Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 38 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Das Jüdische Echo 317 Januar hat er die gezeichneten Mark 100.— zu bezahlen. Ist es angängig, alte Reichs- und Staatsanleihen oder Schuldbuchforderungen oder andere Wertpapiere unter Zahlung des Kursunterschiedes in die neue Kriegsanleihe umzutauschen? Im allgemeinen: Nein. Solch Umtausch hat zur Voraussetzung, daß Gelegenheit zum Verkauf der alten Anleihen vorhanden ist. Hierauf aber kann, solange an den Börsen amtliche Notierungen fehlen, regelmäßig nicht gerechnet werden. Es können hier aber die Beleihungen der Darlehenskassen wirkungsvoll helfen. Beleihen die Darlehenskassen auch Stücke und Buchforderungen der ersten beiden Kriegsanleihen? Ja! Sogar mit 75% vom Nennwert. In der Bekanntmachung heißt es: „Die Anleihe ist bis zum Jahre 1924 unkündbar." Bedeutet diese Bestimmung für den Erwerber einen Nachteil oder einen Vorteil? Einen Vorteil! Nämlich den, daß der Anleihebesitzer mindestens bis zum Jahre 1924 in dem ungestörten Genuß von 5% Zinsen verbleibt. Will nach dem Jahre 1924 das Reich 5% nicht mehr gewähren, so kann der Anleihebesitzer sein Kapital zurückzufordern. Wer heute Mark 99.— gezahlt hat, würde alsdann volle Mark 100.— ausgezahlt erhalten. Die Annahme, daß der Anleihebesitzer mit seinem Gelde bis zum Jahre 1924 sich festlegt, trifft nicht zu. Er kann seine Anleihe jederzeit veräußern, und zwar nach menschlicher Voraussicht mit Nutzen! Wo kann für den Erfolg der Anleihe noch Werbetätigkeit einsetzen? Wir wollen die Anleihe unseres Reiches nicht marktschreierisch ausbieten — in der Art von Zirkusreklamen, wie solche bei Auflegung der letzten englischen Anleihe für angezeigt befunden worden sind. Weil es aber keine bessere Kapitalsanlage gibt, soll allerdings unsere Reichsanleihe in die weitesten Kreise dringen und dazu muß jeder nach Kräften mithelfen. Dankenswert war es, wenn bei der letzten Kriegsanleihe Arbeitgeber und Geschäftsinhaber Zeichnungen ihrer Angestellten und Arbeiter vermittelten, namentlich wenn dies so geschah, daß sie die Einzahlungen für ihre Arbeiter vorlegten und die verauslagten Beträge von ihnen in kleinen Raten einzogen. Die „Treuhand Deutscher Rechtsanwälte" und viele Schulen haben sich um die Heranziehung von Zeichnungsbeträgen unter 100 Mark bemüht. Beträge von mindestens 20 Mark wurden von diesen Sammelstellen angenommen, die dann den Ankauf und die Verwaltung der Anleihestücke für diese kleinen Zeichner übernahmen. Unsere Lehrer haben sich um Sammlung von Goldmünzen, Ausbildung der Jugendwehr und auch sonst durch Opfer an Zeit und Kraft große Verdienste erworben. Hier bietet sich ein neues Feld. Jeder Deutsche will teilnehmen an der Herbeischaffung der Mittel, die das Reich für den Krieg nötig hat. Auf Wegen, wie den vorstehend bezeichneten, können zu großem Erfolge auch kleinste Zeichner mitwirken — auch diejenigen, die den Mindestbetrag von 1ÖÖ Mark in den festgesetzten Einzahlungsfristen nicht flüssig machen können. Schließlich: Keiner darf müde werden, für die Anleihe zu wirken und Aufklärung zu verbreiten im Kreise der Freunde und in großen Versammlungen. Das Verständnis für das, was die Kriegsanleihe für das Vaterland bedeutet, muß bis in die letzte Hütte getragen werden. Die Jeschibos von Kowno und Telschi Nur wenigen unter den jüdischen Lesern dürfte es bekannt sein, daß in den von deutschen Truppen besetzten Kowno und Telschi (Gouv. Kowno) sich die größten und wichtigsten Lehrstätten des Talmuds befinden, das sind die sogenannten Jeschibos. Es werden wohl zusammen 1500—£000 junge Leute sein, die sich mehrere Jahre hindurch dem ausschließlichen Studium des Talmund und der zahlreichen Kommentatoren widmen. Es ist für einen westeuropäischen Juden nicht leicht, sich von diesen eigenartigen Schulen einen klaren Begriff zu machen. Dem praktischen „HochzeitsÄ-Stein in Fürth (nach einer Radierung). Europäer ist ein Rabbinerseminar wohl verständlich, die Jeschibos haben sich aber nicht zur Aufgabe gemacht, Rabbiner-Diplome zu erteilen, wie es überhaupt nicht ihre Sache ist, den Schülern irgendwelche Diplome zu gewähren. Noch mehr: der Begriff des „Absolvierens" ist ihnen fremd. „Tief ist das talmudische Meer" und niemand darf von sich behaupten, er sei an seinen Boden gelangt. Und wirklich, außer der großen Zahl der eigentlichen Talmud-Traktate umfaßt die nach Abschluß des Talmud entstandene und nun während 14 Jahrhunderten sich häufende rabbinische Literatur Zehntausende von Bänden. Und da gibt es nicht „veraltet" . . . Heilige und geheiligte Bücher bilden hier. eine gesehlos- 1 sene Familie, eine Kette, deren Glieder alle als bedeutend betrachtet werden. Die Kette verliert ihre Tragfähigkeit, sobald nur ein Glied ausgeschieden wird. Naturgemäß stößt man beim Studium dieser in verschiedenen Zeiten und Ländern erschienenen Bücher auf Widersprüche, die aber vom Talmudisten als Schein-Widersprüche aufgefaßt werden, denn es kann kein Widerspruch vorhanden sein, wo alles aus der Urquelle entsteht. Diese Widersprüche durch die verschiedensten Kombinationen beizulegen — das ist das ersehnenswerteste Ziel des Talmud-Studierenden. Was geht es ihn an, wie eine Frage endgültig von den Gelehrten gelöst worden ist, wie der betreffende Satz im Gesetzbuch lautet; das. ist ja Sache des Rabbiners, der das dicke Buch aufschlagen und den