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Das jüdische Echo · 1915-09-10 · 36 (10.9.1915) · p. Seite 294

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
36 (10.9.1915)
Date
1915-09-10
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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294 Das Jüdische Echo Nr. 36 Flüchtlingsfürsorge in Bulgarien. Die Kopenhagener „Jüdische Volkszeitung" schreibt: Die Zerstörung, die durch die Austreibung unter den beßarabischen Juden angerichtet wurde, ist vielleicht noch größer als bei den litauischen und polnischen. Sie haben in Rumänien Schutz gesucht, aber verschlossene Türen gefunden. Darauf wandten sie sich nach Bulgarien, wo es ihnen nicht anders erging. Rußland vertrieb sie und Rumänien und Bulgarien wollten ihnen keine Aufnahme gewähren. Endlich ist es den bulgarischen Juden gelungen, den jüdischen Flüchtlingen zu Hilfe zu eilen. Sie haben bei ihrer Regierung die Erlaubnis durchgesetzt, daß die vertriebenen beßarabischen Juden sich an bestimmten Plätzen unter der Bedingung aufhalten dürfen, daß die bulgarische Judenheit sie mit allem Notwendigen versorgt, damit sie nicht dem bulgarischen Staate zur Last fallen. Der Haß der Polen gegen die Juden geht so weit, daß sie nicht müde werden, mit den gröbsten Verleumdungen zu arbeiten. Im Krakauer Tagblatt „Czas" wagte der konservative Führer Dr. Hupka die galizischen Juden als Russenfreunde zu bezeichnen. Die Zurückweisung dieses Anwurfes ist nicht ausgeblieben. Wie sinnlos er ist, bedarf keiner Darlegung. Die Stellung der Juden zu Rußland ist von Natur gegeben. Weniger eindeutig ist dagegen die der in viel schwierigerer politischer Lage befindlichen Polen. Sie müssen lavieren. Beweis «dafür die Einstellung zweier bekannter Lemberger Zeitungen, „Wiek Nowy" und „Dziennik Polski" durch Verfügung der Lemberger Behörde. Sie wechselten die Rollen nach Bedarf. Nach dem Einmarsch der Österreicher in Lemberg glaubten sie ihre Haltung durch Bezeichnung der Ruthenen und Juden als Verräter verbergen zu können. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Die „Jewish Colonisation Association" hat, wie Jewish Chronicle meldet, 100 000 Francs zur Unterstützung der notleidenden Juden nach Warschau gesandt. Auch die Ruthenen setzen sich zur Wehr gegen die von den Polen aller drei Reiche versuchte Irreführung der öffentlichen Meinung. Dr. Eugen L e w i c k y , Mitglied des österreichischen Reichsirates, schreibt zu der Kundgebung des Polenklubs im Berliner Tageblatt: „Keinen begründeten Anspruch auf Verfügungsrecht über Ostgalizien haben die Polen auch mit Rücksicht auf die nationale Zusammensetzung der Bevölkerung des Landes. Ostgalizien war und ist ukrainisch, denn es hat seine eingestammte ukrainische Bevölkerung, die eine erdrückende Majorität über die anderen dort lebenden nationalen Elemente aufweist. Die Ukrainer machen in Ostgalizien 65 Prozent (genau 64,95 Prozent), die Polen 20 Prozent, die Juden 11 Prozent und die Deutschen ungefähr 4 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Zwar haben die Polen ihre Majoritätsziffer in der Weise zu ihren Gunsten gehoben, daß die polnischen Behörden in Galizien bei der Volkszählung auch alle Juden, zum Teil sogar die Deutschen und Ukrainer als Polen eintragen ließen, allein schon in der allerletzten Zeit während des Krieges haben sich die galizischen Juden in einem ihrer Preßorgane öffentlich dagegen verwahrt, daß sie als Polen gerechnet werden. Die polnischen Kolonien im ukrainischen Meere sind dabei ganz zersplittert, und die meisten Städte, auf die sich die Polen zu berufen pflegen, sind tatsächlich nicht polnisch, sondern in ihrer