Integrität des Reiches gefährden. Gegen diese sogar während des Krieges unablässig wirksamen unterirdischen Kräfte muß das Türkentum und somit auch die deutsche Weltpolitik zuverlässige Bundesgenossen innerhalb des türkischen Reiches finden. Die Juden sind in ihrem eigensten Interesse ein absolut zuverlässiges, staatstreues Element. Ihre Stellung ist gefährdet, wenn die Türkei besiegt und aufgeteilt wird. Trotz aller wiederholt bewiesenen Judenfreundschaft und* trotz aller Bemühungen der englischen Presse um die Gunst des nationalen Judentums würde England nicht in der Lage sein, die Interessen der Juden in Palästina wirksam zu vertreten. Palästina würde dann das Grenzgebiet des großen englischen-arabischen Kolonialreiches. Schon geographisch würden die jetzt im Zentrum des türkischen Reiches gelegenen jüdischen Siedlungen dadurch alle die Möglichkeiten verlieren, die sie in der Türkei haben. In einem siegreichen, aufstrebenden ottomanischen Reiche können sie die gegebenen Mittler zwischen Asien, Afrika und Europa, das ausgleichende Element zwischen Orient und Okzident, unter der Zahl der verschiedenen Volkselemente ein durch Staatstreue und wirtschaftliche Bedeutung der Zentralregierung besonders wertvoller Volksteil werden. Für das vorderasiatische Kolonialreich, das England zu gründen hofft, liegt der Schwerpunkt in Kairo und die wirtschaftliche Bedeutung Palästinas für diesen ganz anders gegliederten Landkomplex wäre verschwindend gering. Mit der Türkei fühlen sich die Juden seit Jahrhunderten verbunden. Verfolgte Juden fanden in ihr in früheren Zeiten immer gastliche Aufnahme. Islam und Judentum sind im Laufe der Geschichte im allgemeinen gut miteinander ausgekommen. Für die wirtschaftliche Reform der Türkei ist das jüdische Element von größter Bedeutung. Solange die Bevölkerung so dünn bleibt wie heute, ist an einen großen ökonomischen Aufschwung nicht zu denken. Im Durchschnitt kommen acht Menschen auf den Quadratkilometer. Im Sandschak Zor wohnen hunderttausend Menschen auf einem Gebiet von hunderttausend Quadratkilometern. Im Süden Palästinas beträgt die Bevölkerungsdichte kaum mehr als 4—5 Menschen pro Quadratkilometer. Auf den durch natürlichen Zuwachs allein oder eine zufällige ohne Mitwirkung der Regierung vor sich gehende Einwanderung und Kolonisation kann man sich nicht verlassen, zumal die natürliche Bevölkerungszunahme durch den Mangel jeglicher sozial-hygienischer Maßnahmen gehemmt wird. Die Türkei muß entschlossen den Weg betreten, den Argentinien, Canada, Rußland, die Balkan- und andere Staaten unter ähnlichen Verhältnissen gegangen sind, sie muß eine richtige Einwanderungspolitik treiben. Es ist kaum zweifelhaft, daß als erwünschte Einwanderungselemente neben den Muselmanen der anderen Ländern fast ausschließlich die Juden in Betracht kommen, wobei die Juden den Vorzug größeren Besitzes an Geld, Bildung, wirtschaftlicher Initiative haben. Mit einer größeren Zahl deutscher Einwanderer kann nicht gerechnet werden und die Herbeiführung von Menschen und Kapital aus anderen europäischen Kulturstaaten hat für die Türkei die unangenehme Nebenwirkung, daß damit regelmäßig dem betreffenden europäischen Staat Gelegenheit zur Vergrößerung seines Einflusses innerhalb der Türkei gegeben wird. Die jüdischen Einwanderer, die aus idealen Gründen der Türkei vor anderen Auswanderungsgebieten den Vorzug geben und bodenständig werden wollen, werden in den ottomanischen Staatsverband eintreten. Die Zionistische Organisation hat seit jeher die Notwendigkeit der Ottomanisierung der Juden betont und würde dafür Sorge tragen, daß die organisierte jüdische Einwanderung sich ausnahmslos zur Naturalisation in der Türkei verpflichtet. Die jüdische Einwanderung, die politisch keine Gefahr ist und wirtschaftlich eine Notwendigkeit bedeutet, bringt der Türkei auch in anderer Beziehung unmittelbaren Nutzen. Geisteswissenschaftlich und technisch gebildete Juden kommen ins Land. In Palästina verdankt man ihnen die Einführung neuer Fabrikationszweige — eine größere industrielle Entwicklung konnte wegen des der Türkei von den Mächten aufgezwungenen niedrigen Eingangszolles von 11 Prozent nicht stattfinden —; sie haben die Baumpflanzungen, insbesondere die Wein- und Orangenkultur, auf ihre jetzige Höhe gebracht und sind darin für das ganze Land nützliche Vorbilder geworden; sie haben den Eukalyptusbaum, durch welchen sumpfige Gegenden ausgetrocknet und bewohnbar gemacht worden sind, eingeführt. Sie haben ferner durch Krankenhäuser, Apotheken, durch zahlreiche jüdische Ärzte und Hebammen und vor allem auch durch die Einrichtung wissenschaftlicher hygienischer Institute zur Hebung der allgemeinen Volksgesundheit beigetragen. Für all' diese Einrichtungen werden sie auch in anderen Landesteilen heranzuziehen sein. Daß sie auf diese Weise erziehlich wirken können, zeigt die Entwicklung der arabischen Bevölkerung Palästinas, die aus der jüdischen Kolonisationsarbeit großen Nutzen gezogen hat. Alle hygienischen Einrichtungen der Juden sind auch ihr zugute gekommen und werden viel in Anspruch genommen. In den jüdischen Kolonien finden sie als Arbeiter lohnende Beschäftigung. Die Kolonie Petach-Tikwah bezahlt allein jährlich 800 000 Mark Löhne an arabische Arbeiter. Die von den Juden eingeführten neuen landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden werden allmählich auch von den Arabern übernommen, und auch die durch die Einführung moderner Maschinen verbesserte landwirtschaftliche Technik lernen sie sich allmählich nutzbar zu machen. Für ihre eigenen landwirtschaftlichen Produkte haben sie besseren Absatz gefunden, und die durch die jüdische Kolonisation eingetretene Steigerung der Bodenpreise hat ihnen einen unmittelbaren erheblichen Nutzen gebracht. * * ♦ Hat die Orientpolitik einer europäischen Macht die wirtschaftliche und politische Entwicklung der Türkei zum Ziel, dann muß sie im Zionismus einen willkommenen, entwicklungsfähigen Bundesgenossen begrüßen. Deutschlands Interessen beruhen auf der Erhaltung des ottomanischen Reiches; die

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