Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 35 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Das Jüdische Echo Nr. 35 sehen Bethäusern aller Riten Dankeshymnen. Der Großrabbiner der Türkei, Chaim Nahum, erschien wiederholt im kaiserlichen Palais, um sich über den Zustand des Sultans zu erkundigen. Als er in Begleitung seines Sekretärs im Palais erschienen war, um die Freude der jüdischen Bevölkerung über die Wiederherstellung ihres kaiserlichen Herrn zu verdolmetschen, erfuhr der Sultan die Anwesenheit des Großrabbiners. Seine Majestät ließ durch den ersten Kanzler Tewfik Bei und den ersten Sekretär Fuad Bei dem Großrabbiner und durch ihn der jüdischen Bevölkerung seine Grüße übermitteln und seine Freude über die Anhänglichkeit der Juden an Thron und Vaterland aussprechen. Palästina nach der Heuschreckenplage. „Hapoel Hazair", (hebräische Wochenschrift der palästinensischen Arbeiter, in Jaffa erscheinend), bringt in Nr. 18 vom 23. Juli 1915 folgendes Endurteil über die nunmehr vollkommen überstandene Heuschreckenplage: „Die Erntezeit kommt — und es gibt nichts zu ernten . . . Das ist die erste materielle Wirkung der Heuschreckenplage, die sich jetzt in den Pflanzungskolonien Judas und Samariens deutlich zeigt. Die Arbeit eines ganzen Jahres ist aus der Rechnung ausgeschaltet . . . Und trotzdem hat sich die Verzweiflung, welche die Kolonien im ersten Moment beim Anblick der Verheerung ergriff, ein wenig gemildert. Die Heuschrecken sind verschwunden und die Wunde beginnt zu verheilen. Ganz allmählich verwischen sich die Spuren der elementaren Verwüstung, wenigstens nach außen hin. Die entrindeten und blätterlosen Bäume beginnen sich mit neuen Blättern zu bedecken und werden Früchte tragen. Nur hie und da sieht man noch in den Gärten die „Schützengräben" aus den Tagen des Verzweiflungskampfes und trifft hier und dort noch auf „Massengräber" des Schädlings. Die Verzweiflung legt sich, die Stimmung bessert sich, denn der Besitz ist zumeist gerettet. Wer sagt, daß die Bekämpfung der Heuschrecken umsonst war, täuscht sich. Alles was gerettet wurde, wurde es durch der Hände Arbeit . . . Der Mangel an Erfahrung verursachte vielleicht eine etwas zu große Kräfteverschwendung, eine Nervosität dort, wo nur strenge Konzentration helfen konnte. Möglich, daß eine kaltblütig organisierte Arbeit billiger gekommen wäre und mehr gerettet hätte; aber die Verwirrung, die im ersten Augenblick Kolonisten wie Agronome ergriff, führte zur Systemlosigkeit, zu einem Durcheinander der angewandten Mittel, und das verursachte, daß man das radikalste Mittel — Blechsperren —< zu spät gebrauchte . . . Der Schaden, den die Heuschrecken in den palästinensischen Kolonien anrichteten, ist ziemlich bedeutend. Dazu kommen noch die Ausgaben für ihre Bekämpfung, die sich allein auf 200 000 Franks belaufen. Der hauptsächlichste Schaden betrifft die diesjährige Ernte. An einigen Orten ist auch der Besitzstand schwer geschädigt. Am meisten litten die Pflanzungsgärten. Der Schaden ist groß, aber einen vollkommenen Ruin, wie man anfangs glauben konnte, bedeutet er nicht. Die Kolonien sind ärmer geworden, aber auch diese Wunde wird die Zeit heilen. Gegenwärtig verbrennt man die Heuschrecken in den Kolonien, reißt die Schutzwände ein, die man gegen den Feind gebaut hatte, schließt die aufgeworfenen Gräben, beschneidet die vertrockneten Zweige in den Pflanzungen, befaßt sich mit ihrer Wliederbelebung und bereitet sich für die kommenden Arbeiten vor. Die Anleihe, die man den Pflanzern vom Ausland verschaffte, gibt ihnen zwar die