Majorität jüdisch und ukrainisch. Sogar Lemberg erhielt nur einen ganz oberflächlichen Anstrich und zwar dadurch, daß hier absichtlich die wichtigsten polnischen Schulen wie auch mit lauter polnischer Beamtenschaft besetzten Landesbehörden zentralisiert wurden, ohne die das polnische Element auch in dieser Stadt zu einer Minorität herabsinken müßte." Die englische Trade Union und die Judenfrage. Der Sekretär des englischen Gewerkschaftsbundes Apple ton hat den Ehrenvorsitz des Arbeiterverbandes für jüdische Rechte in London übernommen. Wie uns berichtet wird, ist Appleton über die Verbrechen der russischen Regierung an der jüdischen Bevölkerung gut unterrichtet und entschlossen, sein Möglichstes zu tun, um die organisierte Arbeiterschaft Englands und deren parlamentarische Vertretung für eine Aktion zugunsten der jüdischen Rechte in dem verbündeten Lande zu gewinnen. Auf dem demnächst in Bristol stattfindenden Trade-Union-Kongreß wird die Gelegenheit wahrgenommen werden, um in gedachtem Sinne die Judenfrage anzuschneiden. Der erwähnte Arbeiterverband bereitet ein Memorandum an die Delegierten des Kongresses vor. (J. A. K.) Unter den englischen Fahnen kämpfen nach Meldungen der von den Schlachtfeldern zurückgekehrten Feldrabbiner, Chief-Rabbi Joseph Hermann Hertz und Reverend Michael Adler schätzungsweise zehn Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Englands, über 20 000 Juden. Außerdem würden noch 5000 als Rekruten ausgebildet. Die beiden Rabbiner wußten von vielen Zügen des Heldenmuts jüdischer Soldaten zu berichten, die sie aus dem Munde des Feldmarschalls Sir John F r e n c h und anderer hoher Offiziere vernommen hatten. Der Feldmarschall habe dem Mute jüdischer Krieger hohe Anerkennung gezollt. Von der an Leo Frank verübten Lynchjustiz haben uns bisher nur Telegramme aus Amerika berichtet. Die jüdischen Blätter der Vereinigten Staaten, welche den Ausgang der Angelegenheit gewiß noch sehr eingehend besprechen werden, sind noch nicht eingetroffen. So viel läßt sich jedoch schon heute sagen: Das System Lynch braucht uns weiter nicht zu überraschen. Es ist ein Fall neben etlichen anderen im Lande Wilsonscher Humanität. Unser „barbarisches" Empfinden kann sich allerdings in diese nordamerikanischen Rechtszustände nicht einfinden. Leo Frank ist nach allem, was wir über den Prozeß wissen, das Opfer antisemit. Wahnwitzes geworden. Vorläufig die letzte Station auf dem durch alle Länder der Erde führenden Wege, den Namen wie Winter, Hilsner, Dreyfuß u. Beilis charakterisieren. Die amerikanische Regierung mußte von dem an Frank beabsichtigten Mord gewußt haben. Sie hat ihn nicht verhindert. Wie der Wind in Georgia, wo die Untat vollbracht wurde, weht, beweist unzweideutig ein der Prager „Selbstwehr" in einem Originalberichte mitgeteilter Aufruf zum Boykott gegen jüdische Waren, der dort verbreitet wurde. Er lautet: „Haltet ein! Besinnt euch! Bevor ihr euer Geld ausgebt! Denn es ist bekannt, daß von jedem Dollar, der durch die Hände eines bestimmten Volkes wandert, ein gewisser Prozentsatz dazu verwendet wird, einen Fond zu schaffen, der den Zweck haben soll, Mädchenschänder und Mörder armer keuscher, tugendhafter, kleiner christlicher Mädchen zu beschützen. Soll euer Dollar in solche Hände geraten? Sollen wir indirekt beitragen, diesen korrupten Fond schaffen zu helfen? Gott behüte! Christliche Väter, Brüder, Mütter, der genotzüchtigte Geist des unschuldigen kleinen Kindes schreit zu uns aus dem Jenseits! Tut es nicht! Tut es nicht! An euch ist es jetzt zu zeigen, wer ihr seid und wessen Blutes ihr seid! Besudelt euer Blut nicht!"

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