Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 37 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Das Jüdische Echo Nr. 37 sich national leben und nichts als Juden sein wollen, Palästina, das heißt, das Recht der ungehinderten und unbeschränkten Einwanderung, Bodenerwerbung und Ansiedlung mit innerer Selbstverwaltung unter der Regierung, die in dem Lande die territorialen Hoheitsrechte ausüben wird." Einen Aufruf von J. L. Perez, den er kurz vor seinem Tode mit einigen anderen Schrittstellern erlassen hat, gibt das „Israel. Wochenblatt für die Schweiz" wieder. Er lautet: „Jeder Tropfen vergossenen Blutes, jede Träne, jedes Opfer muß und soll zu unserem geschichtlichen Konto geschrieben werden; wer sein Blut säet, der hat auch Recht auf Ernte. Wir selbst müssen die Historiker unseres Anteils an diesem Prozeß sein. Sonst bleibt unser Konto leer. Die Welt und die Geschichte wird uns nichts, schuldig zu sein glauben, unser Name wird in dem blatte, auf das die Welt ihre Schmerzen verzeichnet, nicht erwähnt sein. Und das ist noch nicht alles. Schlimmer ist es noch, wenn andere für uns in unserem Namen schreiben. Fremde. Und wie wenig Freunde werden wir unter diesen Fremden haben! Feinde werden sich finden, die unser Blut und unsere Tränen mißbrauchen werden, um unseren Namen zu beschmutzen. Für unsere ehrenhafte, heldenmütige Aufopferung, Hingebung und Selbstlosigkeit werden sie uns — vielleicht — mit neuen Ausnahmegesetzen vergelten wollen. Und wenn sich wirklich ein Freund finden wird, der uns verteidigen möchte, der die Wahrheit wird aufdecken wollen, er wird kein Material für die Wahrheit finden können. Wehe dem Volke, dessen Geschichtsschreiber Fremde sind, und seinen eigenen Schriftstellern bleibt nichts übrig als Klagelieder zu schreiben. Werdet euere eigenen Historiker, verlasset euch nicht auf fremde Hände. Schreibet, zeichnet auf und sammelt." Die neuen Männer im russischen Kabinett. Der Wechsel im russischen Ministerkabinett hat keineswegs einen Systemwechsel gebracht. Einige Finsterlinge haben gehen müssen, andere nehmen ihren Posten ein. Das ist alles. Der Exreaktionär Schtscheglowitow, der neun Jahre lang das Recht vergewaltigte und mit Füßen trat, der den Beilis- Prozeß in Szene setzte, hat sich der russischen Presse zufolge mit Tränen in den Augen vom Beamtenkörper verabschiedet. Aber die Tränen galten nicht etwa einem sterbenden System, sondern der geschwundenen eigenen Herrlichkeit. Sein Nachfolger Chwostow ließ in einem Interview mit einem Pressevertreter deutlich merken, daß er von liberalen Reformen weit entfernt ist. Auf die Bemerkung des Journalisten, daß „in weiten Kreisen die Meinung verbreitet ist, daß schon mit Rücksicht auf die Organisierung und Nutzbarmachung aller sozialen Kräfte des Landes ein besseres Verhalten zu den Nationalitäten notwendig ist", verweigerte er die Antwort, bemerkte aber bezüglich der Frage der Zulassung der Juden zum Advokatenstande, „er denke nicht, daß sie die öffentliche Meinung sehr aufregt". Chwostow erklärte mit Stolz: „Ich bin Russe und gehöre der Rechten an". Die reaktionäre Presse hat denn auch ihn und seine Kollegen warm empfangen und vertrauensvoll ins Herz geschlossen. (J. A. K.) Uber die Aufhebung der Wohnrechtsbeschränkungen für die Juden Rußlands. „Reuter" meldet unterm 25. v. M. aus Petersburg: Nach einer eingehenden Prüfung der ganzen Frage genehmigte der