Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 35 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116233--00472-9073299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 Das Jüdische Echo Nr. b5 f -A, ■ ständlich aus folgender Aussage des Unterstaatssekretär: „Ks hat noch nie eine Organisation gegeben, die in dieser Weise allen Angriffen wirtschaftlicher Interessengruppen so wehrlos gegenübergestanden hat, wie die Kriegsgetreidegesellschaft. (Sehr richtig! links — Unruhe im Zentrum,) Abgeordneter Dr. Pfleger erklärte im Laufder Debatte: „ . . . Den Vorwurf, daß die K.G. Leute dem Heeresdienst entziehe, kann ich nach den erhaltenen Aufklärungen nicht aufrecht erhalten und ziehe ihn zurück. Von einer antisemitischen Tendenz meiner Ausführungen, kann für den, der ihren Wortlaut liest, keine Rede sein. Dies ist auch heute schon in der Kommission anerkannt worden, und wenn in der Tagespresse meine Ausführungen nicht genau wiedergegeben waren, trifft mich kein Vorwurf." »5 Zu Anfang des Krieges herrschte in der Judenheit Deutschlands eitel Wonne. Das Wort des Kaisers von der Unterschiedslosigkeit aller Deutschen und, die Proklamierung des Burgfriedens ließen den alten Wunsch vom Verschwinden des Antisemitismus zum Vater des Gedankens werben, er habe nunmehr aufgehört, sein übles Wesen z,u treiben* Nur ein kleiner Teil der verschrieen war, die friedlichen Kreise satter Bürger jüdischen Glaubens zu stören, und bezichtigt wurde, von einem Wahngebilde irregeleitet, nur schwarz oder grau in grau sehen zu können, behielt seine Besonnenheit , Mit der Erkenntnis von der unzerstörbaren Nationalität des jüdischen Volkes und dem Streben, für dessen versprengte Glieder in Palästina ein Zentrum zu schaffen, verbindet sich ein Komplex von. geschichtsphilosophischen Anschauungen darunter die, daß mit dem Juden der antisemitische Schatten untrennbar verknüpft sei. Das Häuflein dieser unbelehrbar Scheinenden hat leider wieder einmal Recht behalten. Weder hat der Zionismus, den man schon schmunzelnd und händereibend zu Grabe getragen sah, aufgehört, seine Anhänger zu beglücken und seine Gegner — unnötigerweise natürlich — zu beunruhigen, noch sah sich der Antisemitismus, der irrtümlich als Stiefbruder des Zionismus oder gar dessen Erzeuger angesehen wird, veranlaßt, seine Wiederauferstehung feiern zu müssen. /Beide Erscheinungen sind immanent, die eine dem wahren Judentum, die andere dem unechten Christen- und Deutschtum. i Heute glaubt auch der doktrinärste Prediger der Nationslosigkeit der Juden nicht mehr an die erwartete, durch den, Krieg heraufgeführte goldene Zeit, in der der Jude nur mehr nach seinen menschlichen Eigenschaften werde gewertet werden. Von Ohr zu Ohr dringt raunend die Kunde, die man sich laut nur ungern eingesteht, es werde nicht besser, vielleicht sogar schlimmer werden. Man erinnert sich, daß selbst in den August- Tagen, des vorigen Jahres, bittere Klagen über die weitere Zurücksetzung der Juden ertönten, also fast unmittelbar, nachdem die Einheit und Einmütigkeit der Bevölkerung des Deutschen Reiches zum Postulat für die Kriegszeit erhoben worden war und sich in begeisterter Weise offenbarte.; Zwar schwieg der laute Kampf in seinem gelohnten Umfang und Getöse dank dem kräftigen pintreten der Behörden, Aber die Angriffe und die Versuche der Zivilbevölkerung, gegen die Juden als solche vorzugehen, haben nie aufgehört, j Da platzt nun ,im Reichstag