Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 40 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 335 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116239--00525-9073352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 Das Jüdische Echo 335 durch tausend feine Fäden mit dem polnischen Messias verknüpft. Daher ist es auch begreiflich, daß alle nationalen Reibungen und Zusammenstöße in Warschau empfindlicher waren als ringsumher; denn sie berührten den polnischen Nerv. Deshalb stieg auch der Antisemitismus in Warschau während der letzten Jahrzehnte ungeheuer und nahm schreckliche Formen an. Er breitete sich über alle Gebiete des menschlichen Lebens aus, er vergiftete das Dasein, die jüdische Existenz, er umklammerte mit eisernen Ketten alle gesellschaftlichen Kreise ohne Ausnahme und machte es sich zur Aufgabe, die Juden ökonomisch und moralisch zu vernichten. Wir wollen hier nicht analysieren, wie weit die Polen gegen Recht und Gerechtigkeit sündigten, wie weit ihr Chauvinismus unberechtigt ist. Wir konstatieren nur die Tatsachen, um zu verstehen, was die jüdische Bevölkerung zu erwarten hat, wenn die polnische Gesellschaft ganz selbständig wird oder mehr Rechte erhält, das Leben der andern nationalen Gruppen in Polen zu kontrollieren. Die jüdische Bevölkerung in Warschau machte in den letzten dreißig Jahren eine schnelle Entwicklung durch, die in zwei Epochen eingeteilt werden kann. Die erste Epoche ist die hebräische und die zweite die jiddische. Nach der Zeit der ersten jüdisch-nationalen Bewegung, die unter dem Namen „Chibbas-Zion"- Periode bekannt ist, spielte Warschau bereits eine bedeutende Rolle. Allmählich sammelten sich in Warschau die jüdischen Aufklärer (Maskilim) und schufen dort mit der Zeit ein hebräisches Zentrum. In Warschau wurde der erste hebräische Verlag „Tuschija" gegründet und der streng-nationale hebräische Verlag „Achiassaf". In Warschau war eine Zeit lang das Zentralkomite des „Bne- Mosche"-Ordens. In Warschau wurde „Menucho wenachalo" gegründet, eine Gesellschaft, die als erste palästinensische Kolonien auf einem gesunden, nicht-philanthropischen Fundament gründete. In Warschau lebten die jüdischen Schriftsteller, welche zu jener Zeit den Hauptton in der hebräischen Literatur angaben. Der ganze Charakter dieser Epoche war rein hebräisch. Die jiddische Literatur war erst im Aufblühen, eine jiddische Presse im modernen Sinne des Wortes existierte noch nicht. Wer mit dem jüdischen Leben vertraut sein, die Ereignisse und geistigen Strömungen in der jüdischen Welt verfolgen wollte, mußte die hebräischen Zeitungen und hebräischen Bücher lesen. Die jiddische Literatur bestand hauptsächlich aus Romanen und Novellen, das publizistische Element fehlte ihr noch vollkommen. Von Zeit zu Zeit kamen jüdische Sammelbücher heraus, die bis auf den heutigen Tag noch zu den besten Produkten der jiddischen Literatur gezählt werden können, aber sie erscheinen nur selten und hatten nicht den ununterbrochenen Einfluß, den eine Volksliteratur haben muß. . Solange Warschau nur ein Zentrum der hebräischen Literatur war, hat das die polnische Gesellschaft wenig aufgeregt. Die polnische Presse hat sich wenig um die neuen Strömungen im jüdischen Leben Warschaus gekümmert. Für die Außenwelt ist Hebräisch ständig mit der jüdischen Religion verbunden. Die Außenwelt hat noch nicht die Bedeutung der neuhebräischen Literatur richtig eingeschätzt, sie hat sich nicht um ihren Inhalt gekümmert, sie hat sie immer als eine halb-theologische Literatur betrachtet, die keinen Einfluß auf politische Ideen haben kann. Außerdem hat die polnische Gesellschaft mit gesundem Instinkt ganz gut verstanden, daß die hebräische Bewegung niemals in Polen die jüdischen Massen ergreifen kann, daß sie ständig eine Bewegung „Auserwählter", begrenzter, gesellschaftlichen Klassen bleiben wird. Sie, die polnische Gesellschaft, fürchtete daher keine Konkurrenz. Sie machte sich keine Gedanken darüber, daß durch Hebräisch einmal in Polen eine große jüdisch-nationale Bewegung erweckt werden könnte, daß durch Hebräisch mit der Zeit in Polen eine große kulturelle, selbstbewußte Bevölkerung entstehen könnte, die einen eigenen Geschmack hat und nach diesem Geschmack sich ein eigenes und eigenartiges Leben einzurichten sucht. Eine große und wichtige Rolle spielten dabei die assimilierten polnischen Juden, die merkwürdigerweise in Polen unter dem Namen „Deutschen" bekannt sind. Selbstverständlich sind sie polnischer wie die Polen, chauvinistischer in ihrem polnischen Nationalismus als die schlimmsten Chauvinisten. Sie fühlten sich als Menschen mit einer besonderen Mission, als die Hüter der polnischen Kultur. Und auch sie, die jüdisch-polnischen Assimilanten, verhielten sich zur hebräischen Bewegung gleichgültig und kümmerten sich wenig um sie. Sie schauten von oben auf die Hebräer herab und ignorierten sie. Sie machten sich über den jüdischen Nationalismus lustig, sie betrachteten ihn wie ein Spielzeug von etlichen eingewanderten, russischen Juden, die zu bekämpfen nicht der Mühe wert sei. Mit dem Anfang des neuen Jahrhunderts beginnt die zweite Epoche in der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Russisch-Polens, hauptsächlich Warschaus. In Wirklichkeit sind es nicht zwei besondere Epochen. Die zweite jiddische Epoche ist nichts anderes als die notwendige Fortentwicklung der ersten, hebräischen. Der jüdisch-nationale Gedanke wuchs und drang immer weiter in die breiten jüdischen Massen, es wurde ihm, dem nationalen Gedanken, zu eng in den schmalen Grenzen der gebildeten jüdischen Klassen. Die hebräische Sprache und die hebräische Literatur waren aber den Hauptmassen so gut wie fremd und man mußte sie „verdeutschen". Die jüdische Presse wurde in einer Stunde der Not geboren, sie wuchs schnell, weil sie den Bedürfnissen nachkommen mußte, die das Leben in sich enthielt. Nicht die jiddischen Zeitungen schufen auf einmal den jiddischen Leser, sondern umgekehrt, die jiddischen Leser existierten schon zuvor, sie bildeten ein großes Lager nach einem jiddischen, lebendigen Wort Dürstender. Die Not erzeugte die Unternehmer, und das Publikum stürzte sich gierig auf die jiddische Presse, verschlang jedes Wort und atmete frei auf. Die Zahl der hebräischen Leser wurde dadurch nicht geringer, denn zwischen der hebräischen und der jiddischen Bewegung besteht ein intimes Verhältnis, sie ziehen Nutzen eine von der anderen. Nur künstlich versuchte man einen Gegensatz zwischen diesen Bewegungen zu konstruieren, die ihren Saft aus einer Wurzel ziehen. Die jiddische Presse baute sich auf Kosten der polnischen auf. Hunderttausende von Lesern waren früher gezwungen, ihren politischen Durst durch die polnische Presse zu befriedigen, weil ihnen Hebräisch fremd war, während Polnisch mancher von ihnen mehr oder weniger verstand, wenigstens soweit, um sich durch die Zeitungsdepeschen durchzu-