Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 38 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116237--00511-9073338- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■P" 314 Das Jüdische Echo Nr. 88 ihn nicht kontrollieren. In die Gesellschaft kann man keine Beamten schicken, und die Straße hängt von dem Handel und der Gesellschaft ab. Der Geist der Gesellschaft ist auch der der Straße. Die russische Regierung nahm an, daß es ihr gelingen werde, die russische Atmosphäre durch die Tausende Offiziere, welche gewöhnlich eine höhere gesellschaftliche Stellung einnehmen, nach Polen zu verpflanzen. Die Offiziere verstehen doch zu leben und die „Gesellschaft" wird gewiß dem russischen Offizier nicht widerstehen können. Besonders noch in Friedenszeiten, solange der russische Offizier noch wie ein Held auftreten durfte. Man hat nur die schönsten und reichsten Offiziere nach Polen geschickt, damit sie den Ton angeben. Aber auch darin hat sich die Regierung geirrt. Sie hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, oder besser — ohne die Wirtin. In die feinere, höhere Gesellschaft erhielten die russischen Offiziere keinen Zutritt, sie fanden dort stets verschlossene. Türen. Sie mußten in den Mittelstandsklassen verkehren, mit gefallenen Gutsbesitzern und ähnlichen Kreisen. In dieser Gesellschaft hatten sie zwar in mancher Hinsicht Glück, aber nicht in der Haupthinsicht, der zu liebe sie die Regierung geschickt hatte. Anstatt die zivilisatorische Aufgabe eines Lehrers auf sich zu nehmen und zu sehen, daß die polnischen Fräuleins russisch lernen, lernten die Offiziere polnisch. Der Lehrer wurde zum Schüler und studierte eifrig. Kurz, die russische Regierung strengte alle ihre Kräfte an, um aus Polen eine russische Provinz zu machen, aber die von ihr angewandten Mittel erwiesen sich als zu schwach. Nun ereignet sich plötzlich für die russische Regierung ein glücklicher Zufall. Es wandern nach Polen Elemente aus, die ihr ganzes Leben in russischer oder halbrussischer Umgebung zugebracht hatten. Die meisten von ihnen dringen in die rechte Zentrale Polens, Warschau, ein, eröffnen dort Geschäfte und tragen nolens volens dorthin den Geist, die Sitten und Gebräuche ihres früheren Lebens. In Rußland selbst waren diese Elemente zwar verachtet, man hielt sie für „Fremde", aber in Polen und für Polen sind sie „russisch" genug dressiert, um sich ihrer zu bedienen. Dazu braucht man ihnen keinen Gehalt zahlen, sie sind einfach reiner Gewinn. Diese Erklärung und diese Auffasung von der Rolle der neuen eingewanderten jüdischen Elemente in Russisch-Polen kann man in den offiziellen Berichten lesen, die der Warschauer Generalgouverneur der Zentralregierung in Petersburg zustellte, und den Nachklang dieser Auffassung hörten wir noch in den Debatten der russischen Duma, als man über neue Gesetze in der polnischen Verwaltung sprach. Berüchtigte Antisemiten bestanden darauf, daß man gerade in Polen die Juden zu der Stadtverwaltung zulassen solle, weil sie dort sehr nützlich seien. Man begreift, wieviel Gift, wieviel Provokation in einer solchen Begründung der jüdischen Gleichberechtigung in Polen steckt. Wir haben die Rolle, welche die eingewanderten russischen Juden in Russisch-Polen spielten, etwas ausführlicher charakterisiert, weil darin der Schlüssel liegt, der uns den Weg zu den Beziehungen öffnet, die sich in letzter Zeit zwischen der polnischen und der neuen jüdischen Bevölkerung gebildet haben, wenn anders wir sie richtig begreifen und mit Verständnis beurteilen wollen. In dem Umstand, daß die eingewanderten russischen Juden in Polen, ohne zu wollen, ein Werkzeug der russischen Regierung sind, ein Werkzeug, das gegen die geistigen Interessen der Polen gerichtet ist, liegt die^ganze 1 ragodie der neuen jüdischen Elemente in Polen. Die Not zwang sie, die russischen Verfolgungen trieben sie dazu, nebenbei anderen Interessen zu dienen. In der Übergangszeit mußten sich die eingewanderten russischen Juden im Verkehr mit nichtjudischen Elementen der russischen Sprache bedienen, nicht etwa aus Liebe zu ihr, sondern nur weil sie die polnische Sprache nicht verstanden. Und wenn sie sich auch bemühten, möglichst schnell polnisch zu lernen, so ist es erstens nicht leicht für Erwachsene, eine neue Sprache rasch zu lernen, und zweitens merkten das die Polen nicht. Die polnischen Ohren verletzte die russische Sprache der neuen Eingewanderten, die Polen gaben sich wenig Mühe, diese wirklich sonderbare Erscheinung innerlich zu begreifen, für sie war die nackte Tatsache genug, und die Feindschaft gegen die „Fremden", die „Verderber", welche ihre nationalen Aufgaben stören, wuchs von Tag zu Tag. Wir wollen damit nicht sagen, daß, wenn dieser Umstand nicht gewesen wäre, die Polen sich in Judenfreunde verwandelt hätten. Die Polen besitzen den gewöhnlichen Antisemitismus nicht in geringerem Maße wie alle anderen Völker der Erde. Eines ist aber sicher: die Feindschaft gegen die Juden hätte in Polen keine so schrecklichen Formen angenommen, wenn die polnische Bevölkerung durch die russisch-jüdische Einwanderung in ihren besten, nationalen Gefühlen nicht so gekränkt worden wäre. Anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kommt die zweite Katastrophe über die russischen Juden, die Vertreibung aus Moskau. Damit beginnt ein neues Kapitel der jüdischen Binnenwanderung. Sie ist intensiver, und Polen, hauptsächlich Warschau und Lodz, wird durch sie noch stärker beeinflußt, und es hebt daher ein neues Blatt in der Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen an. Der Zionismus Eine Frage deutscher Orientpolitik. Von Kurt Blumenfeld in Berlin. Die folgenden Abschnitte sind Teile der Abhandlung, die, wie schon in einer früheren Nummer erwähnt, unter dem oben genannten Titel im Juliheft der „Preußischen Jahrbücher" (Verlag Georg Stilke, Berlin) erschienen ist. Eine Untersuchung der historischen Grundlagen des Zionismus führt zu dem Ergebnis, daß es sich um keine willkürliche Konstruktion handelt, sondern daß die gleichen Kräfte, die heute an der Erneuerung des Judentums tätig sind, in allen Zeiten der jüdischen Geschichte wirksam gewesen sind. Der Lebenswille der jüdischen Nation fand seinen Ausdruck in dem Gefühl der Auserwähltheit, der untrennbaren Schicksalsgemeinschaft und dem Glauben an eine gemeinsame Zukunft des judischen Volkes. Durch diesen Lebenswillen sind die Juden auch nach dem Verlust ihres Staates ein Volk geblieben. Sie haben sich selbst immer dafür gehalten und sind niemals von der Umgebung für etwas anderes angesehen worden. Blutsmaßig sind sie vermutlich einheitlicher als die meisten Nationen Europas. Wesentlich war aber a 9efühl des menschlichen Zusammenhanges Sr 5" °laube an eine gemeinsame Zukunft wenn Nation ein lebendig sich entwickelnder Or-