Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 41 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- Seite 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Das Jüdische Echo Nr. 41 aber immerhin durch die allgemeinen Wahlen in ihrer bisher unumschränkten Herrschaft bedroht, und so ging man daran, durch einen „Staatsstreich" die demokratische Verfassung der Allianz, das Wahlrecht ihrer Mitglieder abzuschaffen. Die „Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Allianz", deren Leitung sich in mannhafter Weise gegen die Pariser Pläne gestemmt hatte, wurde aufgelöst. Die deutschen Mitglieder der Organisation mußten, soweit sie nicht ihren Austritt erklärten, sich mit dem sehr kärglich bemessenen Einfluß begnügen, den einige von der Pariser Leitung approbierte deutsche Mitglieder des Central- Comites daselbst ausüben konnten. Trauernden Herzens sahen zahlreiche Mitglieder der Alliance der Entwicklung zu, die diese bedeutsam jüdische Organisation, unter der Führung von Männern nahm, die dem Judentum und den Forderungen der Gegenwart fremd und ohne Verständnis gegenüber standen. Wenn sie teilweise trotzdem Mitglieder blieben, so geschah es in der Hoffnung, daß einst ein Zeitpunkt kommen werde, in dem auch die Pariser Herren sich den Bedürfnissen des jüdischen Volkes nicht mehr verschließen könnten, oder bessere Männer an die Stelle derjenigen treten, die jetzt die Geschäfte der Organisation führen. Man hat in der antisemitischen Presse und Agitation der Alliance israelite vielfach eine mysteriöse Rolle untergeschoben, die sie insgeheim überall im Interesse des „internationalen Judentums" spiele. — All diese Behauptungen waren von jeher nichts als leeres verleumderisches Gerede. Andererseits wurde hie und da behauptet, die Alliance, deren Schulen überall unter dem Schutze der französischen Konsularbehörden standen, triebe im Orient französische Politik. Beweise dafür lagen bisher nicht vor; die Leitung der Alliance hatte die Behauptung immer energisch bestritten. Nun hat der Krieg die Herren in Paris veranlaßt, ihrer Stellung an der Spitze einer „allgemeinen jüdischen Allianz" vergessend, offen für die Sache Frankreichs Partei zu ergreifen. Die Alliance in Paris hat in der letzten Woche an die jüdische Presse und die jüdischen Organisationen der neutralen Länder einen Aufruf des Pariser Centraikonsistoriums, der obersten religiösen Vertretung der französischen Juden, übersandt. (Wir bringen diesen Aufruf in unserer heutigen Nummer zum Abdruck.) Wir verargen es den französischen Juden gewiß nicht, wenn sie in diesem Krieg für Frankreich eintreten und die Sache ihres Vaterlandes als die ihrige betrachten. Es ist wohl auch verständlich, daß sie sich der alle Kreise der französischen Bevölkerung beherrschenden Massensuggestion von der deutschen Barbarei und der Kulturaufgabe der Entente nicht entziehen können, so sehr auch gerade ein denkender Jude durch das Bündnis der Westmächte mit Rußland, dem klassischen Lande der Pogrome und des Judenelends, zu Zweifeln über die kulturfördernde Bedeutung eines Ententesieges angeregt werden müßte. Der Hinweis auf den in Deutschland herrschenden Antisemitismus soll die Bedenken derjenigen unterdrücken, die von einem Bündnis mit Rußland sich einen Einfluß im Sinne einer Verbesserung der Juden nicht versprechen können. Man mag der politischen Verblendung der Franzosen es zu Gute halten, wenn sie und wenn ihre oberste Vertretung derartige Behauptungen in die Welt hinaussenden. Aber es ist auf das Schwerste zu verurteilen, daß die Alliance israelite universelle sich dazu hergegeben hat, einen solchen Aufruf zu verbreiten. Eine tiefere Verkennung ihrer Pflichten und Aufgaben ist überhaupt nicht denkbar. Die Stellung einer Weltorganisation, wie der Alliance, im gegenwärtigen Kriege ist sicher keine leichte, und es hätte viel Takt und guten Willen erfordert, hier den richtigen Weg zu gehen, und der Organisation für die Zeit nach dem Krieg ein Weiterbestehen als allgemeine, über die Grenzen eines Staates hinausreichende Organisation zu sichern. Wir wollen es einem späteren Artikel vorbehalten, uns über die Pflichten unserer jüdischen großen Organisationen, deren Mitglieder in den verschiedensten Ländern leben, auszusprechen. Heute müssen wir mit Bedauern feststellen, daß die Alliance gegen ihre grundlegendsten Pflichten aufs Schwerste verstoßen hat. — Sie ist im Begriff, die „allgemeine Allianz" zu einer französischen Allianz umzubilden. — Wird es uns deutschen Juden, die wir natürlich seit Kriegsbeginn jede Beziehung zur Alliance-Leitung abgebrochen haben, möglich sein, mit dieser Organisation nach dem* Friedensschluß weiter zu arbeiten? Wird es möglich sein, ihr in Zeiten des Friedens wieder den allgemeinen jüdischen Charakter zurückzugeben? Est. Der Zionismus Eine Frage deutscher Orientpolitik. Von Kurt Blumenfeld in Berlin. (Schluß.) Die Türkei muß ein Interesse daran haben, die dem Zionismus entgegenstehenden Schwierigkeiten zu beseitigen. Die Tatsache allein, daß die Ju- ,den sich im Orient ein eigenes Leben schaffen wollen und die Berücksichtigung ihrer Eigenart verlangen, kann für die ottomanische Regierung kein Grund zum Mißtrauen sein. Die Türkei kann niemals zu einem nationalen Einheitsstaat werden. Sie wird einen Weg finden müssen, die vielen Millionen andersnationaler Untertanen dem Reiche organisch einzuordnen. Das Verständnis für diese Aufgabe konnte bisher nur gering sein. Alle geistigen und politischen Einflüsse kamen aus Frankreich. Die türkischen Politiker kannten nur Frankreich und seine staatlichen Einrichtungen. Das französische zentralistische Regime schwebte ihnen als Idealbild vor. Diesen Zentralismus versuchten sie in der Türkei mit allen Mitteln durchzusetzen. Der französische Verwaltungsdoktrinansmus ist bisher die wesentlichste Fehlerquelle der gesamten innertürkischen Politik gewesen. Die türkische Realpolitik der Zukunft wird gezwungen sein, mit den historisch gegebenen ethnischen Verhaltnissen zu rechnen. Eine türkische Reform kann nicht durch nationale Unterdrückungspolitik, sonder nur durch Erweckung des Reichsgedankens in den nichtturkischen Völkern des Landes erreicht JQ6 n": u , ln dem eingangs erwähnten Brief aes Reichskanzlers an Lamprecht zitierte Wort: "Un peut faire Jout avec les bayonettes, mais non ne peut pas sy asseoir" ist vor allem für die innere Politik der Türkei zu beherzigen. Die Vornerrschaft des Türkentums muß aber andererseits mit größter Energie festgehalten werden. Nur auf de Li Dhf,,Sta?tsvolk wird insbesondere die deutsche Politik ihre Hoffnungen setzen dürfen, rur die nächste Zeit wird es darauf ankommen,