Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-09-17 · 37 (17.9.1915) · p. Seite 307

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
37 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9116235--00503-9073330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37 Das Jüdische Echo 307 benden Arbeitgeberverbandes, der die gegenwärtige Kriegszeit für geeignet wähnte, die Arbeiterorganisation zu demütigen und auszuschalten Dieser Anschlag mißlang kläglich. Die Arbeiterorganisation ließ sich nicht einschüchtern, sondern rüstete mit fieberhafter Energie zu einem Generalstreik, erließ aber gleichzeitig einen öffentlichen Appell an die Arbeitgeber, den Streitfall einem Schiedsgericht zu überweisen. Daraufhin intervenierte der Mayor der Stadt New York, der einen Vermittlungsausschuß zur Schlichtung der zutage getretenen Differenzen einsetzte. Diesem Ausschuß ist es auch nach anfänglicher Weigerung der Kapitalistenorganisation gelungen, sie zu einem Entgegenkommen zu bewegen. Es wurde zwischen beiden Verbänden ein neuer Tarif für zwei Jahre vereinbart. Die Union hat durchgesetzt: Die Einsetzung einer gemeinsamen Kommission zur allgemeinen Lohnregelung, Lohnaufschlag für gewisse Arbeiterkategorien, gleichmäßige Verteilung der Arbeit in der toten Saison unter allen beschäftigten Arbeitern zwecks Vermeidung von Entlassungen, Wiedereinstellung ohne hinreichenden Grund Entlassener. Der letzte Punkt bildete den eigentlichen Kern der Differenzen, da die Maßregelung der rührigen Gewerkschaftsmitglieder bereits zu einem System ausgeartet war. Der Vertrag umfaßt 60 000 organisierte Arbeiter. Ebenso erfolgreich waren die organisierten Herrenschneider. In ihrem Verbände war eine Spaltung eingetreten. Die alte Organisation, die United garment workers, hatte durch ihre rückständigen Methoden alle Sympathien der klassenbewußten Arbeiterschaft eingebüßt. An ihrer Statt war vor sechs Monaten ein neuer Gewerkschaftverband, die Amalgated klothing workers union, getreten, die, von den vereinigten jüdischen Gewerkschaften und der Arbeiterpresse unterstützt, rasche Organisationserfolge erreicht und die Führung der Herrenschneider der East Side New Yorks und der Provinz übernommen hatte. Diese Organisation brachte es nach der Proklamierung eines Ausstandes in einigen Sektionen des Faches, der fünf Tage dauerte, fertig, einen günstigen Vertrag mit dem betreffenden Arbeitgeberverbande abzuschließen. Die neue Vereinbarung enthält folgende Zugeständnisse: „Union schap" d. h. Einstellung von nur Organisierten, Einsetzung von Lohnregulierungs- und Vermittlungsämtern. Außerdem werden die in den vergangenen zwei Jahren seit dem letzten Generalstreik vorgenommenen Lohnreduzierungen ganz oder zur Hälfte rückgängig gemacht. Allgemein empfindet man große Genugtuung darüber, daß in der gegenwärtigen Zeit der wirtschaftlichen Depression auch in Amerika und der erschütternden Kriegsereignisse, in einer Zeit, wo das osteuropäische Judentum so sehr auf die Hilfe der Juden Amerikas angewiesen ist, zwei Riesenkämpfe haben vermieden werden können, die das jüdische Wirtschaftsleben in New York lahmgelegt und die allgemeine Aufmerksamkeit der amerikanischen Juden vom Schicksal der Juden Rußlands, Galizien usw. abgelenkt hätten. (J. A. K.) Eine Blüte jüdischen Antisemitismus stellt die Bemerkung des Nobelpreisträgers Dr. Alfred H. F r i e d in den „Blättern für zwischenstaatliche Organisation" (N. 6, S. 226) dar, indem er in der bekannten Eingabe des „Bundes der Landwirte und