Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 35 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Das Jüdische Echo Nr. 35 senden mit diesem Lande verknüpft sind: das Judentum, und ohne jene Bewegung zu erwähnen, die diesen Hoffnungen ihre Verwirklichung geben will: den Zionismus. Daß dieser Faktor in der Zukunftsrechnung Palästinas an erster Stelle eingereiht werden muß, ist klar; die Palästinasehnsucht des jüdischen Volkes, durch die es befähigt ward, aus einem 2000jährigen Martyrium stark und ungebrochen hervorzugehen, ist eine Kraft, mit der jeder historisch Denkende rechnen muß. Was der Zionismus in der verhältnismäßig noch kurzen Zeit seines Bestehens trotz aller großen, äußeren und inneren Schwierigkeiten, die er überwinden mußte, bereits geleistet hat, ist allen Kennern Palästinas wohl bekannt und vor einiger Zeit auch in diesen Blättern anschaulich dargelegt worden. Aber auch unter jenem weltgeschichtlichen Gesichtspunkte des vorderasiatischen Problems gesehen, unter dem wir die Bedeutung Palästinas für Deutschland beurteilt haben, kommt der Zionssehnsucht und dem Zionismus als dem stärksten organisatorischen Ausdruck dieser Sehnsucht die größte Tragweite zu. Wenn wir Palästina eine Übergangsbrücke zwischen Vorderasien und Europa in alter Zeit genannt haben, so dürfen wir die Juden als die Erbauer und Wächter dieser Brücke bezeichnen. Sie haben aus dem Chaos asiatischen Denkens jene großen Ideen herauskristallisiert, durch die Vorderasien der Ausgangspunkt der religiös-sittlichen Kultur Europas geworden ist, und es entspräche nur der Harmonie und Gesetzlichkeit des geschichtlichen Geschehens, wenn sie diese alte Rolle wiederum, nunmehr aber in entgegesetzter Richtung wirkend, übernehmen. Vielleicht bietet dieser Gedanke eine geschichts-philosophische Erklärung der Erhaltung des Judentums, das sich allein aus dem Zusammenbruch der vorderasiatischen Kulturwelt errettet und bewahrt hat. Hier vielleicht findet das Rätsel des ewigen Ahasver seine Lösung; bestimmt, Vermittler zwischen Asien und Europa zu sein, mußte er vom Ende der einen Vermittlungsepoche bis zum Beginn der neuen durch alle Länder wandern und irren, um dann fähig zu *sein, von überallher Kultur nach Asien zu vermitteln. Ob man nun aber solche geschichts-philosophische Deutung akzeptiert oder nicht, dies wird man zugeben müssen, daß die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Palästina und die Wiedel übernähme der Vermittlertätigkeit nur in der Richtung und im Sinne eines weltgeschichtlichen Prozesses liegt. Damit aber ist schon gesagt, daß eine solche Rückkehr den Interessen des deutschen Volkes nicht widerspricht, vielmehr ganz in deren Sinne ist. Die Wiederbelebung Vorderasiens durch deutsche Kraft wird ja nicht in der Form der bisherigen Kolonisationsmethoden erfolgen können. Nicht selbst erwerben wird Deutschland diese Gebiete; vielmehr sie durch seine wirtschaftliche Tätigkeit und geistige Anleitung kulturell durchdringen. Dazu aber ist es vor allem nötig, -Menschen in jene Länder zu bringen; Menschen, die einerseits dort ihre Heimat finden wollen und imstande sind, dort heimisch zu werden, andererseits aber auch fähig sind, Vermittler der europäischen Kultur zu sein. Wer aber ist geeigneter, solche Menschen zu geben, als das jüdische Volk, das durch Abkunft und tiefste Veranlagung noch orientalisch ist, durch seine 2000jährige europäische Wanderung aber auch europäisch geworden ist? Im gesamten Umkreis der Erde wird man kein anderes Volk finden können, das für diese Aufgabe der unmittelbaren Vermittlertätigkeit durch Anlage und