Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1915-08-27 · 34 (27.8.1915) · p. Seite 273

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
34 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 273 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102856-9116232--00466-9073293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34 Das Jüdische Echo 273 schmachten, verstreut auf der Erde leben und der Meschiach noch immer nicht kommen wolle Faß ten sie in einer heiligen Nacht den gewaltigen Beschluß, mit ihrer Geisteskraft, mit ihres Uerllnl Willen den Meschiach zu zwingen Herzens Sie fingen an sich zur Beschwörung vorzubereiten durch dreitägiges Fasten, das sie mit Unsie sich in den Schnee. Sie hielten sich während dieser Zeit fern von ihren Frauen, und beteten und forschten mehr, als sie je in ihrem ganzen Leben getan. Als sie sich genug geistig gereinigt glaubten, standen sie um die Stunde, in der man Chazos zu machen pflegt, auf, und gingen auf die hohe Terrasse der Synagoge und beteten jeder einzeln inbrünstig und heilig. Dann traten sie zusammen sprachen geheimnisvolle, gewaltige Namen Gottes aus, welche sie noch niemals gewagt hatten, über ihre Lippen zu bringen und es zitterte ihnen das Herz dabei und ihre Kniee wankten. Da ertönte in der Luft das Bas kol, die Stimme eines Unsichtbaren: „Wenn ihr nicht ablasset von euerem inbrünstigen Denken und von euerem zwingenden Tun, muß die Welt aus den Fugen weichen und zu Grunde gehen, denn ihr wollt beschleunigen, wozu es nach dem Ratschluß Gottes noch nicht Zeit ist." Alle drei stürzten auf ihr Angesicht und hörten atemlos, was die Stimme weiter zu ihnen sprach: „Einer von euch muß sich aus der heiligen Stadt entfernen, denn nur drei zusammen können den Meschiach zwingen." Die Drei horchten noch weiter, aber die Stimme tönte nicht mehr und sie erhoben sich totbleich von der Terrasse und wußten, was sie zu tun hatten. Jeder schrieb seinen Namen auf ein Pergamentlättchen, sie taten diese in ein Buch, und bestimmten, daß derjenige, dessen Name gezogen würde, Jerusalem sogleich verlassen müsse. Noch an demselben Tag rüstete sich Josef Azulai zur Abreise und niemand in der Gemeinde konnte begreifen, warum er plötzlich die heilige Stadt verlasse und allen tat es um den frommen Rabbi leid. Er schiffte sich in Jaffa ein nach Livorno, wo er einen strengen Wandel führte, meist in schweigender Betrachtung sein Leben hinbrachte und, als er gestorben war, den Ruf eines großen Kabbalisten hinterlassen hat. Viele Jahre waren seit dieser Begebenheit vergangen, und Rabbi del Rosa lag, von seinen Schülern umgeben, zu sterben und er sprach zu ihnen: „Wenn ich tot sein werde, so tragt mich nicht aus dem Hause; ergreift meine Beine und schleifet mich die Treppe hinab durch die Stadt, durch das Zionstor, bis hinaus in das Tal Josafat und werft mich in die Grube." Die Schüler ergriff ein Grauen und sie fürchteten sich vor dem Sterbenden. Als der Rabbi tot und die Leichenwaschung beendet war und die Totenklage anhob, da legten sie die Leiche auf eine Bahre und trugen sie auf ihren Schultern hinaus „in das Haus des Lebens", denn sie trugen Scheu, den letzten Willen des Sterbenden zu erfüllen. Als sie die Bahre hinsetzten, kamen Männer aus dem Dorfe Siluam, das oberhalb des jüdischen Begräbnisplatzes liegt, und fingen wegen einer nichtbezahlten Schuld mit den Juden Streit an. Die Juden, weil sie unbewaffnet waren, mußten fliehen und die Fellachim ergriffen, um ihr Schmach