Zar die vorläufige Abschaffung der Wohnungsbeschränkungen für Juden, ausgenommen Petersburg und Moskau. Laut „Russkoje Slowo" verbot hingegen der Gendarmeriekommandaut in 1 roisk den Juden den Aufenthalt auf dem Bahnhofe. Die Juden waren bisher bei den Arbeiten m der Verpflegungsstation des Bahnhofes mit behilflich gewesen. Hierzu meldet die „Times aus Petersburg: Der Bericht, daß die Regierung beschloß, die jüdischen Ansiedlungsrayons aufzuheben, ist verfrüht. Da aber große Massen von Juden aus Galizien und Polen zwangsweise nach den inneren Provinzen geschafft werden, war die Aufhebung der Vorschriften über die Niederlassung in diesem Falle notwendig. Einige einflußreiche Mitglieder des Ministerrates äußerten die Überzeugung, daß sie die weitere Beibehaltung der einschränkenden Vorschriften für unnötig halten, zumal da durch sie die aus den Ansiedlungsrayons nach den inneren Provinzen verlegten Munitionsfabriken stark gehindert würden. Jüdische Flüchtlinge in Witebsk. Witebsk ist überfüllt von Zehntausenden jüdischer Flüchtlinge aus Wilna, Dünaburg, Riga, Jakobstadt und anderen Städten. Es gibt weder eine freie Wohnung noch irgendein mietbares möbliertes Zimmer. Bis 1. August flüchteten über 40 000 Juden nach Witebsk. Die jüdischen Geiseln in Rußland. Ungeachtet der Reden in der Duma bezüglich der Ungesetzlichkeit der russischen Kriegsführung hinsichtlich des Mitnehmens von Geiseln bleiben die angesehenen Juden von vielen russischen Städten und Städtchen im Gefängnis. Man sagt, daß die Regierung sogar verordnet habe, alle Geiseln zu entlassen, aber die lokale Administration beeilt sich nicht sehr damit, Juden, die ihrer angesehenen Stellung wegen in Haft gerieten, freizulassen. Laut den Nachrichten, die der jüdische Deputierte N. Friedman n erhielt, hat man bis jetzt nur die Geiseln in Tschernigow freigelassen, während die Geiseln in Poltawa und Melitopol sich immer noch in Haft befinden. Galizische Juden in russischer Gefangenschaft. In Kiew befinden sich gegenwärtig ungefähr 1300 Juden, die aus Galizien von den Russen mitgenommen wurden. Von diesen sind 1000 Geiseln aus verschiedenen galizischen Städten, welche die Russen besetzt hielten. Die Geiseln bleiben teilweise in Kiew, teilweise werden sie entlassen und nach Galizien zurückgeschickt. Der neue politische Kurs in Galizien. Wie die Osterreichische Wochenschrift vom 3. September meldet, erschien am 1. August der Abgeordnete Reitzes bei dem Minister des Innern, Baron Heinold, um die Aufmerksameit der Regierung auf die verschiedenen wichtigen innerpohtischen Verhältnisse Galiziens zu lenken. Nach längerer Auseinandersetzung habe der Minister erklärt, daß er alle Beschwerden genauestens prüfen und etwaige Verfolgungen einer oder der anderen Konfession unter keinen Umständen dulden werde. Erfolg jüdischer Gewerkschaften in Amerika. Die judische Arbeiterschaft New Yorks feiert gegenwärtig zwei große Siege. Sowohl im Damenais auch im Herrenschneiderfach New Yorks, den zwei großen Industriezweigen, die zum größten eil jüdische Arbeitskräfte beschäftigen, ist es den Arbeiterorganisationen durch eine entschlossene, kampfbereite Haltung gelungen, den betreffenden Arbeitgeberverbänden wichtige Zugeständnisse abzuringen. Anlaß zum Konflikt in der rrauenbekleidungsindustrie (Frauenmantelschneiderei) gab die Kündigung der Tarifgemeinschaft, die 5 Jahre bestanden hatte, seitens des maßge-