Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 37 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Das Jüdische Echo 305 Wolffsohn war unter allen ergebenen Freunden Herzls der ergebenste. Er stand Tag und Nacht zur Verfügung, vernachlässigte seine Bequemlichkeit, sein Geschäft, seine privaten Interessen. Wie oft wurde er mitten in der Nacht durch ein dringliches Telegramm geweckt, das ihm die sofortige Abreise nach Wien, nach London oder nach Konstantinopel befahl! Es gab Zeiten, da Wolffsohn wie ein commis voyageur wochenlang nicht zwei Nächte hintereinander in demselben Bette schlief, weil Herzl es so haben wollte. Das geschah selbst dann noch, als unsere Bewegung bereits über viele Mittel und einen Stab von tüchtigen Männern verfügte. Wolffsohns Verhältnis zu Herzl war eben von einer einzigen Intimität, und aus diesem Grunde konnte ihn keiner aus der Umgebung des Führers ersetzen. Wolffsohn war bei Lebzeiten Herzls der Qroßsiegelbewahrer der zionistischen Organisation. Keiner war wie er mit den Plänen Herzls vertraut; er wußte um seine geheimsten Gedanken. Wie muß Wolffsohn seinen großen Freund geliebt haben, daß er bei so unbegrenzter Vertraulichkeit — sie waren in den letzten Jahren Duzbrüder geworden — nicht ein Jota verlor von der Verehrung für den überlegenen Denker, Schriftsteller, Organisator. * * * Diese fraglose Hingebung des Freundes, wurde vielfach für sklavische Willenlosigkeit dem Führer gegenüber gedeutet. Eine lächerliche Verkennung von Wolffsohns innerster Natur. Bei der Lektüre von Wolffsohns Briefen an Herzl war ich überrascht zu sehen, wieviel Selbständigkeit des Urteils er dem Führer entgegenstellte, und mit welch rücksichtsloser Entschiedenheit. Als Jakobus Kann in der Bankangelegenheit Herzis Autorität zur Seite schob und den Zorn des Führers entflammte, so daß es zum offenen Bruch kam, stellte sich Wolffsohn, nachdem er die Sache geprüft hatte, unbedenklich auf die Seite des Bankiers und bereitete dem Freunde durch seine Haltung kummervolle Tage. Die Briefe, in denen er diese Haltung begründete, waren noch schmerzlicher als ihre Veranlassung: Wolffsohn hielt dem Führer seine Irrtümer vor und warnte vor bösen Folgen, wenn er nicht einlenkte. Und Herzl gab nach. * * * In den letzten Jahren seines Lebens fühlte Wolffsohn, daß ihm das Schicksal seines Führers und Freundes bevorstand: das Land unserer Sehnsucht nur sehen, nicht darin Fuß fassen zu können. Und da äußerte er immer wieder den bescheidenen Wunsch, das jüdische Volk möchte am großen Tage nicht vergessen, mit den Gebeinen Theodor Herzls auch seine ins Land der Väter zu überführen. Der Arzt, der ihn zuletzt behandelte, hat uns diesen letzten Willen des Sterbenden überbracht .... Jlsaa^aco^cinc^ Eine erschütternde Nachricht: Rabbiner Isaac Jacob Reines in Lida ist gestorben, der Grunder der Fraktion Misrachi, der große Talmudist und Gründer der berühmten Jeschiwa in Lida. mit ihm verliert die zionistische Bewegung wieder eine ihrer hervorragenden Persönlichkeiten, die orthodoxe Fraktion im Zionismus den Mann, dessen hingebungsvolle Mitarbeit im zionistischen Lager das gesetzestreue Judentum des ustens dem zionistischen Ideal zu gewinnen verstand. Die jüdische Orthodoxie Rußlands aber verliert in Isaac Jacob Reines einen ihrer bedeutendsten Führer, dessen Autorität und dessen organisatorische Fähigkeiten auch von Gegnern stets anerkannt wurden. Isaac Jacob Reines war 1839 in Karlin (Gouv, Minsk) geboren. Im Jahre 1869 wurde er Rabbiner in Swenziany im Gouv. Wiilna, 1885 Rabbiner in Lida (Gouv. Wilna). In weiten Kreisen bekannt wurde Rabbiner Reines, als er im Jahre 1882 dem Kongreß der russisch-jüdischen Gemeinden in Petersburg einen ausgearbeiteten Plan über die Reorganisation des Jeschiwawesens vorlegte, wonach die Jeschiwa den Forderungen der modernen Pädagogik angepaßt werden sollte. Dieser Reformplan drang nicht durch. Reines eröffnete dann aber selbst eine Musterjeschiwa in Swenziany, in der auch weltliches Wissen neben dem rabbinischen gelehrt wurde. An diese Gründung knüpften sich große Kämpfe, in deren Verlauf die Jeschiwa geschlossen wurde. Im Jahre 1906 aber konnte Rabbiner Reines seine Jeschiwa wieder eröffnen und zwar in Lida. Rabbiner Reines war schon der chowewe-zionistischen Bewegung sympathisch gegenübergestanden und mit Mohilewer und Pinsker in lebhafter Korrespondenz gewesen. Auf Herzls Ruf aber schloß er sich ganz der zionistischen Bewegung an. Seine Arbeit im orthodoxen Judentum für den zionistischen Gedanken, die zur Gründung des Misrachi führte, bedarf einer besonderen Würdigung. Den westjüdischen Zionisten war er von den zionistischen Kongressen bekannt, wo seine ehrwürdige Gestalt mit dem klugen, gütigen Antlitz auf der Tribüne immer wieder auffiel. Oft nahm er auch in wichtigen Debatten das Wort, um den Standpunkt des Misrachi zu vertreten. Stets wurde seine Rede, wo nicht mit Zustimmung, so doch mit höchster Achtung aufgenommen. Wie er dem gesetzeskundigen Ostjuden als einer der hervorragendsten Gaonim erscheint, der eine besondere Auffassung des Religionsgesetzes vertreten und gelehrt hat, so war er für die gesamte zionistische Bewegung eine schöpferische Persönlichkeit von unschätzbarem Ansehen und nie versagender zionistischer Hingabe. Jetzt vor einem Jahr kam Rabbiner Reines mit einigen anderen russisch-jüdischen Rabbinern durch Berlin. Das war sein letztes Zusammentreffen mit der zionistischen Leitung. Drei Tage vor Rosch Haschanah fuhr er nach Schweden, um nach Rußland zu kommen und seine Jeschiwa in schwerer Zeit nicht zu verlassen .... Welt-Echo Judenfrage und Friedenskongreß. In einem mit dieser Überschrift versehenen Artikel fordert Dr. Max Nordau, der sich zurzeit in Madrid aufhält, bei den Friedensverhandlungen eine jüdische Vertretung, die auf ein Programm mit folgenden drei Punkten festgelegt werden soll: „In allen Ländern, wo wir in geringerer Zahl leben, volle Rechtsgleichheit für uns, nicht auf dem Papier, sondern in der Wirklichkeit. 2. Überall, wo wir ein ansehnliches, gegliedertes Bevölkerungselement bilden, Anerkennung unserer Nationalität, sofern sie dies wünscht, und Ausdehnung aller politischen und kulturellen Zugeständnisse auf sie, die in dem betreffenden Staate jeder anderen bewußten, differenzierten und organisierten Nationalität gemacht werden. 3. Für die Juden, die unter