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Das jüdische Echo · 1915-09-10 · 36 (10.9.1915) · p. Seite 291

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
36 (10.9.1915)
Date
1915-09-10
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 291 wundete Soldaten, mit Georgskreuzen geschmückt, gesehen! Meine Herren! Das sind die Helden von gestern, —i die Spione von heute! Man erzählt, daß jüdische Soldaten, die durch polnische Städte zogen, mit ansehen mußten, wie ihre Frauen und Kinder ausgewiesen wurden. Versetzen Sie sich nun in diese schreckliche Lage, in diesen Ruin, der uns bedroht! Man hat die Juden in Frachtwagen transportiert, wie Vieh, mit Frachtscheinen. Ein Frachtschein wurde ausgeschrieben: Wäre — 350 Juden, die nach der und der Stadt versandt wurden. Mitunter haben die Gouverneure sie nicht aufgenommen. Ich selbst war in Wilna, als ein ganzer Zug vier Tage lang auf der Station Nowo-Wilejsk stand. Diese Juden waren aus dem Gouvernement Kowno nach dem Gouvernement Poltawa ausgewiesen, der Gouverneur hatte sie jedoch nicht aufgenommen und sie nach Kowno zurückgeschickt, von dort hatte man sie wieder nach Poltawa gebracht. Denken Sie sich nur in einer Zeit, wo man Wagen zum Munitionstransport braucht, wo von allen Seiten über den Mangel an Verkehrsmitteln geklagt wird. Was tut da das Eisenbahnministerium, was tut da die Regierung? Auf einer einzigen Station läßt sie 110 Waggons mit jüdischen Ausgewiesenen stehen. Eine andere Maßnahme, das Nehmen von Geiseln. Man nahm die Geiseln nicht vom Feinde, sondern von den eigenen Untertanen, von den eigenen Bürgern! In jedem Dörfchen, in jeder Stadt wurde eine gewisse Anzahl von Geiseln genommen. Solche Geiseln nahm man in Radom, in Kielce, Lomza, Kowno, Riga, Kurland, Lublin, Livland und anderen Orten. Und diese Geiseln, die für eventuelle noch bevorstehende Verbrechen verantwortlich sind, wurden aufs Strengste behandelt. Augenblicklich sind im Zuchthaus oder mindestens im Gefängnis von Poltawa noch eine Anzahl von jüdischen Geiseln aus den Gouvernements Kielce und Radom, die dafür verantwortlich sind, falls in diesen Gouvernements irgend jemand der Regierung feindlich gegenübersteht. Den Juden im Gouvernement Kowno wurde vorgeschlagen, in ihre Heimat zurückzukehren, unter der Bedingung, daß sie freiwillig Geiseln stellen sollten. Als Antwort darauf sandte ich, als der Vertreter des Gouvernements Kowno in der Duma, an den Vorsitzenden des Ministerrates einen Brief, in dem ich darauf hinwies, daß die Juden des Gouvernements Kowno Irrfahrten und Hungertod der Erfüllung von Forderungen vorziehen, die ihre bürgerliche und nationale Ehre schänden, daß die Juden ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber stets erfüllt haben und auch erfüllen werden, und daß keine Verfolgung sie vom Wege der Ehre locken und sie dazu zwingen könne, Lüge als Wahrheit anzuerkennen. Diese mit schändlichen Bedingungen verknüpfte Genehmigung zur Rückkehr, schrieb ich, ist nichts als eine zwecklose Beleidigung (Zurufe im Zentrum und links: Bravo!). Eine Antwort auf diesen Brief habe ich nicht erhalten. , Vor nicht allzu langer Zeit wurde verfügt, die Juden dürften keine Sommerwohnungen am Strande des Finnischen Meerbusens beziehen. Hierdurch werden nicht allein die polnischen Juden als verdächtig hingestellt, sondern die gesamte jüdische Bevölkerung. Doch hierin erschöpfen sich die Verfolgungen noch nicht, die das jüdische Volk zu erdulden hatte. Es kam noch schlimmer. Es gab Pogrome, Plünderungen, Mißbrauch von Frauen. Ich will im Augenblick keine einzelnen Tatsachen aufzählen. Ich werde mein Beweismaterial in