Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 38 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116237--00512-9073339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Das Jüdische Echo 315 ganismus ist, dessen Glieder sich als historische Einheit mit gemeinsamen Zukunftshoffnungen fühlen, so waren die Juden immer eine Nation. Auch für jeden Nichtjuden war jeder Jude trotz zahlreicher Differenzierungen innerhalb der Judenheit ein charakteristischer, anders gearteter menschlicher Typus und ist es heute, wo das Urteil über den Stil, über die Geheimnisse der schöpferischen Fähigkeiten feiner und klarer geworden ist, mehr als jemals in früherer Zeit. Die Entnationalisierungsversuche des neunzehnten Jahrhunderts haben nur zu einer Maskierung geführt, durch die sich die Nichtjuden im allgemeinen nicht haben täuschen lassen. Das Eindringen in die tieferen Schichten des deutschen Geisteslebens brachte allmählich auch einer neuen Generation, deren schlummernde jüdische Instinkte erwachten, zum Bewußtsein, daß Kultur mehr ist als etwas Gedrucktes, mehr als eine Summe fertiger geistiger Leistungen, daß nicht der Literat, sondern der lebendig schaffende Mensch der Träger echter Volkskultur ist. Die Ahnung vom wahren Sinn des nationalen Lebens schuf eine Bewegung, die das jüdische Volk zu neuem Leben erwecken wollte. Diese Bewegung ist der Zionismus. Die Assimilation hatte die Juden zu einem von Unaufrichtigkeit und Kraftlosigkeit angefüllten Leben geführt. Trotzdem sie die geistigen Schätze Europas kennen gelernt hatten, waren sie doch Menschen ihrer Art geblieben, und das dauernde Bestreben, diese Wahrheit vor den anderen und vor sich selbst zu verbergen, hat in ihnen alle Schäden einer Ubergangsmoral hervorgebracht. Der Zionismus kam aus ähnlichen Empfindungen und Überlegungen, aus denen sich das deutsche Volk erneuert hat, zu der Überzeugung, daß es für die Juden ein würdiges Leben nur geben könne, wenn sie ihren sittlichen Halt und ihre innere Befriedigung in der Betätigung der Wahrheit ihres jüdischen Wesens finden. * * * Gibt es für die nichtjüdische Welt einen Grund, der die Zionisten weniger willkommen erscheinen läßt, als jene halben Assimilanten oder halben Juden? Für einen modernen Nationalstaat wäre es gewiß ein ideales Ziel, wenn alle Bürger in ihrem Empfinden so einheitlich wären, daß ihnen die Staatsnation zugleich zu der „in allen Zielen ungebrochenen zentralen Lebensgemeinschaft wird. Dann wären die Zukunftshoffnungen Aller die gleichen. Ein Staatsvolk, dessen Angehörige von Abstammung, Religion, Bildung und geschichtlicher Vergangenheit gleich sind, existiert aber nirgends. Den ungebrochenen Existenzen in diesem höchsten Sinne werden andere gegenüberstehen, bei denen die Einheit der Persönlichkeit dadurch bedroht ist, daß sich in ihnen verschiedene Lebenskreise schneiden. Sind auch diese dem Staate wertvoll oder bilden sie an sich eine Gefahr? Eine allgemeine Antwort ist unmöglich, allein die Untersuchung des besonderen Falles gibt das Urteil. T Können Juden, die mit allen Konsequenzen Juden sein wollen, vom Staate als Elemente gewürdigt werden, die einen wirklichen Wert für die Staatsgemeinschaft bilden? Sind diese zionistischen Juden weniger wertvoll für den Staat als jene halben Juden, die nur das Kunstprodukt emer von ihnen geschaffenen, leblosen religiösen Abstraktion als Judentum ausgeben? Für den Staat werden nur solche Bürger wertlos sein, welche durch ihre Anschauungen die sittliche Zucht und Bindung aufzulösen geeignet sind. Durch die latsäche, daß die Zionisten die Empfindungen der Verantwortlichkeit für die Gesamtheit und der Verpflichtung gegen die eigene Gemeinschaft zum stärksten sittlichen Prinzip ihres Lebens gemacht haben, bieten sie dem Staate eine Garantie der Erziehung ihrer Jugend zu charaktervollen und idealem Streben zugewandten Menschen, Menschen jüdischer Art und jüdischen Wesens; deutlich unterschieden von allem Nichtjüdischen, aber Menschen, die gelernt haben, die Eigenheit und Heiligkeit der Kräfte ihrer nichtjüdischen Umwelt zu ehren, Menschen, für die jene asoziale und de- Ostwand der Synagoge in Floß in der Oberpfalz. kadente Auffassung ein Greuel ist, die täppisch und frech die subtilsten Dinge jeder Art betrachtet und kritisch zergliedert, an deren schöpferischem Geist sie keinen Teil hat. Die mutigen, ihre Sonderheit verteidigenden zionistischen Juden werden überall ihren Mann stehen und ihre Pflicht erfüllen; und die nichtjüdische Welt wird wissen, daß sie bei Menschen so mannhafter Gesinnung sich auf vollste Pflichterfüllung verlassen kann. Andererseits ist das Assimilationsideal an sich nicht geeignet, dem Staat ein wertvolles Element zu schaffen. Es führt dazu, daß an Stelle der sittlichen Zucht und Bindung, welche bei allen Kulturvölkern durch Pflege der religiösen und nationalen Überlieferung erstrebt wird, ein ungebundenes, auf äußerliche Ziele gerichtetes Streben tritt. Die Fälle, in denen es den einzelnen Individuen möglich wird, aus dem Zwitterzustand des noch nicht ganz entjudeten Menschen zu stabilem seelischem Gleichgewicht in neuen, nichtjüdischen Zusammenhängen zu gelangen, sind selten. Ob diese Fälle in späterer Zukunft häufiger eintreten werden und so allmählich ein größerer Teil der deutschen Juden restlös sein Judentum verlieren wird, ist zweifelhaft. Jedenfalls handelt es sich um einen