Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 40 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 339 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Das Jüdische Echo 339 alles so schön, nur jetzt blühen die Blumen im Garten, nur jetzt darf er sich nicht an den Blümlein und an der freien Luft ergötzen, weil die Mutter ihn jeden Frühmorgen in den Cheder schicken Und jetzt ist's doch so schön da draußen. Da sitzt er beim Fenster, das in den Garten hinausspäht, wartet, bis die Mutter ihm das Frühstück zubereitet, das er in den Cheder mitnehmen soll. Er sieht wie die Morgensonne so lieb und so golden in den Garten lacht und aus dem hohen Grase blicken verschämt alle Blümchen, weiße, gelbe, blaue und rote, und sie winken ihm und rufen ihm, und er glaubt sie zu hören: „Komm, Motele, komm zu uns, wir haben dich so lieb, du zertrittst uns nicht, wie die anderen Leute, du pflückst uns nicht wie dein Schwesterlein. Komm, spiel doch mit uns, komm, Motele!" Und Motele vergißt den Cheder, vergißt die Mutter mit dem Frühstück, er fühlt nur, wie sein Herzchen sich hinauszieht, wo es so hell, so schön ist. Mit einem Satz ist er vom Fensiter herunter, will schon hinauslaufen — aber bei der Tür begegnet ihm die Mutter mit zwei durchschnittenen Brötchen mit Butter beschmiert — und Motele bleibt stehen, wie ein kleiner Dieb, den man auf frischer Tat ertappt hat. Die Mutter legt die beiden Brötchen in ein weißes Papier und sagt: „So mein Kind, da ist dein Frühstück, und jetzt gehe in den Cheder, 's ist schon spät." Motele wirft einen traurigen Blick auf die Mutter und rührt sich nicht und langt nicht nach dem Frühstück. Die Mutter kennt schon den Blick und sagt: „Schon wieder keine Lust." Motele schämt sich, der Mutter ins Äuge zu schauen. „Ich möchte nur wissen, ob es so schlecht ist, in den Cheder zu gehen?" fragt die Mutter. Motele antwortet nicht. „Schlägt dich vielleicht der Rebbe?" will sie ihn ausforschen. Motele schweigt. „Hast wohl Angst, aus der Schule zu schwätzen, Närrchen, der Mutter darf man alles anvertrauen." „Nein," sagt er. „Was? Nein? Auch der Mutter darf man nichts sagen?" fragt sie. „Nein, der Rebbe schlägt mich nicht," erklärt er. „Nun, so schlagen dich wahrscheinlich die Mitschüler?" nun glaubte sie's getroffen zu haben. „Ärgere ich sie denn? Warum sollten sie mich schlagen?" ist die Gegenfrage. „Also warum willst du denn nicht gehen? „Nun so," antwortet er traurig und blickt durchs offene Fenster in den leuchtenden Morgen. „Was heißt „nun so"?", will die Mutter wissen. Motele schaut auf und blickt die Mutter verwundert an. Was? Sie ist schon so groß und weiß noch nicht, was „nun so" heißt. . „Nun so", meint er, „das heißt, weil s doch viel besser ist, draußen zu sein, als den ganzen lieben Tag im Cheder zu sitzen." pvm, „So oder so," sagt die Mutter, „nimm das Frühstück und geh in den Cheder. Heut wirst du nicht schwänzen Motele wirft noch einen bittenden Blick auf die Mutter und greift noch immer.nicht nach dem Frühstück. „Du bist ein schlimmes Kind," sagt die Mutter im Zorn, „wenn du nicht in den Cheder gehst, bin ich böse." Moteles Augen füllten sich mit Tränen. „Nun weint er gar! Ist's denn gar so schlecht im Cheder?" fragt die Mutter noch einmal. Motele beugt seinen Kopf zwischen ihre Hände. „Ich bin nicht schlimm, sei nicht böse auf mich, ich geh schon, ich geh schon." Die Mutter wischt die Tränen ab, gibt ihm das Frühstück und tröstet ihn, sie werde ihm nicht böse sein. Inzwischen hüpft sein Schwesterlein Röschen aus dem Schlafzimmer. Sie ist erst fünf Jahre alt und trägt ein kurzes Hemdchen. Motele sieht sie und fragt: „Mutter! Wenn Röschen schon so groß sein wird, wie ich, muß sie dann auch in den Cheder gehen?" „Röschen ist ein Mädchen mit langen Zöpfen, für die genügt's, wenn sie in diesem Alter „Broche" (Segenssprüche) sagen kann, aber du, mein Sohn, bist ein Knabe, ein Knabe muß viel lernen, deshalb muß ein Knabe in den Cheder gehen, verstehst du?" Motele versteht zwar nicht, warum ein Knabe so viel lernen muß und in den Cheder gehen soll, aber wenn's die Mutter sagt, so glaubt er ihr und wagt nur noch eine Frage. „Mutter, nächstes Jahr, wenn ich schon viel kennen werde^ muß ich dann auch in den Cheder gehen?" „Nicht nur ein Jahr, nicht nur zwei Jahre mußt du noch gehen, mein Sohn, antwortet die Mutter und fühlt nicht, daß sie ihrem Sohn den letzten Trost raubt, schon übers Jahr von dem unbeliebten Cheder verschont zu sein — da muß noch viel Wasser den Fluß hinunterlaufen, bis du alles weißt, was ein jüdisches Kind kennen muß, vor Gott und vor den Menschen. — Aber jetzt geh, sei brav, dann will ich dich recht lieb haben." Motele fragt nicht weiter, nimmt sein Frühstück und geht mit beklommenem Herzen in den Cheder. (Fortsetzung folgt.) Gemeindenu. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Person ainachrichten, die in diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höflichst eingeladen.) Sukkos-Feier des „Jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß, München" in Hohenbrunn. Am vergangenen Sonntag versammelte der Jüdische Wanderbund Blau-Weiß seine Mitglieder, Gönner und Freunde zu einer kleinen Sukkos- Feier im Walde bei Hohenbrunn. Im Laufe des Vormittags kamen von verschiedenen Richtungen her, teils zu Fuß und teils per Bahn die einzelnen Buben- und Mädchen-Gruppen zum Festplatz, wo sich bald ein reges Lagerleben entwickelte. Die größeren Mädels und Jungens machten sich an die Ausschmückung der Sukko, die, als Symbol des Festes, bald im Schmucke grüner Zweige und blau-weißer Schleifen und Ketten prangte. Die Kleineren kochten inzwischen ab, sangen, spielten, lachten, kurz, es herrschte die denkbar beste Stimmung. Als gegen Nachmittag die Eltern und Gäste kamen, marschierten die Mädchen- und Buben-Züge unter den Klängen des Liedes: „Wohlan, laßt das Sinnen und Sorgen . . ." in Reihen auf und schlössen sich zum Kreise um