der geheimen Sitzung vorlegen. In meinem Besitz befindet sich z. B. die Bestätigung des Kommandanten von Lublin, die jüdische Bevölkerung dieser Stadt habe sich durchaus korrekt verhalten, allen Forderungen der Regierung entsprochen und vollkommene Loyalität gezeigt. Diese Bescheinigung ist, wie in ihr selbst hervorgehoben wird, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde übergeben worden, um im Falle der Notwendigkeit des Schutzes vor verbrecherischen Anschlägen, welche von Leuten, die sich mit dem Gesetz in Widerspruch stellen, ausgehen, dem jeweiligen Militärkommando vorgelegt werden zu können. Es ist also, wie Sie sehen, eine spezielle behördliche Genehmigung erforderlich, um Schutz gegen Übertreter des Gesetzes zu finden. Sie können sich danach ein Urteil darüber bilden, was dort geschah, wo es keine solche Bescheinigung von der Kommandantur gab. Wenn bei den Besprechungen über das Verhalten gegenüber der jüdischen Bevölkerung der Führer der Opposition noch vor Beginn des Krieges einmal geäußert hat, wir näherten uns den Zeiten Ferdinands und der Isabella, so will ich jetzt sagen, daß jene Zustände bereits von uns überboten sind. Meine Herren! Die spanische Inquisition war ein Scherz gegen das, was man heute den Juden zufügt, denn damals floß ja kein jüdisches Blut auf Schlachtfeldern zur Verteidigung Spaniens, während bei uns gar manche ihr Leben für das Vaterland gelassen haben. Ich muß Sie auch auf die empörende Verleumdung aufmerksam machen, die eine so ungeheuere Verbreitung in der russischen Gesellschaft, ja in den Reihen des Heeres gefunden hatte. Es ist noch nie dagewesen, daß ein ganzes Volk des Verrates beschuldigt wurde. Diese schwarze Verleumdung konnte nur auf dem Boden der Rechtlosigkeit erwachsen. In allen jenen Ländern, wo die Juden Gleichberechtigung genießen, gibt es eine solche Beschuldigung ja nicht. Nur aus der Agitation der offiziellen Presse, nur aus der antisemitischen Hetze vor dem Kriege erklärt sich die Tatsache dieser Beschuldigung, die einen fruchtbaren Boden fand und eine reiche Ernte zeitigte. Großmütige Leute sagen, den Juden sei der Verrat zu verzeihen. Das ist ein psychologische Begründung für eine Verleumdung, die von einem großen Teil der russischen Gesellschaft geglaubt wird. Ich will darauf folgendes antworten, meine Herren! Ja, wir sind rechtlos, man unterdrückt uns, es geht uns schlecht! Aber wir kennen den Urquell unseres Unglücks: Es stammt von diesen Bänken (er weist auf die Ministerloge hin), uns unterdrückt die russische Regierung, nicht das russische Volk. Was Wunder, daß wir unser Geschick nicht mit der russischen Regierung, sondern mit dem russischen Volk verknüpfen! Als an dieser Stelle vor drei Jahren über den Cholmer Gesetzesentwurf*) verhandelt wurde, konnte es den Urhebern dieses Entwurfes einfallen, daß sie in kurzer Zeit genötigt wären, vor einem freien, autonomen Polen den Hut zu ziehen? Auch wir hoffen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, in der wir neben dem freien russischen Volke auch vollberechtigte Bürger sein werden. Angesichts des ganzen Landes, angesichts der ganzen zivilisierten Welt erkläre ich, daß diese Beschuldigung gegen die Juden eine empörende Lüge ist, von den Leuten erfunden, die ihre eigenen Verbrechen decken müssen. (Beifall links.) Und alle Personen, die *) Der Gesetzentwurf handelte von der Trennung des Gouvernements Cholm Vom Königreich Polen und seiner Angliederung an das russische Reich und sollte also das Werk der Unterdrückung Polens durch den Ausdruck der Mißachtung seiner Einheit ausdrücken.

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