Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 34 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 271 ig. Deutschland ist und bleibt auf absehbare Zeit für viele Juden das klassische Land des theoretischen und gesellschaftlichen Antisemitismus der Ausgangspunkt, von dem er seinen Siegeszui sre nommen hat, und sie verzeihen es ihm umso weniger, weil sie sonst Deutschland als hochkultivierten Staat schätzen. Will, also Deutschland für sich die Sympathien der Juden, deren es zur Verfolgung seiner weltwirtschaftlichen Pläne nicht entraten kann ohne sich selbst zu schaden, erhalten und mehren, dann muß der den Juden gegenüber eingeschlagene Kurs im In- und Auslande eine andere Richtung nehmen „Die Zahl der deutschsprachigen Auslandsjuden entspricht der gesamten Einwohnerschaft von Bayern, Württemberg und Baden zusammengenommen. Oder der fünffachen Einwohnerzahl Berlins. Oder der Hälfte der deutschen Katholiken. Sie ist fast so groß wie die Zahl der Deutschen und größer als die der Magyaren in der Habsburgischen Doppelmonarchie. Alles das betrifft aber nur die Z a h 1," nicht also die dem jüdischen Element anhaftenden Qualitäten. Daß die Juden außerhalb Deutschlands ihre Fähigkeiten unter allen Umständen in den Dienst der deutschen Sache stellen, wird man nach dem oben Gesagten nicht verlangen können. Sie werden es gern tun, sofern sie gewahren, daß die aus den gemeinsamen Interessen entspringenden Sympathien auch Gegenliebe finden. Den Prozeß der Entdeutschung der Juden aufzuhalten, haben die Deutschen m. E. ein weit größeres Interesse als die Juden. Denn wenn auch „eine Ablösung des Deutschen durch viele andere Sprachen einen weiteren Zerfall der verstreuten Judenheit begünstigt", — sie wird nicht zu verhindern sein, indem man den ein deutsches Idiom sprechenden Massen klar zu machen sucht, daß ein Verlernen des Deutschen ein Schaden für den Zusammenhang des jüdischen Volkes sei. Nur eine greifbar deutliche Einsicht wie die, sich mit denen verständigen müssen zu können, mit welchen man geschäftliche Verbindungen pflegt, würde imstande sein, die Sprachgemeinschaft beider Völker aufrecht zu erhalten. Demnach müßte Deutschland die Initiative ergreifen, wenn ihm daran gelegen ist, seine Weltstellung zu fördern. Und das geschieht nach alter Erfahrung am besten auf die Weise, daß für die Ausbreitung der Sprache des Staates gesorgt wird, der nach Weltgeltung strebt, vor allem dadurch, daß man sie nicht durch andere Einflüsse verdrängen läßt. Diese den deutschen Absichten feindlichen Einflüsse können aber in unserem Falle nur dann ausgeschaltet werden, wenn man es bei dem jüdischen Volke mit den ihm gegenüber nicht allzuoft betätigten, aber wohlbewährten „moralischen Eroberungen" versucht, politischem Handwerkszeug, das nach der Ansicht bedeutender Persönlichkeiten in Zukunft im allgemeinen viel fleißiger gehandhabt werden muß, als es bisher geschehen. Sympathien sind wandelbar. Sie werden durch gemeinschaftliche Interessen hervorgerufen und festgehalten, vermögen aber schneller zu verschwinden, als man anzunehmen geneigt ist, wenn trotz der Interessengleichheit der eine Partner zu Unrecht absichtlich gekränkt und verletzt wird. Wie Deutschland will. Es hat in der Judenfrage die Wahl und kann sich die Dankbarkeit des jüdischen Volkes in Zukunft ebenso erwerben« wie die natürlichen, wohlgemerkt