Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-09-03 · 35 (3.9.1915) · p. Seite 282

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
35 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9116233--00476-9073303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

* 282 Das Jüdische Echo _Nr- 35 meine Mutter, die am gleichen Tage auf Befehl des Militärkomandos ihr eigenes Heim verlassen mußten. . . Sagen Sie den Herren, die auf den Bänken der Rechten sitzen, daß ich nicht den Verlust meines Armes beklage, sondern daß mich der Verlust meiner menschlichen Würde schmerzt, die ich im fremden Lande hatte!" Dies war die Stimmung der Juden, die sich in zahlreichen Aufrufen, Kundgebungen in der Presse und endlich von diesem Orte aus offenbart. Es schien, die Regierung würde mit dieser Stimmung rechnen müssen. Wie verhielt sich jedoch dieser patriotischen Erhebung gegenüber die Regierung? Man müßte glauben, sie würde alle Maßnahmen treffen, um die ungünstige Lage der Juden zu bessern, die sich gerade im Mittelpunkt des Kriegsschauplatzes befanden. Man konnte ja schließlich nicht das Gefühl und die Stimmung von hunderttausenden von Juden unberücksichtigt lassen, die ihr Blut auf dem Schlachtfeld vergossen. Und doch sehen wir von Anfang des Krieges an, daß die Unterdrückung der Juden nicht nur nicht abnahm, sondern im Gegenteil immer größer wurde. Es wurden Juden und Jüdinnen aus ihrer Heimat vertrieben, deren Männer und Brüder ihr Leben fürs Vaterland ließen. Aus Kursk wurde die Jüdin Gutermann vertrieben, deren Mann eingezogen ist. Aus dem Dorfe Liski, Kreis Rjetschiza, wurde ein jüdischer Schuhmacher ausgewiesen, der dort 10 Jahre lang gewohnt hat, und dessen drei Söhne im Felde stehen. Der Verwundete Roschkow kam nach Charkow, um seine Kopfwunde heilen zu lassen. Auf seinen Paß wurde gestempelt „Abreisen!". Dem Gemeinen Godlewski, dem ein Bein amputiert wurde, und der sich zur Kur in Rostow a. Don befand, wollte man in seine Heimat senden, in das schon von den Deutschen besetzte Gouvernement Kaiisch, und nur nach fortgesetzten Bemühungen des Kreisverbandes wurde ihm der weitere Aufenthalt in Rostow gestattet. Einem verwundeten Apothekergehilfen hat man nicht erlaubt, seine Wunde in Petersburg heilen zu lassen, und nur nach besonderen Bemühungen erhielt er später die Genehmigung, sich zwei Monate in Petersburg aufzuhalten mit der ausdrücklichen Bemerkung, man würde nach Ablauf dieses Termines die Aufenthaltgenehmigung nicht verlängern. Sie werden zugeben, daß man dies nicht anders als eine Schmach bezeichnen kann. Freilich, bald folgt ein Rundschreiben des Ministers des Innern, die Familien der Eingezogenen dürften in ihren Wohnsitzen bleiben, doch dieses Rundschreiben betraf nur die Familien der Verwundeten, nicht die Verwundeten selbst. Meine Herren! Schon allein der Umstand, daß dieses Rundschreiben verschickt wurde, allein die Tatsache, daß die gesetzlich vorgeschriebene Einberufung des jüdischen Handwerkers seine Familie des Wohnrechtes beraubt, charakterisiert unsere Gesetzgebung in genügender Weise, bei der Korrektiven erforderlich sind, wenn man nicht ungerecht sein will. Ich kann auch nicht das Verhalten gegenüber der Presse übergehen. Die jüdischen Zeitungen, die in Warschau, Wilna und Bialystok erscheinen, sind sämtlich unterdrückt, und die jüdischen Massen sind der Möglichkeit beraubt, durch ihre Presse über die Ereignisse des Tages informiert zu werden. (Stimmen rechts: Sie können ja