der verwandten Vereinigungen an die deutsche Regierung „eine talmudische Verdrehung entdeckt. , Dr. Fritz Friedmann gest. Aus Berlin kommt die Nachricht von dem Tode dieses in den 80er Jahren berühmten forensischen Redners. Er ist nach einem sturmreichen Leben im Alter von 65 Jahren gestorben. Friedmann war kein Jude mehr und doch ein starker Typus Berliner Judentums. „Auf dem Totenbette hat meine Mutter meinem Vater ein Versprechen abgenommen", schreibt er in seinen Memoiren, „das für meine Lebensentwicklung von weittragender Bedeutung wurde. Ihr Bruder, Eduard Moser, hatte sich schon als junger Assessor taufen lassen und damit nicht nur die Heirat mit einer Christin, sondern auch seine spätere glänzende Karriere ermöglicht. Mama war nichts weniger als eine überzeugte Jüdin und sah in ihrer Lebensklugheit vielleicht den Antisemitismus der späteren Zeit voraus. Jedenfalls bewog sie meinen Vater, ihre Kinder sofort taufen zu lassen. Meine älteren Geschwister wurden demzufolge zugleich mit mir, der erst gar nicht in die jüdische Religion aufgenommen war, getauft". Nichtsdestoweniger blieb sich Friedmann seiner Abstammung wohl bewußt: „Ich selbst habe neben meinem eigenen Christentum das Judentum meiner Eltern und Voreltern stets aufrichtig betont und in Ehren gehalten." Wer Friedmann nur sah, konnte gar keinen Zweifel über seine Herkunft haben. Der ganze Mensch mit glänzenden Begabungen und einander aufhebenden konträren Charakterzügen ist ein reines Produkt der Zeit, die für viele jüdische Kreise widerlichen Verfall brachte. In seinen Memoiren, die im Jahre 1911 unter dem Titel „Was ich erlebte!" neu erschienen sind, lernt man einen zum Teil höchst unsympathischen, aber doch der Teilnahme würdigen Menschen kennen. Sie sind zweifellos sehr wertvoll. Denn Friedmann entrollt im Zusammenhang mit seiner Lebensbeschreibung ein Kulturbild, aus dem man nicht nur allgemeine, sondern mehr noch jüdische Verhältnisse bis in Einzelheiten in ihrer schmerzlichen Trostlosigkeit kennen lernen kann. Friedmann hatte einen scharfen Blick für die Erbärmlichkeit bestimmter jüdischer Gestalten, die er unbarmherzig zu zeichnen weiß. Man muß auch die wurzellosen Juden-Christen und die uns zugesprochene, wie ein Bleigewicht uns anhaftende entartete jüdische Gesellschaft kennen, um zu verstehen, daß auch im deutschen Judentum eine schwere innere Aufgabe der Lösung harrt. Zeitungs-Echo Es ist bezeichnend, daß der „Dzien" auf den Artikel hin, den Kaplun-Kogan in der Vossischen Zeitung veröffentlichte, am 29. August wiederum die Behauptung aufstellt: „Warschau ist eine rein polnische Stadt, ebenso Lodz. Im Verhältnis zur polnischen Bevölkerungszahl machen die Juden nur einen geringen Prozentsatz aus . . ." Dieser geringe Prozentsatz beträgt, wenn wir alle Berechnungen vernachlässigen und uns nur auf die russische Statistik von 1897 stützen — seither sind aber 18 Jahre verflossen — in Warschau 34,3, in Lodz 31,0 Prozent. Städte, in denen mehr als ein Drittel von einer anderen Nationalität bewohnt sind, als rein polnisch zu bezeichnen, heißt wohl eine Stirne haben. Der Artikel schließt mit dem wenig einladenden Satze: „Einhelliges Zusammenleben zwischen Polen und Juden kann sich nur in Polen, nicht aber in einem Judaeo-Polen gestalten und zwar nur dann, wenn jeder von ihnen den Gedanken von einer Landaussaugerei aufgibt und den Pflichten nachkommt, die von einem guten, dem Vaterlande ergebenen Mitbürger verlangt werden".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.