nicht n u r durch das Sprachliche verursachten Sympathien verscherzen. Zum Wohl und Glück beider Teile hoffen wir alle auf eine der Gerechtigkeit und der Mission des deutschen Volkes, über die im letzten Jahre mehr denn sonst geschrieben wurde, entsprechende Wandlung seines Verhaltens zur jüdischen Gesamtheit. N. W. Der jüdische Änteil an der wirtschaftlichen Expansion Deutschlands Von Davis Trietsch in Berlin. Aus der Broschüre „Juden und Deutsche, eine Sprach- und Interessengemeinschaft". Auf dem Gebiete der Sprache ist das Auslandsjudentum ein bedeutender Faktor für Deutschlands Weltwirtschaft. Es ist aber nicht unwichtig, auch darauf hinzuweisen, eine verhältnismäßig wieviel größere Rolle als ihre nichtjüdischen Mitbürger die deutschen Inlandsjuden in der Weltwirtschaft spielen. Die Juden bilden mit ihren ca. 620 000 Köpfen numerisch nur ein Prozent der Einwohnerzahl Deutschlands. Es gibt keinen exakten Berechnungsmodus, mittels dessen man feststellen könnte, um ein wie Vielfaches ihrer Anzahl sie in den deutschen Auslandsbeziehungen ins Gewicht fallen. Aber einen Begriff davon werden die nachstehenden Ausführungen wohl vermitteln. Zunächst und zumeist kommt hier in Frage, daß die ungefähre Hälfte der deutschen Gesamtbevölkerung, nämlich die agrarische, in der Weltwirtschaft Deutschlands sozusagen eine passive Rolle spielt. Weil die deutsche Landwirtschaft nicht genug produziert, ist Deutschland gezwungen, enorme Summen (im Jahre 1908 über P/2 Milliarden Mark) ans Ausland zu bezahlen. Es klingt vielleicht sehr kühn, läßt sich aber weitgehend belegen, daß die deutsche Landwirtschaft viel leistungsfähiger wäre, wenn die Juden sich mehr um sie kümmern würden. Was ihr fehlt, ist mehr Unternehmungsgeist, mehr Wissenschaft und mehr Technik. Es gibt Leute, die da sagen, die Landwirtschaft werde nicht eher zu einer wirklichen Blüte kommen, als bis sie den rückständigen Landwirten aus der Hand genommen und durch gute städtische Elemente betrieben oder wenigstens doch geleitet würde. Der kaufmännisch geschulte Pächter, der Finanzfachmann, der Wissenschaftler sind berufen, die zurückgebliebene Landwirtschaft auf die Höhe der anderen, mit der Zeit mitgegangenen Wirtschaftszweige zu bringen. (Dieses Urteil über die Landwirtschaft Deutschlands war lange vor dem Kriege niedergeschrieben, behält aber seine Gültigkeit, obwohl sie zum Staunen der Feinde Deutschland vor jeder „Aushungerung" sicherstellt, und obwohl sie — was am deutlichsten aus den Ernteziffern per Hektar hervorgeht — turmhoch über der Landwirtschaft jedes anderen Landes steht. Trotz alledem fehlt es in der „judenreinen" deutschen Landwirtschaft noch allzu sehr an jener überlegenen Durchbildung, wie die in höherem Maße von Juden beeinflußten Berufe und Erwerbszweige sie aufweisen .. Die dem Kriege folgenden Jahre werden voraussichtlich erkennen lassen, wie viel unabhängiger Deutschland schon längst auch bezüglich der Nahrungsmittelversorgung hätte dastehen können.) In ähnlichem Sinne sagte der bekannte englische Dichter und Sozialist Bernhard Shaw (bei Gelegenheit einer Gartenstadtkonferenz): „Ich weiß, daß wir alle, und besonders die Städtebewohner unter uns, der Meinung sind, die Landwirtschaft sei ein edler Beruf, der Gesundheit und Freude und Kraft in sich birgt und die Erneuerung des Volkslebens. Meine Ansicht aber ist, daß