Möglichkeit, ihre Arbeit unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen fortzusetzen, aber eine radikale Hilfe stellt sie nicht dar. Die Nationalitätenfrage in der Duma und die Polen. Auf der letzten Sitzung der russischen Reichsduma, die durch die offene Sprache der oppositionellen Volksvertreter in der ganzen Welt großes Aufsehen erregte, wurde seitens der den unterdrückten Nationalitäten angehörenden Deputierten ein Antrag eingebracht, der für die nächste Zeit Maßnahmen forderte: 1. um sämtliche Repressalien der Staatsverwaltung gegen einzelne Völker zu beseitigen und 2. um im gesetzgeberischen Wege sämtliche Ausnahmegesetze gegen Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten abzuschaffen. Dieser Antrag wurde mit einer Stimmenmehrheit von 191 gegen 132 abgelehnt. Auffallend ist der Umstand, daß während die litauischen, lettischen, estischen, armenischen, mohammedanischen und jüdischen Deputierten den Antrag unterzeichneten, die polnischen Vertreter offenbar ihre Unterschrift verweigerten. Dies ist ein Beweis mehr für den reaktionären Charakter des polnischen Reichsratsklubs, der, im stillen Einvernehmen mit der Regierung arbeitend, einem Zusammengehen mit den demokratischen Elementen des Parlaments ausweicht und durch Liebesdienste nach oben allerhand Gefälligkeiten zu erschleichen sucht. Oder fühlt sich der Polenklub der Duma bereits als Vertretung einer herrschenden Nation, die an der Beseitigung der Ausnahmegesetze gegen nationale Minderheiten kein Interesse mehr hat? (J. A. K.) Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons? Undefinierbare Drahtnachrichten melden von der Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrayons in Rußland. Eine Reuter-Nachricht drückt sich etwas bestimmter aus. Sie besagt, daß ein Befehl des Zaren in Vorbereitung sei, der die Gesetze betreffend des jüdischen Ansiedlungsrayons für die Dauer des Krieges außer Kraft setzt. Den Juden soll mit Ausnahme von Petersburg und Moskau der Aufenthalt im ganzen Reiche gestattet werden. Allem Anscheine nach handelt es sich hier um eine unumgängliche Maßregel inbezug auf die ungeheuere Masse der aus dem Kriegsgebiet Geflüchteten und Verbannten, die in den überfüllten Ortschaften des Ansiedlungsrayons nicht belassen werden können, ohne die ortseingesessene Bevölkerung in sanitärer und wirtschaftlicher Hinsicht aufs äußerste zu gefährden. Etwa anderthalb Millionen Juden wurden durch eine ebenso grausame wie wahnsinnige Politik entwurzelt und ins namenlose Elend gestürzt. Unter ihnen sind infolge der schrecklichen Entbehrungen und der haarsträubenden Weise des Transportes ansteckende Krankheiten aller Art ausgebrochen. Die fortwährenden Siege der Zentralmächte haben das den Juden zugewiesene Aufenthaltsgebiet aufs äußerste eingeengt. Der ungeheuere Strom der Verbannten mußte den ehernen Ring, der um das jüdische Volk in der Gestalt des Ansiedlungsirayons gelegt war, mit Elementargewalt sprengen. Die Verordnung sanktioniert eine vollzogene oder sich vollziehende Tatsache. (J. A. K.) Angriffe gegen die Juden im französischen Senat. Am 24. Juli kam es im Senat wieder zu einem Angriff gegen die französischen Juden. Wie das „Journal officiel" mitteilt, sprach ein Senator folgende Worte: „Je n'ai pas besoin de demontrer, je pense, qu'en France, aujourd'hui les juifs sont au dessus ou ä cöte des lois." (Ich brauche es nicht zu beweisen, ich denke, daß die Juden heute in Frankreich über oder neben den Gesetzen stehen). Dieser Angriff fand im Senat weiter keine Antwort — als Lachen. Man wundert sich in jiidi-