Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 37 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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304 Das Jüdische Echo Nr. 37 Schuldbuch gegenüber dem Besitz von Anleihe- Stücken bietet. Diese Vorteile bestehen in Sicherstellung gegen Verlust, Diebstahl, Feuersgefahr und in allerhand Bequemlichkeiten: kostenlosem Bezug der Zinsen, gebührenfreier Verwaltung, Überweisung der Zinsen an Sparkasse, Bank, Kreditgenossenschaft usw. (Wer Näheres wissen will, kann von der Königlichen Seehandlung [Preußischen Staatsbank] ein kurzgefaßtes Flugblatt über das Schuldbuch kostenlos erbitten.) Schuldbuchforderungen sind außerdem 20 Pf. billiger als Anleihestücke. Es werden deshalb alle diejenigen, die die gezeichnete Anleihe dauernd oder doch längere Zeit zu behalten beabsichtigen, den Schuldbuchforderungen den Vorzug zu geben haben. David Wolffsohn Persönliche Erinnerungen. Von Universitätsprofessor Leon Kellner in Czernowitz. Am 15. September jährt sich der Tag, an dem das jüdische Volk Wolffsohn verloren hat. Seinem Andenken sei der folgende Aufsatz gewidmet, den der Verfasser für die Wolffsohn-Gedenknummer der „Welt" schrieb. In dieser eisernen Zeit, da wir mit dem Tod auf Du und Du stehen, hat unser Herz es gelernt, Verluste von Verwandten, Freunden, Schülern klaglos zu tragen. Und doch wirkte die Nachricht vom Hinscheiden David Wolffsohns auf mich mit atembenehmender Wucht. Wieder einer der Starken, Großen, Treuen, Unerschütterlichen, mit denen man jung und hoffnungsvoll war, dahingegangen vor der Zeit, verzehrt vom eigenen heiligen Feuer für die Zukunft unseres Volks. Wolffsohn wußte schon auf dem Hamburger Kongreß, also vor fünf Jahren, daß sein Herz der Schonung bedurfte; die Ärzte sagten es ihm schon damals, daß sein Verbleiben auf dem schweren Posten eines Präsidenten des zionistischen Kongresses die schlimmsten Folgen für seine Gesundheit nach sich ziehen würde; seine Frau weinte und beschwor ihn, die Mahnung zu beachten — er wich nicht von seinem Platz. Wolffsohn war unendlich stolz auf die Würde, die ihm die zionistische Welt auf die Schultern gelegt hatte, denn Wolffsohn fehlte dem Judentum gegenüber der kosmopolitische Maßstab, den Herzl niemals aus den Augen verlor. Herzl hatte Augenblicke, Tage, Wochen, in denen ihm seine Mission zweifelhaft, seine Stellung als Judenführer nicht gerade beneidenswert erschien. Wolffsohn war von solchen Schwächen frei: außerhalb des profanen Alltagslebens gab es für ihn kein geistiges Interesse, das nicht aus dem Judentum erwachsen wäre, das nicht zum Judentum führte. Wolffsohns Bildung war nicht gering; seine politischen Gegner, die ihm Mangel an Intellekt nachsagten, waren in einem argen Irrtum befangen. Er war gesättigt mit Kultur, nur war es ganz und gar jüdische Kultur — Bibel und Talmud. Was die geistige Ausrüstung bedeutet, das merkten die Gegner in Hamburg, wo Wolffsohn als Volksredner und Politiker den Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte. Wolffsohns Verhältnis zum Judentum war alles andere, nur nicht objektiv, denn er hatte niemals im Leben auch nur eine Stunde außerhalb des Judentums gestanden. Wenn er jüdische Eigentümlichkeiten berührte, war es immer in der ersten Person Mehrzahl. „Wir