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Das jüdische Echo · 1915-10-08 · 40 (8.10.1915) · p. Seite 338

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
40 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
Seite 338 (sequence 6)
Language
German
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338 Das Jüdische Echo Nr. 40 den. Vor allem wurde eine Synagoge, ein schmucker, würdiger Holzbau, errichtet, in der täglich dreimal Gottesdienst abgehalten wird. Weitgehendste Unterstützung bei allen religiösen Bestrebungen haben die Internierten den beiden Rabbinern der Berliner Adaß - Jisroel - Gemeinde zu danken. Die Erweiterung der „Tscherta". Der russische Senat behandelte am 2. September den Bericht des Ministers des Innern über die Erweiterung des Wohnrechtes der Juden Rußlands. Es wurde das Journal des Ministerrats vom 17. VIII. über die Verhandlungen über diesen Gegenstand vorgelegt. In diesem Protokoll wird auf die massenhafte Evakuierung der jüdischen Bevölkerung und auf die Unmöglichkeit hingewiesen, die Flüchtlinge innerhalb des Ansiedlungsrayonsi unterzubringen. Als Ursache des massenhaften Abzuges der Juden wird die Flucht vor dem Feind und die Evakuierungs-Maßnahmen der Heeresleitung genannt. Die Anhäufung der Flüchtlinge und Verbannten in bestimmten Ortschaften und den für sie angewiesenen 5 Gouvernements außerhalb der „Tscherta" steigert die Arbeitsnot und birgt sanitäre Gefahren für die gesamte Bevölkerung. Es wurde daher beschlossen: „Angesichts der außerordentlichen Umstände der Kriegszeit und bis zur allgemeinen Revision der Judengesetzgebung auf vorgeschriebenem Wege, bestimmt der Ministerrat, den Minister des Innern zu ermächtigen, auf Grund der Punkte 158 und 314 der Ministerial-Statuten-Auflage 1892 und Fortsetzung vom Jahre 1912, den Juden das Wohnrecht in Stadtgemeinden außerhalb des Gebietes ihrer Ansiedlung zu gestatten, mit Ausnahme der Reichsresidenzen und der Ortschaften, die dem Minister des Hofes und des Krieges unterstehen." Der Ministerrat hat gleichfalls bestimmt, daß den Juden in den Orten ihrer neuen Ansiedlung auch die Erwerbung von Immobilien gestattet ist. Der Senat hat einstimmig beschlossen, das Rundschreiben in der Gesetzessammlung zu veröffentlichen. Wie man sieht, hat die Maßnahme einen zeitweiligen Charakter und kann zu jeder Zeit rückgängig gemacht werden. (J.A.K.) Rothschild und die russischen Juden. Infolge der ablehnenden Haltung, die das einflußreiche Bankhaus Rothschild & Söhne auch noch während des Krieges gegenüber allen Plänen der russischen Regierung über Finanztransaktionen eingenommen hat, haben die russischen Offiziellen, welche die Unterstützung Rothschilds zu ihrer nächsten großen Auslandsanleihe unbedingt brauchen, sich veranlaßt gesehen, den Chef des Bankhauses durch ein direktes Telegramm von der Kursänderung der russischen Politik zu Gunsten der Juden zu benachrichtigen. Der Präsident der Internationalen Kommerzbank in Petersburg, Wischnegradski, drahtete im Auftrag der russischen Regierung an Rothschild, daß die Hauptforderungen der russischen Juden angenommen seien. Die Juden erhalten das Recht der Freizügigkeit, das Erwerbungsrecht für Grundbesitz überall, mit Ausnahme der kaiserlichen Residenz- und Hauptstädte, sowie eine erweiterte Erlaubnis zum Schulbesuch für ihre Kinder. Wischnegradski erklärt weiterhin, daß seiner Auffassung nach die russische Regierung durchaus nicht abgeneigt ist, nach dem Kriege der jüdischen Bevölkerung auch noch weiteres Entgegenkommen zu beweisen. H. St. Chamberlains 60. Geburtstag. Diesen Monat feierte Houston Stewart Chamberlain seinen 60. Geburtstag. Auch wir Juden wollen uns dieses Tages erinnern. Chamberlain ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie ein Dilletant, der über schriftstellerische Fähigkeiten verfügt, es wagen darf, umfangreiche Bücher über Rassenfragen zu verfassen, obwohl er oft über deren Grundbegriffe nicht im Klaren ist. Seine „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" sind die Bibel der Alldeutschen geworden. — Doch seitdem Zollschan, der von der deutschnationalen Presse beharrlich totgeschwiegen wird, Chamberlains Theorien in seinem „Rassenproblem" ad absurdum führte, wagt sich Chamberlain an diese Fragen nicht mehr heran. Und dazu kam noch, daß Germanomanen wie Wilser ihn seines Dilettantismus halber absprechend beurteilen. Bei Beginn des Weltkrieges erschienen aus seiner Feder die Kriegsaufsätze, in denen er sich als glänzender Schriftsteller zeigte. („Kriegsaufsätze", „Neue Kriegsaufsätze", „Zuversicht", alle im Verlag von F. Bruckmann, A.-G. München). Obwohl er geborener Engländer ist, läßt er in den erwähnten Aufsätzen keine ihrer Tugenden und Kulturerrungenschaften gelten. Es ist übrigens bezeichnend für Chamberlain, daß er trotz seiner alldeutschen Gesinnung sich weigerte, die Wehrsteuer zu zahlen, da er Ausländer sei. Zu diesem Vorwurfe, den ihm Dr. Heinrich Molenaar in seinem „Anti- Chamberlain" machte, hat er sich bisher nicht geäußert. 0. K. Feuilleton Warum Motele1) nicht in den Che der1) gehen will Nach dem Jüdisch-Deutschen des J. Dinesohn von Hugo Zuckermann. Motele ist ein sechsjähriges Bürschchen und lernt Cheder schon im zweiten Jahrgang. Es ist ein schweigsames, folgsames Kind, gehorcht dem Vater, liebt die Mutter, tut alles, was man ihm befiehlt, nur in den Cheder zu gehen, dazu hat er keine Lust. Das erste „Semester" fiel in den Winter. Da gab es Schnee und Frost oder Regen und Glatteis und es kostete ihm nur ein Wort, und die Mutter ließ ihn nicht aus der warmen Stube. Jetzt aber ist es Sommer geworden, hell und warm, daß es eine Freude ist. Jetzt will die Mutter, daß er keinen Tag versäumen soll, aber Motele will jetzt noch weniger in den Cheder gehen als früher. Im Winter saß er gern daheim in der traulichen warmen Stube, spielte sich oder tummelte sich mit seinem kleinen Schwesterlein Röschen herum. Jetzt aber will er nicht den ganzen Tag in der Stube hocken, sondern draußen sein in der warmen Luft, wo die kleinen Vöglein so frisch und frei singen und springen. Draußen im Garten will er sein, bei den schönen Blumen, die er so gerne hat ... . Kleine Kinder merken sich besser, was sie hören, als das, was sie sehen und am wenigsten entsinnen sie sich ihrer Vergangenheit. Motele gedenkt auch nicht, wie's draußen vor ein paar Jahren aussah, damals, als er noch nichts vorri^Schulbesuch wußte, er glaubt, nur jetzt sei *) Koseform für Mordechai. ) Jüdische Elementarschule.

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