russisch lesen). Nein, meine Herren! Es gibt sehr viele Juden, die nicht Russisch lesen können. Betrachten wir ferner die Politik des Kultusministeriums! Früher wußten wir, daß ein Jude, der in eine höhere Lehranstalt aufgenommen werden will, entweder eine gute Zensur oder ein glückliches Los braucht. Jetzt dagegen muß er entweder einen gefallenen Vater oder einen verwundeten Bruder haben. Was haben wir hier gestern von dem Vertreter der Regierung gehört! Einen Anspruch auf Gerechtigkeit erkannte er nur den Polen zu. Den anderen Nationalitäten, die ihr Blut auf den Schlachtfeldern vergießen, wurde „wohlwollendes Verhalten" zugesagt. Und was wohlwollendes Verhalten in einem Polizeistaat bedeutet, das ist uns bekannt. In der Duma sind die Polen mit vielen Worten begrüßt worden. Das ist natürlich gerecht und richtig. Man darf jedoch nicht vergessen, daß auf dem polnischen Boden auch jüdisches Blut fließt, und leider nicht allein von der Hand des Feindes, nicht allein infolge des Krieges, sondern gelegentlich des Krieges ohne jeden Grund. Während die ungeheueren Wanderungen der jüdischen Massen vor sich gehen, w ährend die Juden aus einem Teile des Reiches in den anderen getrieben werden, während der berüchtigte Ansiedlungsrayon ebenfalls nicht mehr beachtet wird, während man die Juden zu Tausenden in die Gouvernements Tambow, Woronesch und nach Sibirien verschickt, hält es die Duma für unzeitgemäß, diesem leidenden Volke Bewegungssfreiheit zu gewähren. Und so bleibt in der Judenfrage alles beim alten! Dies wurde sogar besonders betont. Das ist die Folge der Maßnahmen, die von der Regierung getroffen wurden. (Schluß folgt.) | Paul Ehrlich | Die wissenschaftlichen Leistungen Ehrlichs, dessen unerwarteter Tod in der ganzen Welt Trauer hervorrufen wird, weil man sich von seinen Arbeiten noch manche Tat für das Wohl der Menschheit versprechen durfte, sind schon in der Tagespresse gewürdigt worden. Uns obliegt es> auszusprechen, daß für uns als Juden der Verlust Ehrlichs überaus schmerzlich ist. Der verstorbene Forscher hat niemals um äußerer Erfolge willen sein Judentum preisgegeben. Er verließ schon als junger Gelehrter die Klinik von v. Frerichs, bei dem er als Assistent verdienstlich wirkte, well er sich die Professur nicht durch Taufe erkaufen wollte. Und da er auch später, als sein Ruf schon größer geworden war, kein Ordinariat erlangen konnte, hätte er seine Leistungen überhaupt nicht vollbringen können, wenn ihm nicht Frau Franziska Speyer eine Stätte, das Georg Speyer-Haus in Frankfurt a. M., geschaffen hätte. Erst nach Entdeckung des Salvarsans w urde Ehrlich persönlich durch Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz geehrt. Auch die ordentliche Professur erlangte er noch dadurch, daß in der neuen Frankfurter Universität, zu deren Gründung nicht zum wenigsten Stiftungen von Juden beigetragen haben, im Gegensatz zu den bestehenden bei der Wahl der Professoren nicht nach dem „Glauben" gefragt werden darf. Aber mehr als die passive Rolle, die Ehrlich bis in die letzten Jahre eingenommen hat, ist es anzuerkennen, daß er sich schließlich selbsteigen in jüdischen Angelegenheiten zu betätigen begann und die jungjüdische Bewegung mit wohlwollender Aufmerksamkeit verfolgte. Dr. Hans Mühsam widmet ihm in der letzten Nummer der „Jüdischen Presse" einen Nachruf, in dem er Ehrlichs Teilnahme am Werden der „Jüdischen Gesellschaft für sanitäre Interessen in Pa-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.