Juden sind einmal so. Wir sind Bankiers und haben den Ehrgeiz Bücher zu schreiben; wir sind Schriftsteller und wollen Bankdirektoren lehren, wie man Geschichte macht." Diese Worte wurden auf dem Hamburger Kongresse laut belacht; keiner fühlte sich verletzt. Von Nordau hätte man eine Kritik judischen Wesens nicht so gutmütig hingenommen, vielleicht auch nicht von Herzl. * * * Wolffsohn wurde von den Intellektuellen in der zionistischen Bewegung vielfach verkannt. Als ich ihn zum erstenmale im Hause Herzls kennen lernte, war ich von seiner liebenswürdigen Art, von seinem kameradschaftlichen Verhältnis zu den Kindern sehr angenehm berührt, wunderte mich aber im stillen, daß er seitens Herzls eine so unbegrenzte Hochachtung genoß. Sein Deutsch ließ zu wünschen übrig; das stritt gegen mein schulmeisterliches Gewissen. Später vergaß ich im Verkehr mit ihm, daß er gelegentlich den dritten Fall nicht sorgfältig vom vierten unterschied. Seine homerische Breite brachte mich und andere oft zur Verzweiflung; im Laufe der Zeit merkte ich, daß er nur in zionistischen Angelegenheiten so umständlich zu Werke ging. Als er einmal auf dem Wege nach Slawonien in Wien war, verbrachten wir mehrere Stunden im Hotel Imperial, ohne vom Fleck zu kommen. Ich war am Ende meiner Geduld. Dakam ein Geschäftsfreund Wolffsohns ins Zimmer; die beiden verhandelten in kurzen Schlagworten wenige Minuten, und das Ergebnis war, daß Wolffsohn die Hand hinhielt: „Wird gemacht!" Als der Herr fort war, machte ich Wolffsohn Vorwürfe, daß er in unserer verhältnismäßig geringfügigen Sache so viel Zeit brauche, während er ein offenbar großes Geschäft in zehn Minuten erledigt habe. „Hören Sie," antwortete er, „das ist doch sehr einfach. Wenn ich ein Holzgeschäft abschließe, handelt es sich um meinen Vorteil; wenn ich mich aber in einer zionistischen Sache entscheiden soll, trage ich die Verantwortung für das jüdische Volk." Wolffsohn war im Gegensatz zu uns Modernen — den allerjüngsten Leuten in unserer Bewegung sei bei diesem Ausdruck ihr Lachen vergönnt! — eine einfache, ungebrochene Natur. Das machte sein Wollen so stark, noch stärker als es von Hause aus schon war. Das erwarb ihm Herzls unerschütterliches Vertrauen, lange bevor die beiden Männer sich in ihrer einzigen Freundschaft fanden, die wir alle kennen. Herzl, der seine seelischen Erlebnisse und Zustände an bestimmte Vorfälle knüpfte, wie er überhaupt die Meilensteine aller Entwicklungen im Gedächtnis festhielt, erzählte mir, bei welcher Gelegenheit sich ihm der eiserne Wille, der Trotz widrigen Umständen gegenüber in Wolffsohn offenbarte. Sie hatten von Aussee einen Ausflug in die Umgebung unternommen. Als es Zeit war, die Rückfahrt anzutreten, begann es zu regnen. Herzl, der damals das Radfahren leidenschaftlich liebte, schwang sich wohlgemut auf sein Stahlroß. Wolffsohn widerriet wegen des Regens, warnte vor einer Gefahr einer durchweichten Landstraße. Herzl wollte nicht hören. „Wenn Sie fahren, fahre ich natürlich auch," sagte Wolffsohn und folgte. Auf halbem Wege wurde es so arg, daß Herzl abstieg und den Vorschlag machte, irgendwo einen Wagen aufzufinden. „Nein!" sagte Wolffsohn; „wenn wir soweit mit dem Rad gefahren sind, kommen wir auch mit dem Rad ans Ziel." Und Herzl stieg wieder auf. * * *