Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 36 (10.9.1915)
- Date
- 1915-09-10
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Das Jüdische Echo Nr. 3G sich das ganze Unheil hätte abwenden lassen. Aber was unser Gewissen beschwert, ist, daß wir auch den guten Willen, den unentwegten Mut, zu helfen und vorzubeugen, vermissen ließen. Und nun kommen die hohen Festtage und unsere Prediger in den Synagogen werden uns über all das Schreckliche zu trösten versuchen, über all das Furchtbare den einlullenden Schleier der Versöhnung werfen. Aber für uns gibt es keinen Trost, unserem Schmerze gibt es kein Wort der Linderung, unserer Verzweiflung vermögen auch die schönsten Kanzeltiraden nicht den Stachel unserer bitteren Selbstanklage und unseres aufgewühlten Gewissens zu nehmen. Sprechen wir es offen aus: wir konsequenten jüd. Volksfreunde sind der geistlosen Phraseologie eines großen Teiles unserer Seelsorger und Gemeindegewaltigen entwachsen, nicht weil wir etwa aufgehört hätten, Gläubige unserer Gemeinde zu sein, sondern weil unser Vertrauen zu dem Weitblick unserer Glaubensführer erschüttert ist. Mit Unrecht wirft man uns Gleichgültigkeit gegen das religiöse Ideal unseres Volkes vor: im letzten Sinne ist ja unsere ganze Arbeit und Weltanschauung gerade auf dieses Ideal aufgebaut und wir sind die letzten, die sich der Erkenntnis der religiösen Verankerung unseres Daseins entziehen. Aber wie können wir zu unseren religiösen und gemeindepolitischen Führern Zutrauen haben? Was haben sie getan, um der hereinbrechenden, längst vorhergesehenen Katastrophe zuvorzukommen? Haben sie nicht das meiste versäumt, was ihre hervorragende Stellung, ihr unbestritten mächtiger Einfluß auf die Gesinnung ihrer Gemeinden hätte bewirken können? Und darum fällt es so schwer, in den Gotteshäusern die Verbitterung zu vergessen, die wir uns draußen geholt haben, und deshalb darf man es uns nicht verübeln, wenn wir den Kult i n den Tempeln mit den kritischen Augen betrachten, die uns die Verkümmerung des jüdischen Lebens außerhalb der Tempelwände gegeben hat. Die jüdische Religion — und das gestehen auch die fanatischsten Verteidiger ihrer Ubernationalität — ist ein wunderbares Ineinander von Leben und Lehre. Aber Gebete beten und ihren innersten Sinn nicht hinaustragen ins Leben, empfinden wir als un- jüdisch, als eine Vergewaltigung unserer eingeborenen natürlichen Religion. Beten wir, daß endlich Lehre und Leben sich in uns wiederfinden, daß der abstrakte Traum unserer orthodoxen und liberalen Theoretiker Fleisch und Blut werde, daß das Judentum aus den ehrwürdigen Häusern der Andacht wieder auf die Straßen und Märkte des Lebens gelange. Dann haben wir die beste Einkehr in uns gehalten, dann haben wir am tiefsten den schwermütigen Sinn unserer religiösen Gesänge begriffen. Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen. Aber noch sind wir nicht am Ende alles Werdens. Es läßt sich noch in letzter Stunde machtvoll in die Speichen des rollenden Rads eingreifen und noch manches Versäumte nachholen. Dazu bedarf es allerdings einer vollständigen Umwandlung der Geister, einer inneren Revolutionierung aller unserer besten Kräfte. Die Rede des abgeordneten N. M. Friedmann in der Duma (Schluß.) In einem langen Kriege wechseln Erfolge mit Mißerfolgen ab. In jedem Falle ist es nützlich, Leute zu haben, denen man die Schuld an den Mißerfolgen in die Schuhe schieben