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Das jüdische Echo · 1915-08-27 · 34 (27.8.1915) · p. Seite 270

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
34 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 270 (sequence 2)
Language
German
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270 Das Jüdische Echo Nr. 84 meindenverband bei der Staatsregierung: in jüdischen Gemeindefragen oft gutachtlich gehört werden. Eine Reihe von dringlichen Fragen wird der Krieg an die Gesamtheit der bayerischen Juden stellen. Die rituelle Versorgung von Kranken, Verwundeten, Siechen, Waisen u. v. a. verlangen entsprechende Anstalten in nötiger Anzahl. Das darf nicht dem Zufall überlassen werden. Das muß jetzt schon vorbereitet werden. In großzügiger Weise kann das schlechterdings nur durch eine Zusammenfassung aller verfügbaren Kräfte zustande gebracht werden. Diese finden sich am natürlichsten in einem Gemeindeverbande zusammen. Eine gut organisierte jüdische Fürsorge kann wohl auch auf staatliche Zuschüsse rechnen. Daß, soweit als möglich, die zu errichtenden Anstalten aufs Land kommen, liegt sowohl im Interesse der Sparsamkeit als auch der notleidenden Landgemeinden. Grund und Boden ist billig, die Bewirtschaftung einfach; dabei können landwirtschaftliche Haupt- und Nebenbetriebe zu Musterwirtschaften sich entwickeln. Ein Kranz von jüdischen Handwerkern und Gewerbetreibenden werden sich ansiedeln und zur Hebung des Handwerks, der Landwirtschaft unter den Juden beitragen. Es würde zu weit führen, hier ins Einzelne zu gehen. Die führenden Männer der bayerischen Kultusgemeinden mögen diese Vorschläge in wohlwollende Erwägung ziehen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und wenn aus der Kriegsnotwendigkeit dauernde segensvolle Einrichtungen hervorgehen werden, wollen wir ausrufen: Garn su l'towa! Deutsch-jüdische Interessengemeinschaft Der Höhepunkt des Weltkrieges dürfte überschritten sein. Wir nähern uns allgemach seinem Ende. Die gewaltsame Auseinandersetzung mit ihren noch unübersehbaren Folgen hat in allen Lagern zur Überprüfung der als Axiome geltenden Ansichten geführt. An den Ereignissen selbst erprobten sich die Bündnisse, die Freundschaften als echt oder falsch, Gegnerschaften als eingebildet oder notwendig. Es gärt bei unseren Feinden. Auch bei uns brodelt es unter der Decke. Allerdings in einem anderen, glücklicheren Geiste. Der Wille, die Früchte des Sieges auszukosten, wird in den Ländern der verbrüderten Zentralmächte und der Türkei die Epoche eines neuen sozialen und politischen Lebens einleiten. Neugewonnene Erkenntnisse führen zur Zeitenwende, deren historische Bedeutung wir noch gar nicht abschätzen können. Es scheint so, als ob nach dem Friedensschlüsse gar manches in sein Gegenteil verkehrt werden würde. Wir werden es auf verschiedenen Gebieten erleben, vor allem auf dem der äußeren und inneren Politik. Zwischen den Deutschen und Juden ist bisher das Verhältnis nicht im gewöhnlichen und höherem Sinne zufriedenstellend gewesen, wie man es zum beiderseitigen Wohle hätte wünschen mögen. Daß es erträglicher gestaltet werden muß, wenn Deutschland begreift, wessen es bedarf, legt Davis Trietsch in einer gründlichen Abhandlung „Juden /und! Deutsche, eine Sprach- und Interessengemeinschaft" dar. (Verlag R. Löwit, Wien 1915. Oktav. 60 S. M. 1.—) Die von Davis Trietsch betonte „Interessengemeinschaft zwischen Juden und Deutschen geht zurück auf eine breite „Sprach" - gemeinschaft. Nach seiner Aufstellung sind fast neun Zehntel der Judenschaft der Welt deutschsprachig. Es wird an amtlichem statistischem Material und an Hand von einleuchtenden Schätzungen nachgewiesen. Die Behauptung Trietschens ist so überraschend, daß natürlich hinter seine Berechnungen Fragezeichen gesetzt wurden. Es ist aber nicht ausschlaggebend, „ob von den ca. 14,3 Millionen Juden volle 12,9 Millionen oder einige Hunderttausend weniger — sagen wir selbst nur 10 Millionen — dem Ausbreitungsgebiet der deutschen Sprache zuzurechnen wären." Es kommt vielmehr auf die Bedeutung der zwischen Juden und Deutschen bestehenden Sprachgemeinschaft an. Kenntnis derselben Sprache ist bei zweckentsprechendem Verkehr unterschiedlicher Menschengruppen der günstigste Nährboden für politisch zu verwertende Sympathien. Beweis dafür, daß alle Entnationalisierungsbestrebungen herrschender Völker damit beginnen, den Objekten ihrer Wünsche deren Sprache durch Einführung der eigenen zu rauben. Beispiele bietet der österreichisch-ungarische Staat in Menge. Germanisierung, Slavisierung, Magyarisierung beginnen mit Schulgründungen innerhalb der fremden Sprachgrenzen. Aus der Tatsache, daß das jüdische Volk in seiner Mehrheit des Deutschen oder, wenn nicht des Schriftdeutschen so doch eines deutschen Dialektes, als der vielgeschmähte „Jargon" immer mehr anerkannt wird, mächtig ist, hat die deutsche Politik bislang noch nicht Kapital geschlagen. Hinderungsgrund: der Antisemitismus. Aber man beginnt zu verstehen, „was die Sympathien eines Vierzehnmillionenvolkes bedeuten können. Die Gegnerschaft sehr viel kleinerer Nationen, die den Deutschen jetzt so viel zu schaffen machen", sagt Trietsch in seinem Geleitwort, „hat den Blick dafür geschärft." „Dankbar wirid anerkannt, daß (nächst der deutschen) die jüdisch-deutsche Presse der Vereinigten Staaten eine Hauptstütze der deutschen Bemühung zur Verbreitung der Wahrheit ins Ausland bildet, und freudig wird von deutscher Seite die dargebotene Hand der Juden ergriffen". Man braucht sich deshalb nicht einzubilden oder der deutschen Öffentlichkeit weiß zu machen, daß alle Juden ohne Ausnahme auf Seiten Deutschlands stehen. Die Gegner des jüdischen Nationalismus hätte es so gerne wahrgehabt und versuchten zu Beginn des Krieges einigemale die Beweisführung, daß dem so sein müsse. Wie sehr sie damit ihre eigene Theorie von der ausschließlichen Konfessionalität der Juden im Stich ließen, haben sie wohl nicht bedacht. Die Stellung der Juden in den kriegführenden Ländern war vor allem von ihrer angestammten Liebe zum Vaterlande bedingt. Nicht einmal alle russischen — ich nehme die polnisch-russischen von der Betrachtung, um mich nicht bei den hier verwickelten Verhältnissen aufhalten zu müssen, aus — wünschen einen Sieg Deutschlands. Denn erstens hat Deutschland die Liebe der bildungshungrigen jüdischen Studenten aus Rußland, deren Stimmung weiter in die Massen getragen wird, nicht zu erwerben gewußt und zweitens identifizieren die Juden in Rußland nicht Regierung und Volk. Grollen sie auch den Machthabern wegen der Verfolgungen, so verehren sie ehrfürchtig den gemeinen Mann wegen seiner slavischen, großen kindlichen Seele. Auch in den neutralen Ländern liegen die Verhältnisse nicht so eindeu-

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