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Das jüdische Echo · 1915-10-08 · 40 (8.10.1915) · p. Seite 334

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
40 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 Das Jüdische Echo Nr. 40 sich gegenseitig zu unterjochen trachten, als etwas ganz Selbstverständliches, sogar Rühmliches ansieht. Die Auffassung, daß die Ostjuden fremden Götzen, aber nicht dem eigenen Qotte zu dienen hätten, besteht auch in solchen Kreisen, die schwärmerisch auf den Wegen des Fortschritts wandeln, denen das Streben nach Herbeiführung gerechterer Zustände nicht abzusprechen ist. Wenn sie vom Völkerproblem sprechen oder schreiben, dann gewahrt man, daß sie, der Wahrheit sich beugend, die Juden in eine Reihe mit Polen, Ukrainern, Russen stellen. Sowie aber konkrete Maßnahmen zu erwägen sind, wird diese Kongruenz sofort vergessen, die Nationalität der Juden als nichtexistent gar nicht in Rechnung gestellt: die Juden treten in altgewohnter Gedankenlosigkeit wieder als in allen nationalen Farben schillernde Religionsgemeinschaft auf. Diesem Fehler, dessen verhängnisvolle Folgen nicht ausbleiben werden, wenn man* nur einen sozialen Frieden in Europa nach dem Kriege herbeiführen will, unterliegen selbst Männer, von denen man eine stärkere Logik erwarten dürfte. Aber das ist's ja. Ihr gradliniges Denken wird durch Rücksichten aller Art beeinträchtigt. Sie sind irregeleitet durch die Beteuerungen deutscher Juden, daß sie keine Nation sein wollen. Sie fürchten, ihrer Überzeugung zu folgen, um keine Beunruhigung in der deutschen Judenheit hervorzurufen. Sie sind sich nicht klar darüber, daß die Verschleierung nichts Gutes erzeugen kann. So sollen sich wenigstens die Aufrechten und Aufrichtigen unter uns von kleinlichen Bedenken frei machen, wenn alle Welt, der Skrupel ledig, nur ihrem schnöden Eigennutz nachgeht. Wir bedürfen einer Überprüfung und Revision in der Nationalitätenfrage und müssen, von allgemeinen Erkenntnissen ausgehend, die Juden frage mit derselben Ehrlichkeit wie eine uns unmittelbar nicht berührende Angelegenheit behandeln. Vor fünf Jahren hielt der österreichische Rechtsgelehrte Edmund Bernatzik bei der Übernahme des Rektorats der Wiener Universität eine Inaugurationsrede „über nationale Matriken" (erschienen in der Manzschen Buchhandl. in Wien), mit der er uns ein Führer zu einer gewissenhaften Neuorientierung sein kann. Nur 52 Seiten ist die Arbeit lang, aber sie ist gründlich durchdacht, die Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse auf das unmittelbare Leben, unbeugsam gegen alle widerstreitenden Interessen, macht die Rede wertvoller als so manche bekanntere Schrift, die langatmig nicht auf den Kern des Gegenstandes zuzusteuern vermag. Bernatzik liefert die überall vermißte und doch so notwendige Erklärung dessen, was Nationalität ist. Er sagt, daß „die Nationalität ein Gefühl der Sympathie, ein Sich-eins-wissen mit der Geschichte und der Zukunft wie mit der Gegenwart eines Volkes, mit seiner Kultur bedeutet", daß, „maßgebend für die Nationalität nur das Bekenntnis sein kann" und daß „die Nationalität im subjektiven Sinne ein höchst persönlicher, freier Besitz des Individuums ist". Diese Sätze müssen wir uns vor Augen halten, wollen wir die Tatsache der Assimilation, nicht allerdings das Streben darnach, und das Axiom vom Vorhandensein von Nationalitäten und deren Auswirkungen richtig: bewerten. Bernatzik hält die Juden für eine Nation. Er kennt keine Nationalreligionen, die jüdische ausgenommen, und führt auch an, daß „im ganzen Osten, in Rußland, Rumänien, Serbien Bulgarien und der Türkei die Juden als Nationalität aufgefaßt werden." , . D , . Daran zweifelt kein unbefangener Beobachter und deshalb können jetzt nicht irgendwelche Westeuropäer, ob Juden oder Nicntjuden, damit kommen, den Ostjuden die Nationalität abzusprechen. , , X 11 , Wir dürfen die Ostjuden keinesfalls mit dem Maßstabe messen, den große Teile der deutschen Judenheit aus politischen Gründen auf sich angewendet wissen wollen. Die Ostjuden sind eine auch objektiv bestimmbare Volksindividualität und wir haben kein Recht, sie dieser Eigenschaft zu entkleiden oder irgend etwas zu tun und zu fördern, was nicht im freien Willen der Ostjuden liegt. Wir forderten für uns durch das ganze vergangene Jahrhundert von der christlichen Gesellschaft Toleranz und zwar nicht die im üblichen Sinne, sondern eine, deren Ursprung auf eine gerechte, gütige Weltanschauung zurückgeht. Üben wir sie selbst gegenüber unseren eigenen Brüdern, damit wir teil haben an der Errungenschaft, welche das 20. Jahrhundert auszeichnen wird, damit wir nicht abseits stehen von dem Strome geschichtlichen Geschehens, der die Menschheit aufwärts führt. „In der Tat, nur wenn wir — und im Bewußtsein meiner streng deutsch-nationalen Gesinnung muß ich es als meine Überzeugung aussprechen", sagt Bernatzik und ebenso müssen die deutsch¬ und nicht jüdischnational empfindenden Juden sprechen, „nur wenn wir die nationalen Urempfindungen, die uns die Mutter in Herz und Seele gelegt hat, zu zügeln verstehen, wenn wir lernen, sie durch Bildung, Duldung und Achtung der gleichen Empfindungen anderer zu disziplinieren, sind wir imstande, das hohe Humanitätsideal des 18. Jahrhunderts* dessen Verblassen so viele mit Recht beklagt haben, mit jenem Nationalgefühl, das im 19. Jahrhundert mit unwiderstehlicher Macht über uns gekommen ist, zu einer höheren Einheit zu verbinden, die dem 20. Jahrhundert ihre Signatur aufprägen wird." N. V/. Die jüdisch-polnischen Beziehungen Von Dr. Schmarja Lewin in New-York. III. Das neue jüdische Zentrum in Warschau. Im polnischen Leben hat Warschau stets den ersten Platz eingenommen. Ungeachtet dessen, daß Galizien fast selbständig war, daß Krakau und Lemberg polnische Universitäten hatten, während Russisch-Polen systematisch von der russischen Herrschaft unterdrückt wurde, blieb doch Warschau das geistige Zentrum für ganz Polen. Von Warschau gingen alle geistigen Strömungen und politischen Losungen aus. Warschau war mabgebend für Mode, Geschmack, Kunst, Literatur und Wissenschaft. Wie der fromme Jude sich?ei seinen wichtigen Gebeten mit seinem Antlitz m u ,RlchtunS nach Jerusalem wendet, so wandte |1C£ d_er national gesinnte Pole in allen seinen Sehnsüchten, Hoffnungen und Erwartungen gegen Warschau. Dort fühlte er den Brennpunkt seiner Ration den Glanz der Vergangenheit und den Kunm der Zukunft, wenn Polen vom Golusjoche befreit wird. Mit einem Wort — Warschau war

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