kann, ist es nützlich, einen Sündenbock zu haben. Und hieiür gibt es eine uralte Firma, das sind: die Juden! Kaum nahte sich der Feind der Grenze, als schon das Gerücht verbreitet wurde, jüdisches Geld fließe „in Aeroplanen, in Särgen und in Gänsemägen" in deutsche Hände. Sobald der Feind näherrückte, erschien unbedingt der traditionelle Jude auf dem weißen Roß, wahrscheinlich derselbe, der auf einem weißen Pferd einst durch die Stadt ritt, um einen Pogrom hervorzurufen. Die Juden begannen Telephone zu bauen, Telegraphen zu zerstören. Die Legende wuchs, drang unter Mitwirkung der Regierung in immer weitere Kreise, und die Agitation in offiziellen Kreisen erreichte ungeheuere Dimensionen. Ich möchte nur bemerken, daß die Legenden gewöhnlich zugleich mit dem Rückzug in vorher vorbereitete Positionen aufkamen. In dem Verhalten den Juden gegenüber wurden eine Anzahl von Maßnahmen getroffen, die sowohl in ihrer Grausamkeit, wie in ihren Ursachen in der Geschichte der Menschheit unerhört sind. Diese Maßnahmen, die angesichts der ganzen Bevölkerung ausgeführt wurden, brachten .der umliegenden Bevölkerung und dem Heer die Überzeugung bei, daß die Juden von der Regierung als Feinde behandelt werden und daß auch sie sie demnach wie Feinde behandeln müßten, daß also die jüdische Bevölkerung nicht mehr unter dem Schutze des Gesetzes stehe. Ein derartig demoralisierendes Element wurde durch diese Maßnahme in das Heer hineingetragen. Zuerst offenbarten sich diese Maßnahmen in der Vertreibung der Juden aus verschiedenen Orten. Ausgewiesen wurden die Juden in Polen, Myschnitz, Nowo-Alexandria, Grodisk, Pessjatschno, Skerniewiece, Sochaczew, Sczirardoff, Lowicz, Bolinow und vielen anderen Orten. In letzter Zeit folgte die Ausweisung aus den Gouvernements Livland, Kurland, Wolhynien, Podolien und anderen. Alles in allem sind etwa 500 000 Juden an den Bettelstab gebracht worden. Wie wurden diese Ausweisungen gehandhabt, und wer hat die Juden ausgewiesen? Meine Herren! Wer das gesehen hat, der wird es sein ganzes Leben lang nicht vergessen! Man wies Leute innerhalb 24 Stunden, in einigen wenigen Fällen innerhalb zweier Tage aus. Es wurden Frauen, Kinder, Greise und Kranke ausgewiesen. Man holte sogar die Irrsinnigen aus den Irrenhäusern heraus und zwang die Juden, sie mitzunehmen. Aus Mogilnitza wurden 5000 Menschen innerhalb 24 Stunden vertrieben. Sie hätten nun über Kaivaria nach Warschau gehen müssen. Man zwang sie jedoch, auf Umwegen in das Gouvernement Lublin zu reisen; man nahm ihnen die Möglichkeit, einen Teil ihrer Habe zu retten. Viele mußten zu Fuß gehen. Als sie nach Lublin kamen, wurde ihnen durch das jüdische Komitee Brot und andere Lebensmittel vorbereitet; aber man gestattete ihnen nicht, Aufenthalt zu nehmen, und sie mußten weiterziehen. Auf dem Wege geschah ein Unglücksfall. Ein sechsjähriger Knabe fiel aus dem Wagen und starb. Man erlaubte den Eltern nicht, ihr Kind zu begraben. Ich selbst habe die Flüchtlinge aus dem Gouvernement Kowno gesehen. Leute, die gestern wohlhabend waren, sind über Nacht zu Bettlern geworden. Ich habe unter den Flüchtlingen jüdische Frauen und Mädchen gesehen, die zusammen mit russischen Damen gearbeitet haben, zusammen mit ihnen für die Krieger Wäsche genäht und Spenden gesammelt haben, und die jetzt auf den Eisenbahngeleisen lagen. Ich habe Familien im Felde stehender Krieger gesehen, ich habe unter den Flüchtlingen ver-