Schicksal fähiger und disponierter ist, als das jüdische. Liegt es so nicht im Interesse Deutschlands, daß der Zionismus des Judenvolkes Wirklichkeit wird? Noch ein anderer bedeutsamer Umstand weist auf dieses Zusammenwirken von Deutschtum und Judentum in der Vollbringung des großen Werkes der Wiederbelebung Vorderasiens hin: die kulturelle Verknüpfung nämlich, die schon heute beide verbindet. Denn derjenige Teil des Judentums, der, wie überhaupt das Zentrum, so auch der eigentliche Träger der Zionshoffnung ist, also neben dem deutsch-österreichischen vor allem das osteuropäische (russisch-galizische) Judentum, befindet sich schon heute unter dem starken Einflüsse der deutschen Kultur. Der große innere Prozeß, den das deutsche Judentum bereits hinter sich hat, das osteuropäische aber eben noch durchmacht, die Emanzipation, wie es gewöhnlich genannt wird, besser gesagt: der Übergang vom Ghetto zur europäischen Kultur, diesen Prozeß vollendet das Judentum vorwiegend unter der Anleitung des deutschen Geistes. An der Hand der klassischen Dichter der deutschen Literatur, der großen Denker der deutschen Philosophie, gelangt der junge osteuropäische Jude zur modernen Kultur. Die gesamte neue hebräische und jiddische Literatur ist an der deutschen Kultur orientiert. Schon allein die Volkssprache des Ghettos, das Deutsch-Jüdisch, bedingt es, und andere tiefer liegende Ursachen — auf die einzugehen hier zu weit führen würde — verstärken diese Tendenz. So liegt es auch hier nur in der Richtung einer konsequenten Entwicklungslinie, daß das Judentum seine große historische Mission, Europa mit Vorderasien zu verbinden, unter der Anleitung und Mitwirkung der deutschen Kultur erfüllt, und daß andererseits das Deutschtum ihm bei der Erfüllung dieser Mission hilfreich zur Seite tritt. Es ist erfreulich, feststellen zu können, daß die Erkenntnis der hier dargelegten Gedankengänge in immer steigendem Maße innerhalb der deutschen Öffentlichkeit durchdringt. In verschiedenen bedeutenden Organen, nicht zuletzt auch in dieser Zeitschrift, sind in letzter Zeit Aufsätze erschienen, die sich ganz im Sinne der hier vertretenen Ansichten aussprachen. Wjie Palästina in diesem Kriege ein viel umstrittenes Objekt geworden ist, so wird auch dem Zionismus gegenwärtig ein lebhaftes Interesse seitens aller kriegführenden Länder entgegengebracht, wobei besonders die Entente-Presse durch hohle Versprechungen und schillernde Seifenblasen ihn auf ihre Seite zu ziehen sich bemüht. Die offizielle Leitung der Bewegung verhält sich — wie sie auch gar nicht anders kann — völlig neutral. Aber die Stellung des Zionismus ist schon durch die von verschiedenen Kongressen in feierlichen Worten verkündete Treue und Loyalität gegenüber der Türkei bestimmt. Seine Sympathien können sich nur auf der Seite befinden, auf der die Türkei steht; wie sehr diese Erkenntnis auch von nichtdeutschen Zionisten geteilt wird, zeigt ein Artikel der in Rußland erscheinenden angesehenen hebräischen Monatsschrift „Haschiloach", der denselben Standpunkt vertritt. So ist denn zu hoffen, daß der Gedanke einer deutsch-jüdischen Interessengemeinschaft in Palästina ein dauernder Faktor in der Entwicklung dieses Landes bleiben und bald schon Gelegenheit haben wird, sich in seiner schöpferischen Fruchtbarkeit zu offenbaren. Daß aber die Türkei diesen Gedanken auf das ifreudligste begrüßen kann, braucht kaum noch besonders gesagt zu werden. Ihrem Interesse kann es nur in hohem Grade dienen, wenn Palästina von jüdischen Händen und jüdischem Geiste unter Mitwirkung Deutschlands zu neuem Leben erwacht und so ein