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Das jüdische Echo · 1915-09-10 · 36 (10.9.1915) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
36 (10.9.1915)
Date
1915-09-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis- Viertel]. M. 1.-, Halbj. M. 2.-, Ganzj". M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. —Verlag „des Jüdischen Echos" : München, Herzog Maxstr.4. - Redaktion: Norbert Weldler,München-Solln, Erikastraße 6. Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Änzeigen 15 Pf.— Anzeigenannahme: Verlag „des Jüdischen Echos", München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 8099. Postscheckkonto: München 3987. 10. September 1915 München / 2. Jahrgang Nummer 36 1915 Wochenkalender (5676) 1J)1D Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sept. 11 12 13 14 15 16 17 Tischri ntsn 3 4 5 6 7 8 9 man Gottesd.: Morgens Hauptsyn. 8l/2 Herzog Rud.-Str. 7VS Sabbath-ftusgang 7.1(i Fasten Gedaljah 'D'^'V Sabbath-Eing.: Haupt - Synagoge 6 l/a Herzog Rud.-Str. 6.35 Inhalt! Meür ben Elieser: Jomim noroim.— ■ N. M. Friedmann: Dumarede. — Dr. Hans Mühsam: Paul Ehrlichs Beziehungen zur Jüdischen Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina. — L. A. Frankl: Jerusamlemitanische Legenden V. — Welt-, Gemeinden-Echo usw. Jomim noroim Von M e i r ben Elieser. Wenn in diesem Jahre Israels Scharen sich unter dem Banner ihrer gemeinsamen Büß- und Bittgebete versammeln, wenn der glühende Laut ihrer alten gemeinsamen Sprache von allen Enden des Erdballs aufsteigt und die Himmel zerreißt, dann feiert der zähe jüdische Geist den äußerlich glanzvollsten, innerlich aber ohnmächtigen Triumph seines Daseins. In dem historischen Augenblick, wo Gesamtisrael sich dem Banne seiner übernationalen Gemeinsamkeit unterwirft, während in derselben Stunde seine Jungmannschaft den völkischen Idealen der kriegführenden Staaten Blut und Leben opfert, offenbart sich die ganze Tragikomödie des jüdischen Schicksals. Dem naiven Betrachter freilich wird die Schar der Beter in diesem Jahre nicht viel anders erseheinen als in früheren: endlose Reihen ernster Männer und Erauen werden sich noch tiefer als sonst in ihr Gebet einhüllen, werden noch heißere Tränen bei der Totengedenkfeier■ weinen, die Stimme des Vorbeters wird noch klagender klingen und das Ohr der Gemeinde noch inniger sich den Trostworten des Predigers hingeben. Und all dies ist ihm, dem naiven Betrachter, so klar, so selbstverständlich, daß die Erage, worin sich d i e s e „furchtbaren Tage" von allen anderen unterscheiden, für ihn nur den Sinn erhöhter Inbrunst, gesteigerter Gottessehnsucht besitzt. Und in der Tat werden wir alle heuer laut schluchzen, wo wir sonst still weinten, stöhnen, wo wir sonst nur seufzten, aufschreien wo wir in früheren Zeiten nur bitter klagten. Denn das Unausdenkbare ist zum Ereignis geworden, das Unaussprechliche steht mit feurigen Zeichen vor unseren Augen und uns bleibt nichts als die machtlose Verzweiflung. Wir reden mit tausend Zungen von der unmenschlichen Barbarei der russischen Kosakenknute, wir regen uns auf über die Verlogenheit der zarischen Versprechungen gegenüber den „lieben Juden", wir suchen die Gründe des ostjüdischen Elends in tausend ökonomischen, politischen, entwicklungsgeschichtlichen Ursachen. Aber ich denke, die große Selbsteinkehr, welche uns die jomim noroi'm gebieten, wird uns die Tragödie unserer ostjüdischen Gaubensbrüder in einem etwas innerlicheren, ehrlicheren Gewände erscheinen 1 assen. Klagen wir nicht pharisäisch an, wo wir uns selbst zum M i t s c h ul d igen gemacht haben, wo unser eigenes Gewissen nicht rein vor Gott hintreten kann! Bekennen wir aufrichtig: oschamnu, bogadnu, gosalnu! Auch wir haben gesündigt an unseren östlichen Brüdern, auch wir haben sie in Zeiten, wo dem Unglück hätte vorgebeugt werden können, treulos im Stiche gelassen und uns so zu unfreiwilligen Helfern der russischen Räuberhorden gemacht! Man wende nicht ein, daß nach Pogromen rege Sammeltätigkeit das Elend von Fall zu Fall gemildert habe, daß das Möglichste getan worden sei, die Wunden der Betroffenen zu heilen. Nein, das Schlagen der Wunden hätten wir vermeiden können, wenn unser Herz und unser Verstand groß genug gewesen wären, um die schon seit Jahrzehnten akute Ostjudenfrage derjenigen Lösung entgegenzuführen, welche die einzige radikale Lösung darstellt, wenn die Bemühungen bei unseren reichen Glaubensbrüdern in allen Ländern nicht tauben Ohren begegnet wären, wenn unsere Bankiers, Großindustriellen und nicht zuletzt unsere Reichen im Geist, unsere Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftler ihren ganzen sittlichen Einfluß auf die Gemeinde Israels ausgeübt hätten , wenn unsere Seelsorger und Gemeindevorsteher, statt mit dem Strome zu schwimmen, sich nach Art unserer alten Propheten mit dem ganzen Gewichte ihrer Unbestechlichkeit dem auf kleinen Eigennutz gestützten Trieb ihrer Gemeinden gewaltig entgegengestemmt hätten. Wir gehen heute nicht ins Gericht mit den Schuldigen! Schlage jeder von uns sich auf seine Brust! Die objektive Abrechnung überlassen wir dem Urteil der Geschichte. Auch wollen wir licht mit absoluter Bestimmtheit behaupten, daß

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