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Das jüdische Echo · 1915-09-21 · 38 (21.9.1915) · p. Seite 318

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
38 (21.9.1915)
Date
1915-09-21
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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318 Das Jüdische Echo Nr. 38 maßgebenden Wiortlaut finden kann: ihn, den Talmud-Studierenden, interessiert der Gedankengang derer, die die Frage vor Jahrhunderten diskutierten! Und so ist Diskussion, Polemik, geistige Gymnastik die beliebteste Beschäftigung der Talmudisten. Wenn ein Talmud-Studierender die Rabbiner-Laufbahn wählt, so wendet er sich den eigentlichen Gesetzesbüchern zu („Schulchon Oruch"), wird von irgend einem der größeren und älteren Rabbiner mehrfach geprüft und erhält von diesem, wenn er dessen würdig ist, das Zeugnis (Ssmichoh oder Ssmichus) ausgestellt, welches ihn zur Annahme einer Rabbinerstelle berechtigt. In der Regel wird dieses Zeugnis bei den Talmudisten als Nebensache erachtet, denn nach mehrjährigem fleißigem Studium des Talmud ist die Vorbereitung zum Rabbineramt und die Ablegung der entsprechenden Prüfung keineswegs schwer, besonders da man sich auch früher schon mit den wichtigen Kommentarwerken (Schabsi Cohen, Kzoss-Hachoschen usw.) zu dem zu den schwierigsten zählenden Zivil-Gesetzbuch (Choschen-Mischpot) vertraut machte. Der Talmud selbst ist kein eigentliches Gesetzbuch, er ist vielmehr ein enzyklopädisches, aus etwa 50 Traktaten bestehendes Werk, das in sich alles im Laufe von 7 Jahrhunderten von dem Judentum auf geistigem Gebiet Geschaffene versammelt. Außer religiösen und Zivilgesetzen (fialochoh), findet man hier Astronomie, Medizin, Naturkunde, Ethik, Philosophie, Volkssagen (Agodoh), geschichtliche Erzählungen. „Wende nur die Blätter — alles findest du darin" — so lautet der Wahlspruch des Talmud. Man sieht, der Talmud ist zwar geeignet, geistige Anregungen zu liefern, das Durcheinander kann aber wenig dazu beitragen, ein logisches, klares Denken zu erzeugen, den Sinn für das systematische, geordnete Forschen aufgehen zu lassen. Man braucht sich nur folgendes zu vergegenwärtigen: der Talmud ist in der aramäischen (chaldäischen) Sprache verfaßt worden (nur die Mischna ist fast reines. Hebräisch), und die Kenntnisse dieser Sprache hält man in den Jeschibos für einen Luxus, ebenso wie die Kenntnis der hebräischen Sprache! Es ist wahrhaft unterhaltend zu beobachten, wie weltfremde Menschen sich in manche komplizierte Fragen des Zivilrechtes vertiefen, ohne zu ahnen, daß diese Gesetze für das Leben, nicht etwa für die Beschaulichkeit des Eremiten geschaffen sind. Nur der wirklich Begabte kommt unversehrt davon und schmückt sich noch mit den schönsten Perlen des jüdischen Gedankens. Denn „durch des Hammers Schläge wird das Glas zersplittert, wird der Stahl geschmiedet"..... * * * Gottes Wege sind bekantlich keine geraden Linien, auch keine, für die ein einfaches, allgemeingültiges Gesetz aufzustellen möglich wäre. Wir begegnen oft Erscheinungen, die uns unverständlich bleiben, weil sie mit dem von uns aufgestellten Gesetz nicht in Einklang stehen. So kommt es häufig vor, daß unter den Elenden, die in den denkbar ungünstigsten Verhältnissen leben und erzogen werden, Begabungen erstehen, die die Welt in Staunen versetzen. Es ist deshalb grundfalsch, auf Grund der materiellen Armut ein Urteil über den geistigen Zustand zu fällen. Oft (in der besten Absicht, Mitleid und Empörung zu erwecken) wird von den qualvollen Verhältnissen erzählt, denen die russischen Juden ausgesetzt sind, und dabei zur Bekräftigung auch auf die geistige Armut hingewiesen, welche die materiellen Verhältnisse zur Folge haben. Letzteres trifft aber nur teilweise zu Für manchen stolzen Gedanken, manchen stählernen Charakter sind die Leiden sehr gute Geburtshelfer. Und gerade die Ärmsten unter den jüdischen Volksmassen haben diesen Beweis erbracht. , , „ . _.. Nicht selten ist es vorgekommen, daß ein Zögling einer Jeschiboh sich aus den ärmsten Verhältnissen zum großen Denker emporentwickelt hat. