Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 38 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Qanzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — Verlag „des Jüdischen Eohos": München, Herzog Maxstr.4.-Redaktion: Norbert Weldler, München-Solln, Erikastraße 6. Anzeigen: Die viergespaltenc Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt— Dieselbe für k 1 e i n e Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag »des Jüdischen Echos", München, Herzog laxstraße 4. Fernsprecher: 8099. Postscheckkonto: München 3987. 21. September 1915 München / 2. Jahrgang Nummer 38 1915 Wochenkalender (5676) IJTin Sept. Tischri ntrn "D"mri"ts> Gottesd.: Samstag 25 17 Morgens Hauptsyn. 8'/» Herzog Rud.-Str. 7l/t 26 Sabbath-Äusgang 68/4 Sonntag 18 Montag 27 19 Dienstag 28 20 "Tri Mittwoch 29 21 Festeseingang: 53/4 Donnerstag 30 Oktob. •22 rrttfrT Morgengottesd.: Hauptsynagoge 8— Herzoe Rud.-Str. 71/« ppnrvtf Freitag 1 23 Sabbath-Eing.: Haupt - Synagoge 5l/2 Herzog Rud.-Str. 5V» Inhalt: Dr. Schmaria Lewin: Die jüdisch-pol- —— nischen Beziehungen I. — Kurt Blumenfeld: Der Zionismus, eine Frage deutscher Orientpolitik. — L. A.: Die Jeschibas von Kowno und Telschi. — Die Leiden der russisch-jüdischen Freiwilligen in der französischen Fremdenlegion. — L. A. Frankl: Jerusalemitanische Legenden VII. — Prof. Karl Lamprecht: Jiddisches Theater in New- York. — Welt-, Zeitungs-, Gemeinden-Echo usw. Die jüdisch-polnischen Beziehungen Von Dr. Schmarja Lewin in New-York. I. Die tragische Rolle der Juden in Polen. Schon die ersten Pogrome, welche die russischen Juden in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit katastrophaler Gewalt trafen, verursachten zugleich mit der Massenauswanderung in die verschiedensten Weltteile auch eine unbedeutende Binnenwanderung in Rußland selbst. Leider haben wir nicht die geringste Wissenschaft«- liehe Grundlage über den Umfang dieser Binnenwanderung und sind lediglich auf Vermutungen angewiesen. Daher fällt es schwer, ihre Bedeutung und ihren Einfluß auf die weitere Entwicklung und Gestaltung des russisch-jüdischen Lebens richtig abzuschätzen. Gleich nach den ersten Pogromen setzten stärkere Verfolgungen gegen diejenigen Juden ein, die ohne Erlaubnis außerhalb der „Tscherta" wohnten, gegen Zehntausende von jüdischen Familien, gegen jüdische Wald-, Mühlen- und Milchwirtschaftspächter usw. Alle diese Elemente — wir wissen auch nicht die annähernde Zahl der Familien — waren gezwungen, sich ein neues Heim zu suchen. Und merkwürdig, gerade diese Elemente sind nicht nach Amerika gegangen, wohin es den Hauptstrom der Auswanderer trieb. Amerika war zu jener Zeit noch nicht so populär, und eine Reise über den Ozean hat noch den ehemaligen Kolonisten und den jüdischen Handwerker, der bisher in einer nichtjüdischen Umgebung gelebt hatte, abgeschreckt. Die Auswanderung nach Amerika hatte in den ersten Jahren zum größten Teil die Großstadt- und Grenzbevölkerung ergriffen, die bereits „weltlicher" war und mit dem großen Leben in Berührung kam. Ein ansehnlicher Prozentsatz dieser Elemente beginnt in jener Zeit aus den russischen Gegenden nach Russisch-Polen auszuwandern; hauptsächlich in die großen Städte Warschau, Lodz, Petrikau u. a. m. Erstens war Polen zu jener Zeit bereits in Industrie und Handel entwickelter und zweitens unterdrückte sie dort die russische Regierung viel weniger, so daß sie größere Bewegungsfreiheit hatten. Die russische Regierung glaubte, die neuen jüdischen Elemente für ihre Zwecke benützen zu können. Der Hauptzweck der Regierung bestand in der Russifizierung Polens, sie bemühte sich mit allen Mitteln, in Polen eine „russische Atmosphäre" zu schaffen. Sie russifizierte die Verwaltung, die Eisenbahnen, die Kreditanstalten und, was noch mehr bedeutet, die Schulen. Ein Heer großer und kleiner Beamten und, wie sich denken läßt, nicht die besten, besetzten alle Stellen, bei denen die Regierung ein Wörtchen mitzusprechen hatte. Die Beamten bezogen höhere Gehälter, weil die Regierung sie für ihre Extraaufgabe, das Land zu russifizieren, entschädigen wollte. Die Arbeit ging aber anfangs sehr langsam und ohne großen Erfolg, weil der Einfluß des polnischen Milieus auf die russischen Beamten größer als der der russischen Beamten auf das polnische Milieu war. So wurden die Beamten mit der Zeit zu Zwitterwesen: halb russisch, halb polnisch. Eine reine, herbe und kräftige russische Sprache mit allen Finessen hörte man nur im „Polizeirevier", sonst blieb alles verdorben, gemischt, unecht. Noch viel schwerer ging es mit der Russifizierung des Handels, der Gesellschaft und der Straße. Im Handel ist doch jeder frei, man kann den Kaufmann nicht zwingen, mit dem Käufer eine bestimmte Sprache zu reden, und wenn man es trotzdem tut, etwa durch ein Gesetz, so kann man