Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 36 (10.9.1915)
- Date
- 1915-09-10
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 295 Das Ende der jüdischen Notabeinwirtschaft scheint in den Vereinigten Staaten gekommen zu sein. Die Kampagne gegen das System, das sich eigenmächtig zur Vertretung der Judenheit aufwirft, schließt mit einem Siege der demokratisch oder, wenn wir mit einem in Deutschlands Politik üblichen Wort sprechen, der liberal gesinnten Parteien. Das „American Jewish Comitee", das sieh bisher kraft der Wohlhabenheit seiner Mitglieder anmaßte, für die amerikanischen Juden nach Gutdünken zu handeln, muß sich bequemen, sich mit der Mehrheit der amerikanischen Juden wegen einer wirklichen, alle Schattierungen umfassenden, durch Wahlen oder gleichmäßige Designationen erfolgenden Vertretung zu verständigen. Die New-Yorker Jargonzeitung „Jüdisches Tageblatt" wandte sich neulich mit einer Kundgebung an die Juden Europas, in der es heißt: „Wir können nicht einer Gruppe erlauben, für alle zu sprechen, wenn nicht jene Körperschaft ein besonders Mandat für diesen Zweck hat, und, was von besonderer Bedeutung ist, völlig vertraut mit den Bedürfnissen und Forderungen derjenigen ist, denen geholfen werden soll. Wir raten daher unseren europäischen Brüdern ernstlich, zu warten, bis die vertretungsberechtigte zentrale amerikanisch-jüdische Organisation ins Leben gerufen ist. Das wird nicht mehr lange dauern. Erst diese Organisation wird imstande sein, uns zu sagen, was erforderlich ist, und ihr werden wir die Dienste leisten können, die man von uns erwartet." Uber die Organisationsbestrebungen der amerikanischen Juden erfährt der „Jewish Advocate" vom American Jewish Comitee, daß es für den 24. Oktober nach Washington eine Konferenz sämtlicher jüdisch-nationaler Vereinigungen einberufen habe und daß eine Kommission, bestehend aus den Herren Cyrus Adler, Oberst Harry Cutler, Samuel Dorf, Richter Julian Wt Mack, Dr. J. L. Magnes, Bernard Secel, Isaac M. Ullmann, beauftragt wurde, eine Liste der betreffenden Organisationen und der Zahl von deren Vertretern aufzustellen. Das American Jewish Comitee war der Meinung, daß die Zahl der Delegierten nicht mehr als 150 betragen solle. In der Liste der 41 Organisationen, die an der Konferenz teilnehmen sollen, sind u. a. genannt: das American Jewish Comitee mit 7, der Arbeiterring mit 5, die Federation der amekanischen Zionisten mit 7, die Federation der galizischen und bukowinensischen Juden mit 5, die Orden B'nai Brith, B'rith Abraham und B'rith Sholom mit je 5 Vertretern. Mr. Henry Morgenthau, der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, wurde von der Universität Konstantinopel zum Ehrendoktor der Rechte ernannt. Der Komponist der türkischen Nationalhymne ein Jude. Es ist wohl wenig bekannt, daß die Sultanshymne, die seit Beginn des Krieges in Wien bei feierlichen Gelegenheiten zugleich mit der österreichischen und der deutschen Volkshymne gespielt und gesungen wird, von dem Sohne des berühmten Oberkantors Salomon Sulzer, dem Wiener Musiker Professor Josef S u 1 z e r , der auch zahlreiche Synagogenmelodien geschaffen oder instrumentiert hat, komponiert worden ist. In dieser Hymne hat der Komponist einen sehr volkstümlich gehaltenen Festgesang geschaffen, der das orientalische Kolorit mit künstlerischer Mäßigung festhält. Vor nicht langer Zeit war Sulzer eingeladen worden, seine Hymne in Konstantinopel vor dem Sultan selbst zur Aufführung zu bringen, und die