Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 35 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Das Jüdische Echo 279 als Zeichen unausbleiblicher, uns aufgedrungener innerer Kampfe. ""scntr Allein in ihnen wird hoffentlich ein Fortschritt zu bemerken sein Die Erlebnisse des Krieges sollen uns stahlen dem Antisemitismus nicht mit Zugestandnissen der Assimilation entgegenzutre ten. So wie wir sind Juden mit unserer besonderen Eigenart und Zukunftshoffnung, wollen wir jedem ins Auge sehen, der uns herausfordert ohne uns etwas von unsieren Idealen abhandeln zu lassen: In Treue fest, (m.) n. W Deutschland und Palästina Von Nachum Goldmann. Mit Genehmigung des Verfassers und Verlags der Wochenschrift „Das Größere Deutschland" (Nr. 30, 24. Juli 1915) entnommen. Wenn man paradox sein wollte, könnte man sagen, daß all die Millionen Männer, die jetzt auf den Schlachtfeldern in Ost und West Blut und Leben für ihr Vaterland einsetzen, in Wahrheit um Länder kämpfen, die nur die allerwenigsten von ihnen je gesehen haben. Sieht man von der kleinlichen Rachsucht Frankreichs ab, so kämpfen alle Mächte dieses Krieges recht eigentlich nicht um die eigenen Ländergebiete, sondern um entfernte, außereuropäische Territorien. England streitet um seine Weltmachtstellung, die es durch Indien und Ägypten besitzt; Rußland ist in den Krieg gegangen, um den Balkan zu beherrschen und Konstantinopel zu gewinnen und Deutschland kämpft in erster Reihe mit um die Erhaltung der Türkei, um den uneingeschränkten Zutritt zu den Märkten des Orients, um die Bewachung und den Ausbau seiner wirtschaftlich-politischen Position in Vorderasien. Und gerade dies gibt dem Kampf seinen grandiosen, einzigartigen Charakter, daß in ihm um alle fünf Erdteile gerungen wird. Will man daher die großen, weltpolitischen Probleme dieses Krieges verstehen, so muß man den Blick über Europa hinausschweifen lassen und sich mit jenen Ländern vertraut machen, die den Lohn des Siegers bilden werden. Unter diesen Ländern steht Palästina in erster Reihe. Palästina nimmt ja schon seit Jahrhunderten eine besondere, außergewöhnliche Stellung im Leben der europäischen Völker ein. Zu einer Zeit, da Weltpolitik und Weltherrschaft noch unbekannte Begriffe waren, da man von den außereuropäischen Ländern nur in Sagen und Märchen erzählte, bildete Palästina das Ziel der Sehnsucht von Hunderttausenden, und eine der gewaltigste«, folgereifsten Unternehmungen der europäischen Geschichte galt der Besitzergreifung dieses Landes. Doch auch nachdem die Kreuzzüge mit einem Mißerfolg geendet hatten, hörte Palästina nicht auf, vom Glauben und von der Phantasie der europäischen Völker ersehnt und umwoben zu werden. Nun sind allerdings die Motive jenes einstigen Interesses für Palästina von denjenigen, die uns heute gespannten Blickes auf dieses Land schauen lassen, sehr verschieden. Allein, wer die innige Verknüpfung von Religion und Politik kennt, die m früheren Jahrhunderten bestand und so vielfach auch heute noch besteht, wird trotz dieser Verschiedenheit in den Beziehungen Europas zu Palästina doch eine gradlinige Entwicklung konstatieren dürfen. Ist es doch bekannt, wie sehr gerade dort die religiösen Interessen von den europaischen Regierungen politisch verwertet werden, vor allem Rußland hat sich auch hier als Master in der skrupellosen Ausnutzung religiöser Krane für seine politischen Ziele gezeigt; aber auch Frankreich, das sonst so antikirchliche und religionsfeindliche Frankreich, in Palästina tritt es als Beschützer der katholischen Mission auf, und seine Konsuln halten dort mit den Jesuiten innige Freundschaft. Von allen europäischen Staaten hat Deutschland bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit in Palästina sich am wenigsten betätigt. Die innere Zerrissenheit bis zum Jahre 1870, und das geringe Verständnis der Bismarckschen Zeit für weltpolitische Bestrebungen haben wie an so vielen anderen Stellen so auch hierin Deutschland hinter die anderen Großmächte zurückgedrängt, bis dann mit dem kräftigen Einsetzen der modernen deutschen Weltpolitik eine starke Wandlung eintrat. Die Palästinareise des Kaisers bezeichnet den Zeitpunkt dieses Umschwungs, und seitdem ist das Interesse des politischen Deutschlands für Palästina immer mehr gestiegen und es ist gelungen, dort immer festeren Fuß zu fassen. Unter dem weltpolitischen Aspekt dieses Krieges betrachtet, gewinnt Palästina für Deutschland eine ganz außerordentliche Bedeutung. Abgesehen davon, daß der Suezkanal die Grenze Palästinas gegen Ägypten bildet, abgesehen von den schwäbischen Templerkolonien, die im Lande bereits existieren, beruht seine Bedeutung für das Deutschland der Zukunft vor allem darin, daß es ein Eingangstor nach Vorderasien bildet. Vorderasien aber bezeichnet eine der stolzesten Hoffnungen und gewaltigsten Ziele der deutschen Zukunft. Es ist über das vorderasiatische Problem bereits so vielfach gesprochen worden — vor allem auch in diesen Blättern — daß wir uns hier mit wenigen Worten begnügen dürfen. Der Gedanke der Wiederbelebung Vorderasiens durch deutsche Kraft ist eine der politisch und kulturgeschichtlich schöpferischsten und fruchtbarsten Ideen der Gegenwart; verwirklicht, ist er bestimmt, Folgen von größter weltgeschichtlichen Bedeutung zu haben, und sicher bezeichnet die Aufgabe, Führer der Menschheit in der Wiedererweckung Vorderasiens zu sein, einen Hauptinhalt jener weltgeschichtlichen Mission, die zu erfüllen der Genius der Geschichte das deutsche Volk erkoren hat. Erst wenn man die außerordentliche Fülle und Größe des vorderasiatischen Gedankens ganz erfaßt hat, kann man die Bedeutung erkennen, die Palästina für Deutschland besitzt. Nicht nur ein Blick auf die geographische Lage des Landes zeigt es, sondern in noch überzeugenderer Weise lehrt es die Geschichte. Die höchsten Werte, die Europa der vorderasiatischen Kultur verdankt, hat es von Palästina erhalten. Der Monotheismus der Bibel, die Ethik der Propheten, die Religion der Psalmen, das Evangelium Jesu von Nazareth, sie sind alle in Palästina entstanden. Dort empfingen diese größten Grundgedanken der vorderasiatischen Kultur ihre reinste und höchste Form und Prägung, in der sie dann zu Grundlagen der europäischen Kultur werden konnten. So entspricht es nun der tiefen inneren Harmonie und Gesetzlichkeit des historischen Geschehens, daß dieses Land, das in jenem Kulturprozeß, der von Asien nach Europa führte, die Übergangsbrücke gebildet hat, nun, da ein Prozeß von vielleicht nicht minder großer Bedeutung, aber in umgekehrter Richtung anhebt, wiederum eine große Rolle einnimmt. Mit der Darlegung dieses Gedankens sind wir aber zu einer anderen Seite des palästinensischen Problems gelangt, die nicht minder bedeutsam ist, als die bisher besprochene. Man kann nicht von Palästina sprechen, ohne jenes Volk zu nennen, dessen heiligsten Hoffnungen seit zwei Jahrtau-