Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 40 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 336 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Das Jüdische Echo Nr. 40 arbeiten. Eben diese Leser atmeten im wörtlichen Sinne frei auf, als man ihnen eine Presse in ihrer Sprache gab, in einer Sprache, die man ihnen nicht „verdeutschen" brauchte. Und die ganze jiddische Presse in Warschau und die ganze jiddische Literatur, deren Zentrum ebenfalls Warschau wurde, ist stark von dem jüdisch-nationalen Geisit durchdrungen. In den Zeilen ist sie jüdisch-national und zwischen den Zeilen sogar zionistisch. Es macht nichts aus, daß sie manchmal gegen den Zionismus auftritt, daß sie oft sogar sich wie antizionistisch gebärdet. Die einzelnen Äußerungen spielen keine Rolle. Wenn_wir über eine historische Erscheinung Bilanz machen, so muß schon die Tatsache der Existenz der jiddischen Presse allein als einer der wichtigsten nationalen Faktoren des jüdiisch-nationalen Lebens betrachtet werden. Der beängstigende Aufschwung der jiddischen Presse und Literatur machte auf die polnische Gesellschaft einen großen und tiefen Eindruck. Da sah sie eine neue Kraft vor sich, von der ihr bis jetzt nicht geträumt hatte. Da beginnt auch der bittere Kampf der polnischen Gesellschaft gegen den neuen Feind, gegen den erwachten Juden, der sich selbständig ausleben will und nicht mehr fähig ist, „ma jofis" zu singen, um „in den Augen seines Herrn Leutseligkeit zu finden". Der Antisemitismus wuchs von Tag zu Tag und fand auf seinem Weg sehr viel Zündstoff. Da kam die Zeit der „russischen Freiheit" und Polen durfte Vertreter in die russische Duma schicken. Die polnische Gesellschaft konnte auch nicht in Gedanken zulassen, daß die Juden, die Fremden, einen Einfluß auf die Wahlen haben. Sie wollten diktieren, befehlen, und als die Juden sich nicht beugen und mit Füßen treten lassen wollten, erreichte der polnische Zorn seine höchste Stufe und erklärte der jüdischen Bevölkerung den Kampf auf Leben und Tod, bis zur Vernichtung. Die Juden schickten in die dritte russische Duma keinen Juden, sie schickten einen echten Polen, nur nicht den, welchen die Antisemiten wollten, und das genügte, um den höchsten polnischen Haß heraufzubeschwören, um die Boykottbewegung zu schaffen, welche sogar während der Kriegszeit fortgesetzt wurde. Wir befassen uns hier nicht mit der Frage, ob die Juden klug -gehandelt haben oder nicht. E s ist aber eine Gefahr, wenn eine Bevölkerung s t ä n d i g n u r klughandeln muß. In einem solchen Zustand ist man niemals seiner Existenz sicher. Die jüdische Frage ist fast in der ganzen Welt sehr kompliziert, in Polen aber isit sie noch komplizierter. In der ganzen Welt haben wir es mit einem starken Antisemitismus zu tun, in Polen aber mit einem gereizten Antisemitismus. Als prinzipielle Nationalisten müssen wir mit jeder Nation sympathisieren, die sich zu be- Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — Liberal! erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel Kooigshof) freien sucht, müssen wir jeder Nation Selbständigkeit wünschen, wenn wir auch wissen, daß wir durch derartige Änderungen leiden werden. Darin gerade besteht das Tragische unseres Schicksals. Unseren höchsten Idealen müssen wir sehr oft mit Schmerzen zu unserem eigenen Schaden dienen. (Die sachliche Verantwortung ist den Einsendern überlasson.) Ein seltsamer Hufruf Dritte Kriegsanleihe. Zum dritten Mal fordert das Reich seine Söhne und Töchter auf, die Mittel herzugeben, welche erforderlich sind, um aller Feinde Herr zu werden. Jeder Einzige hat die Verpflichtung, durch Zeichnung so großer Summen, wie ihm seine Verhältnisse irgend gestatten, an seinem Teil zum siegreichen Ausgange des dem deutschen Vaterlande aufgezwungenen Krieges beizutragen. Zögere keiner, seine Pflicht zu tun! Zeichnungen können nur bis zum 22. September bei allen Banken und allen Postanstalten im Reiche bewirkt werden. Verband der Deutschen Juden. Von einem geschätzten Leser, der nicht genannt sein will, weil es ihm nur um die Sache gehe, für die sein Name ohne Belang sei, geht uns die folgende Zuschrift zu, die er unter dem obigen Stichwort veröffentlicht sehen möchte. Wir selbst wollten wegen des Burgfriedens erst später einmal zu dem Aufruf Stellung nehmen. Da aber die Angelegenheit, wie esi scheint, im Publikum peinliches Aufsehen erregt hat und positive, vorbeugende Kritik auch heute nicht unterbleiben darf, öffnen wir dem verehrten Einsender gern die Spalten. * * * Es wird Ihnen wohl nicht entgangen sein, daß der „Verband der Deutschen Juden" anläßlich der dritten Kriegsanleihe in den Tageszeitungen eine Aufforderung an die Deutschen Juden zur Zeichnung hat ergehen lassen. Da in Ihrem Blatte dessen bisher keine Erwähnung getan wurde, sich aber dieser überflüssige Aufruf „Zögere keiner, seine Pflicht zu tun", würdig dem bei Kriegsausbruch erschienenen mit der Aufforde^rno: Tue jeder mehr als seine Pflicht, anschließt, wollen Sie mir gefl. gestatten, in Ihrem Blatte meiner nicht vereinzelten Auffassung über derartige Mißgriffe Ausdruck zu geben. Der V. d. D. J. hat sich die Kritik, die ihm vor einem Jahre widerfahren ist, wie man zugestehen muß, schon etwas zu Gemüte geführt. Nachdem weite Kreise der Judenheit Anstoß an dem batze, mehr als seine Pflicht zu tun, genommen Haben, verteidigte man den Verband mit der nicht gerade schmeichelhaften Entgegnung, der Ausdruck sei nur eine bekannte Phrase und gar nicht f-i?fm Inhalte nach zu nehmen. Schön! Nun iunlt sich der Verband bemüßigt, die deutschen Juden an ihre „Pflicht" allein zu erinnern.