das mühsam zugehaltene Ventil. Die Kritik an der Kriegsgetreide- Gesellschaft bietet die Gelegenheit, den lange zurückgehaltenen antisemitischen Gefühlen Luft zu machen. Nun haben wir's gehört. Verbrämt und mit der Möglichkeit der Retirade: Die Juden drücken sich von der Front. Der Zentrumsabgeordnete, Rechtsanwalt Dr. Pfleger, gewählt im fünften oberpfälzischen Reichstagswahlkreis Weiden, glaubte an dieser Körperschaft, die das Verdienst hat, daß uns unsere Feinde nicht aushungern konnten, den großen Prozentsatz der beschäftigten Juden aussetzen zu können. Andere Mitglieder des Reichstags erhoben dann ohne weitere Nennung der Juden den Vorwurf, von der Kriegsgetreide-Gesellschaft wären allzuviel Angestellte reklamiert worden. Das sind die schulgerecht aufgestellten Prämissen, deren logischer Schluß die Behauptung von der jüdischen Drückebergerei siein muß. Es ist nicht das erstemal, daß sich derartige Verdächtigungen gegen den Patriotismus der Juden ans Licht wagten. Merkwürdigerweise erhob schon vor Monaten eine bayerische Militärbehörde energisch Einspruch gegen die vielen unwürdigen die Juden betreffenden Angebereien. Selbstverständlich ist in solchen Fällen nicht nur die Judenschaft, sondern auch der Staat bemüssigt, sich von den Vorwürfen der Begünstigung .bestimmter Bevölkerungsschichten zu reinigen. Denn wo es Bevorzugte gibt, müssen auch Protektoren vorhanden sein. Und daß die Regierung an irgendwelchen Stellen erlauben würde, gerade die Juden vom Heeresdienste zu befreien, ist aus mehreren Gründen mehr als unwahrscheinlich. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir in einem jüdischen Blatte den Nachweis beginnen, wie ungerechtfertig und kränkend die Vermutung ist, wir täten nicht ebenso wie jeder nichtjüdische Bürger des Deutschen Reiches unsere Pflicht. Ihn anzutreten, werden wir später öfters herausgefordert werden. Die Antwort, belegt mit Ziffern und Zahlen, werden wir nicht schuldig bleiben. Wir brauchen uns ihrethalben nicht im geringsten zu ängstigen. Räudige Schafe gibt's überall. Es ist nicht zu ändern, wenn sich solche unter uns finden, deren Verfehlungen doppelt zu verurteilen sind. Die Schande, die sie uns antun, ist so groß, daß wir deren Gemeinschaft von uns weit zurückweisen müssen. Ohne Bedauern und ohne Sentimentalität. Sie haben sich nicht gescheut, den Antisemiten Waffen zu liefern, und wir keinen Anlaß, sie irgendwie in Schutz zu nehmen. Aber das ist ja gerade die Psychologie unserer Wiidersacher. Sie sehen den einzelnen Fall von Gemeinheit und behalten ihn im Gedächtnis. Aber die Zeichen und Proben ehrlicher, heißester Pflichterfüllung vergessen sie nur zu schnell. Wir werden uns dadurch nicht abhalten lassen, dem Vaterlande weiter mit freudigem Herzen zu dienen. Und weil wir es stets so gehalten und unsere Liebe zu ihm mit dem Blute unserer Väter, Brüder und Söhne besiegelt haben, wird uns nichts hindern, denen die Zähne zu zeigen, die uns als Gesamtheit fernerhin zu beschmutzen wagen. In dieser Verteidigung unserer Ehre werden wir nicht allein stehen. Denn, Gott sei Dank, hat der Krieg auch in größerem Maße dazu beigetragen, daß uns Angehörige anderer Konfessionen etwas besser kennen gelernt und eingesehen haben, daß wir es an Opfermut und Tapferkeit nicht fehlen lassen. Deshalb wollen wir uns über den Zwischenfall bei der letzten Tagung nicht sonderlich aufregen. Unser Bewußtsein ist rein. Nur deuten wir ihn