anzutun, die Leiche bei den Beinen, schleiften sie über die Grabsteine, so daß das Haupt zerschmettert wurde und warfen sie dann in die Grube. Von Rabbi Schalom Scharebi habe ich rnrhts erzählen gehört und weiß nicht, welchem Tode er verfallen ist Welt-Echo Englische Zensur. Die englische Regierung hat das Erscheinen des jüdischen Tageblatts. „Die Zeit", welches wichtige Artikel und, Dokumente über die Judenverfolgungen in Rußland veröffentlichte, untersagt. Auflösung eines Lodoner russisch - jüdischen Hilfskomitees. Die Londoner jüdische Zeitung „Die Welt" bringt folgende Aufsehen erregende Mitteilung: „Die englisch-jüdische Kolonie ist im Begriff eine Tat zu begehen, welche ein großes Unrecht gegen ihre russischen Brüder darstellt. In der Zeit der berüchtigten russischen Pogrome hatte sich in England ein Komitee gebildet,: das große Geldsummen zum Besten der unglücklichen Pogromopfer sammelte. Das gesammelte Kapital betrug über eine Million Rubel. Von dieser bedeutenden Summe ist noch ein ansehnlicher Teil nicht zur Verteilung gekommen. Das Komitee trägt sich jetzt mit der Absicht, sich aufzulösen und, :&tatt das Geld den kriegsnotleidenden russischen Juden zu gute kommen zu lassendes der Organisation „Board of Guardiens" zu übergeben. Ein Protest des „Bunds". Das Zentralkomitee der jüdischen Arbeiterorganisation in Rußland („Bund") hat folgende Erklärung veröffentlicht, die auf unlegalen Arbeiterversammlungen angenommen wurden: „Der Krieg hat nicht nur nicht die antisemitsche Pogrompolitik der russischen Regierung abgeschwächt, sondern im Gegenteil bedeutend erweitert und verstärkt. Zu einer Zeit, wo das Land die schwersten Gefahren und Erschütterungen zu überstehen hat, unternimmt es die Regierung gleichzeitig mit der Deklarierung der Phrase von der „Befreiung der Völker", diese selben Völker zu unterdrücken und das jüdische Volk mit physischer Vernichturrg zu i bedrohen. Wie früher sind auch jetzt die Juden der Sündenbock, an welchem die russische Regierung für ihre eigene Unfähigkeit und die Fäulnis des Zarischen Regimes Rache nimmt ... Wir jüdische Sozialdemokraten halten es für unsere Pflicht, die Welt mit den mörderischen jüdischen Verfolgungen bekannt zu machen. Wir fordern alle diejenigen zum Protest auf, die noch nicht ihr politisches Gewissen verloren haben, welche die Gefahr begreifen, die von einem kleineu Häufchen Mörder droht, welche Millionen russischer Soldaten in wilde Horden verwandeln . wollen. Wir wenden uns ferner an das internationale Proletariat,/ 'welches die Pflicht hat, vor der Weit die blutigen Judenverfolgungen aufzudecken und zu bekämpfen. Von euch, dem Proletariat der Länder, die mit Rußland verbündet sind, fordern wir, daß ihr euere Regierungen zum Protest gegen die unmenschliclje Grausamkeit ihres russischen Verbündeten^ auffordert. Endlich wenden wir uns an die Sozialisten der neutralen Länder, besonders an Amerika und die Länder, wo der Zarismus Sympathie und Entgegenkommen findet. Die Sozialisten der neutralen Länder sind verpflichtet, ihre Schuldigkeit zu tun und dafür zu wirken, daß der Zarismus in ihrer Heimat die Beurteilung findet, die er durch seine verbrecherischen Taten verdient."'. Erleichterungen in der Aufnahme jüdischer Studenten an russischen Universitäten. Der russische Ministerrat hat auf seiner Sitzung vom 6. August einstimmig das Projekt des BÜdungsministers Graf Ignatiew, im Jahre 1915 Juden an den Universi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.