packende, melodiöse Weise hat den größten Beifall Mohammeds V. gefunden. Das Interesse des Großherrn an der ihm gewidmeten Hymne dürfte eine Folge haben, an die der Komponist am wenigsten gedacht haben mag, denn, wie die Wiener Blätter berichten, steht auf eine Weisung des Sultans hin, die Anerkennung dieser Hymne als offizielle türkische Hymne bevor. Das Ungarisch Jüdische Museum und Kriegsarchiv, welches von dem Ungarisch-Israelitischen Literatur-Verein gestiftet wurde, wird in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit übergeben. Welch wertvolles Material das Museum während einiger Jahre zusammengebracht hat, zeigt uns die neueste Nummer der von Dr. Josef Patai redigierten Zeitschrift „Mult es Jovö", welche ihr August-Heft ganz dem Ungarisch-Jüdischen Museum gewidmet hat. Der Gründer des Museums, Königl. Rat Dr. Franz M e z ey, der Kustos des Museumsrats, die Professoren Df. Kohlbach, Dr. Max Weiß und Dr. Mandel würdigen in je einem Artikel die verschiedenen Sammlungen des neuen Museums, aus welchem die wertvollsten Gegenstände in ungefähr 50 künstlerische Reproduktionen des Mult es Jövö dem Publikum vorgeführt werden. Eine sehr wertvolle Abteilung des Museums ist das ungarisch-jüdische Kriegsarchiv, welches durch die lebhafte Agitation des Mult esi Jövö hervorgerufen worden ist und an dessen Spitze der Generaldirektor Ludwig P o 1 n a y von Tiszasüly und Redakteur Dr. Josef Patai stehen. In der Stiftung des Kriegsarchivs haben sich die Vornehmsten der ungarisch-jüdischen Gesellschaft, unter ihnen der Staats-Sekretär Dr. Vadäsz, Feldmarschall-Leutnant von Schweizer, die Baronen Kohner, Dirstay und Kornfeld, Kurialrichter Dr. Fodor, die Universitätsprofessoren Dr. Marczali, Dr. Alexander und Dr. Bänöczy, der Ministerialrat Dr. Feher, Rabbiner Dr. Hevesi usw. beteiligt. Das Material des jüdischen Kriegsarchiv wird durch die Redaktion des Mult es Jövö, Budapest VI. Podmaniczky-u. 6, gesammelt und bearbeitet. Zeitungs-Echo Wiedenski Kurier Polski hat sich bisi zur Wut schäumend über den Artikel Kaplun-Kogans, den wir in Nr. 33 unseren Lesern zur Kenntnis brachten, aufgeregt. Sich gegen die Behauptung, daß Warschau eine „typisch-polnische Stadt" sei, mit dem einfachen Hinweis zu wenden, es habe eine nicht polnische Majorität, darunter 40 Prozent Juden, läßt den Kurjer in einem Artikel mit der Überschrift „Über den polnischen Charakter Warschaus" dazu hinreißen, die Angaben Kaplun- Kogans als „polenfeindliche zionistische Tendenz", als „freche Vorschläge" und „bewußte zionistische Fälschungen" zu bezeichnen. So reagiert die polnische Presse auf die Bestrebungen, die Interessen und Rechte der jüdischen Bevölkerung zu wahren. Übrigens gehört Kaplun-Kögan der zionistischen Organisation nicht an. Die „Jüdische Zeitung" beschäftigt sich in ihrer letzten Nummer mit der Rede Jakob Schiffs, in der er auf die Frage, wohin mit dem jüdischen Auswandererstrom, antwortet: In das große Land def Vereinigten Staaten, und verweist im Hinblick darauf auf den von un's schon behandelten Leitartikel Theodor Wolffs im Berliner Tageblatt, der ganz deutlich eine Angstneurose vor der Zuwanderung östlicher Juden nach Deutschland verriet. „Die Gegenüberstellung dieser extremen Standpunkte zweier Juden", schreibt die Jüdische Zeitung „des Amerikaners Schiff und des Deutschen Wolff, in derselben Frage, beleuchtet vortrefflich die „innere Knechtschaft" des letzteren und beweist eben, daß Schiff und Wolff nicht bloß zwei Juden, sondern — zweierlei Juden sind."