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Das jüdische Echo · 1915-09-21 · 38 (21.9.1915) · p. Seite 323

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
38 (21.9.1915)
Date
1915-09-21
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 Das Jüdische Echo 323 Feuilleton Jerusalemitanische Legenden Von Ludwig August Frank 1. VII. Rabbi Kolonimos. Im Jahre 5480 nach Erschaffung der Welt lebte Rabbi Kolonimos als Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinde in Jerusalem. An einem Sabbat vor Tagesanbruch stantf der Rabbi von seinem Lager auf, und ging, wie er jeden Morgen tat zur Westmauer des Tempels, um in einsamem,' inbrünstigem Gebete seine Gedanken zu Gott zu erheben. Er hatte kaum die Schuhe abgelegt und die Stirne träumend an einen Stein der Mauer gelehnt, da stürzte der Synagogendiener todbleich zu ihm heran, und meldete ihm zitternd, daß die Gemeinde in der größten Gefahr schwebe, indem die Mohammedaner bewaffnet das Judenviertel umlagern, schon das Tor der Synagoge erbrechen, und drohen, die ganze Gemeinde niederzumetzeln, wenn der Oberrabbi ihnen nicht ausgeliefert wird. „Warum verlangen sie aber nach mir?" fragte der Rabbi. „Herr, ich wage das Entsetzliche nicht zu wiederholen." Der Rabbi aber erwiderte: „Man fand einen gemordeten Knaben vor der Synagoge liegen, und die Wütenden sagen, ich hätte ihn erschlagen." Der Synagogendiener antwortet, staunend woher dem Rabbi die Kunde gekommen: „Du hast es ausgesprochen, o Herr!" Der Rabbi redete in ehrwürdiger Ruhe weiter zum Diener: „Bewahre mich der Himmel, daß ich Menschenblut vergieße. Sie reden Lügen, eitel Lügen, und die Wahrheit wird an den Tag kommen." Während er dies sagte, stürmte eine tobende Menge schon heran, mit gezückten Schwertern und geballten Fäusten dem Rabbi drohend. Sie ergriffen und schleppten ihn zum Gerichtshause vor den Kadi, und riefen: „Wir bringen Dir den Mörder!" Im Gerichtssaale lag auf dem Teppich die blutige Leiche des gemordeten Knaben, seine Augen waren offen und aus seiner Brust quoll Blut hervor. Der Kadi fragte ernst: „Warum hast Du diesen Knaben gemordet?" Eine lautlose Stille entstand plötzlich im Saale, um die Antwort zu vernehmen. Der Rabbi antwortete: „Ich habe nicht gemordet." Da begann das Toben der Menge wieder, Schreie und Flüche wurden laut, und einige stürzten gegen den Rabbi los, um ihn zu töten. Der Kadi gebot Ruhe, und fragte den Todbedrohten: „Wie willst Du Dich von dem Verdachte des Mordes reinigen?" Der Rabbi antwortete: „Lasse mir Tinte, Papier und Feder reichen, und der Tote soll Dir selbst den Mörder nennen!" Als man ihm Tinte, Papier und Feder brachte, schrieb er geheimnisvolle Buchstaben auf das Papier, und legte es an die Lippen des ermordeten Knaben. Und da war es entsetzlich anzusehen, wie die Leiche sich emporrichtete, und sitzend mit offenen Augen die Menge anstarrte, dann aber Plötzlich aufsprang, auf einen Mohammedaner losstürzte, und mit einer die Herzen zerschneidenden, fürchterlichen Stimme schrie: „Dieser hat mich erschlagen!" Nach diesen Worten stürzte der blutige Knabe wieder als Leiche auf den Teppich zurück. „ _ . . Der Mörder bekannte, entsetzt über die Erscheinung, seine blutige Tat und wurde vor dem Uerichtshause durch den Diener des Kadi sogleich gehängt. Die Eltern des Knaben stürzten jetzt zu den Füßen des Rabbi hin, und baten ihn, den Knaben durch seine geheimnisvolle Macht lebendig zu erhalten. Der Rabbi antwortete ihnen: „Das darf ich nicht. Mir war es nur gegönnt, die Gemeinde Gottes zu retten." Der fromme Rabbi aber vollbrachte fortan sein sein Leben in Buße und Fasten, denn er hatte durch Schreiben den Sabbat entweiht. Er lebte noch viele Jahre und alle hatten große Ehrfrucht vor ihm. Sterbend befahl er, daß hundert Jahre lang jeder, der an seinem Grabe vorübergehen werde, einen Stein auf dasselbe werfe, weil in alten Tagen derjenige, der den Ruhetag entheiligte, gesteinigt wurde. Und so geschah es volle hundert Jahre nach seinem Tode, bis vor vierzig Jahren der letzte Stein nach seinem Grabe geschleudert wurde. Am südöstlichen Abhänge des ölberges ist aber noch jetzt der Steinhügel sichtbar, unter welchem der wunderwirkende Rabbi Kolonimos begraben liegt. Jiddisches Theater in New «York Von Prof. Dr. Karl Lamprecht.*) New York, Grand Street, Jüdisches Theater. Man gibt vor dichtgedrängtem Publikum, das alle Ränge füllt, in Jiddisch-Deutsch ein Stück, das in Südrußland spielt, „Der Liebe Kraft". Ich freue mich, daß ich den mit hebräischen Typen gedruckten Theaterzettel lesen kann: die erste praktische Anwendung früher erworbener Kenntnisse. Das Stück beginnt; man spielt vorzüglich; der Inhalt ist ernst: schwere sittliche und religiöse Probleme. Und mit welch heiligen Feiertagsmienen lauscht das jüdische Publikum: Alte ergraute Gesichter, manch eines mir dem Typ nach vom Brühl in Leipzig bekannt, manch junge Physiognomie, deren Träger schwerlich gleich den Alten Galizien, Rumänien Kleinrußland, die Ursprungsgebiete des New Yorker Halbasiens, gesehen hat. Die Stimmung wird immer ernster, gespannter; einige junge Leute, die in tragischen Momenten lachen, werden niedergezischt, müssen ihre Plätze verlassen, einer wird angespieen. Und was liegt in diesem Beifall nach dem ersten Akte? Nach dem letzten, nach Mitternacht, — man hatte, denke ich, um 8 Uhr begonnen — weiß ich es: Erbauung, Frömmigkeit. Denn hier weht eine Luft, die das moderne Theater sonst vermissen läßt: die Luft der Einmütigkeit sittlicher Vorstellung beim Publikum, Schauspielern und Dichter; hier gibt es keinen Unterschied in der Auffassung der Lösung der sittlichen und religiösen Fragen im Stück; hier ist Schauspiel noch Gottesdienst! In diesem äußerlich wenig anmutenden Räume, in einer Luft, die besser sein konnte, unter Leuten, für deren Mission im europäischen Osten als deutsche Kulturträger ich einst bei dieser Gelegenheit Respekt gewann, ist mir klar geworden, was auch hellenisches Schauspiel einst gewesen sein muß, solange es Gottesdienst war: und dieser Eindruck steht mir in mehr als einer Hinsicht ebenbürtig neben so außerordentlichen religiösen Eindrücken wie dem des Kölner Doms oder dem der erhabenen Ruinen Pästums. *) Aus den, „Americana" betitelten Reiseeindrücken des kürzlich verstorbenen berühmten Historikers. Erschienen in Freiburg im Breisgau 1906. Verlag von Hermann Heyfelder.

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