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß alle hebräischen und jüdischen Schriftsteller und — was noch mehr sagen will — ein großer Teil der fortschrittlich gesinnten Politiker und Theoretiker Kinder der Jeschiboh waren. Es ist auch das Zitat bekannt: „Respekt vor den Kindern der Armen, denn von ihnen strömt das Wissen". Obwohl also das materielle Elend mit der geistigen Entwicklung der russischen Juden in keinem absoluten Zusammenhang steht, so sehen diese doch im blutigen Kampf um ihre Vollberechtigung eines ihrer höchsten Ziele. Und trotz der hervorragenden geistig-kulturellen Wirkungen, die von der Jeschiboh ausgehen, darf man sich nicht verhehlen, daß die Talmud-Jeschibos keine idealen Lehranstalten sind. Man denke sich nur die hygienischen Verhältnisse: 300—500 Menschen sind in einem zwar großen aber äußerst schlecht gelüfteten Saal zusammengepfercht und das buchstäblich von früh morgen bis spät abend, von einigen kurzen Pausen abgesehen. Und dabei wird allgemein laut „gelernt", noch lauter diskutiert, unglaublich für einen, der dem nicht beigewohnt hat. Gelernt wird nur Talmud und Kommentatoren. Gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache (und natürlich damit auch unserer Bibel), hält man nicht nur für überflüssig, sondern auch für schädlich, weil man fürchtet, sich dadurch den Weg zu der weltlichen (modernen) hebräischen Literatur zu erleichtern. Aus ähnlichen Gründen werden auch alle weltlichen Wissenschaften (chochmos chizonios) verworfen. Natürlich gibt es unter den Talmudisten auch manche „Abtrünnige" (Epikorsim). Aufgenommen in die Jeschiboh wird ein junger Mann, der in der Lage ist, sich an jeder beliebigen Stelle im Talmud richtig zu orientieren, sowie die betreffenden Erläuterungen der Hauptkommentatoren (Raschi und Tosfos) auszulegen. Zur Vorbereitung gibt es lokale „kleine Jeschibos" oder Privatlehrer. Dagegen versammeln sich in den genannten Jeschibos (sowie auch in den anderen Jeschibos — Woloschin u. a.) junge Leute aus verschiedenen Gegenden und Städten. Die reicheren* Schichten schicken heutzutage ihre Söhne nicht in die Jeschibos, dagegen aber die arme Bevölkerung der kleinen Städte. An der Spitze einer jeden Jeschiboh steht der Lektor (Rosch-Hajeschiboh), ein gelehrter Rabbiner, welcher wöchentlich u Vorlesungen abhält. Eine Diskussion wahrend dieser Vorlesungen ist zulässig, sogar erwünscht. In T eis chi sind alle Talmud-Studierenden in 5 Klassen eingeteilt; jede Klasse hat ihre Voresung zweimal wöchentlich. Dort sind drei gelehrte Lektoren vorhanden. Die verschiedenen Jeschibos unterscheiden sich von einander durch ihre Richtungen; diese Verschiedenheit gab in den truheren Zeiten Anlaß zu „Kultur-Kämpfen", oft zu Regime-Wechsel in einer und derselben Jeschi- Doh Die eine Richtung nennt sich „Baalei Mussor" — diese sieht ihre Aufgabe darin, nicht nur das Studium zu fördern, sondern auch die religiös e M o r a L Allerdings, religiöse Moral, wie sie es. auitassen: Bekämpfung des körperlichen, um

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