Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 33 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 265 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Das Jüdische Echo 265 für ihre bürgerliche Stellung erblicken, und die ihr Heil einzig und allein im völligen Aufgehen in anderen Nationen erblicken, rufen wir die Worte zu, die der jüdische Feldherr an seine Soldaten vor der Schlacht zu richten pflegte: „Jeder Zaghafte und Weichherzige bleibe zu Hause." Eine Nation wie Israel, die seit 3000 Jahren, auch ohne allen Schulzwang, keinen Analphabeten in ihrem Schöße duldet, eine Nation, der selbst alle Mächte der Holle im Verlaufe von Jahrtausenden ihr nationales Bewußtsein nicht haben rauben können, besitzt noch Lebenskraft genug, um ein selbständiges nationales Dasein zu führen und kann sich nicht selbst aufgeben. Als Nation haben wir unsere taten- und einflußreiche. Geschichte und der erste Freiheitskampf, den die Weltgeschichte aufzuweisen hat, ist der Auszug unserer Väter aus Ägypten, mit dem erst die Geschichte der Völker anfängt. Aber die Geschichte Israels ist die Geschichte des welterobernden Gedankens. Die erste geordnete humane Gesetzgebung ist die jüdische. Unsere uralte klassische Literatur ist unter dem Namen Bibel in alle zivilisierten und halbzivilisierten Sprachen übersetzt, sie dient Hunderten, Millionen von Familien als Haus- und Erbauungsbuch. Unserer Gesänge (Psalmen) bedienen sich die Priester aller Konfessionen. Der jüdischen Nation fehlt zur Vollständigkeit bloß ihr Vaterland. Darüber wollen wir eben beraten. Uns ist die Furcht der Assimilanten vor der Besiedelung Palästinas mit Juden nicht einleuchtend. Wieso können diese den unter den Völkern zurückgebliebenen Stammesgenossen schädlich werden? Bis jetzt bestehen bereitsi 32 Judenkolonien im heiligen Lande und wir fühlen uns durch sie gar nicht beeinträchtigt; ebensowenig hat die Palästina-Ausstellung in Berlin, Köln und Breslau irgend welchen Nachteil verursacht. Ebensowenig schaden uns die sonstigen zahlreichen jüdischen, tatkräftigen, unternehmungslustigen Einwanderer nach Jerusalem und anderen Städten des heiligen Landes. Aber der Kongreß, ja der Kongreß! Dieser Kongreß ist, abgesehen von dem auf demselben zu behandelnden Gegenstande, nichts anderes, als eine öffentliche Volksversammlung, um gegen die 1800jährige Verfolgung, Bedrückung und Vergewaltigung zu protestieren, gleich jeder anderen in ihrem Rechte gekränkten und beeinträchtigten Minorität. Während unsere Menschenrechte von allen Seiten geschmälert werden, sollen wir uns des einzigen, das uns übrigbleibt, des Rechtes der Klage selbst begeben? Wir Juden haben, trotz unsäglichen nie endenwollenden Unrechtes, das wir zu erleiden haben, an der Menschheit nicht verzweifelt, und in der Hoffnung, daß weder der Antisemitismus!, noch die mißverstandene und verkehrt ausgeübte christliche Liebe das öffentliche Gewissen in Europa ausgelöscht haben, beabsichtigen wir, an dieses Gewissen zu appellieren. Wir haben uns zu beschweren gegen Regierungen, Völker und Priestertum. Eine Zeit lang haben wir in der uns lieb gewonnenen arischen Zivilisation unser Heil zu finden geglaubt. Aber sie hat uns verraten. Schon Jeremias klagt: „Ich rief meine lieben Freunde und diese haben mich verraten." Als unsere Vorfahren aus Ägypten zogen, schlössen sich ihnen viele Assimilanten an. Aber sie hatten nicht den Mut, gegen ein widriges Schicksal zu kämpfen und riefen bei der ersten Widerwärtigkeit, die sich ihnen darbot: „Setzen wir uns ein Oberhaupt und kehren wir nach Ägypten zurück. Wir müssen der brutalen Übermacht ausweichen und in unsere alte Heimat zurückkehren, und wenn unsere Mission unter den Nationen wirklich noch nicht erfüllt wäre, so wollen wir das Versäumte von dort nachholen. „Denn von Zion allein geht die Lehre aus und Gottes Wort bloß von Jeruscholaim." Deutsche und Juden in Polen*) Von W. Kaplun-Kogan. Mit der Einnahme Warschaus ist nicht nur die polnische, sondern auch die Frage der Ostjuden in ihrer ganzen Bedeutung für die deutsche Politik in den Vordergrund gerückt. Warschau ist das größte jüdische Zentrum Europas, das zweitgrößte in der Welt. Die jüdische Bevölkerung der Stadt betrug im Jahre 1910 306 061 Seelen und machte mehr als 39 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Warschau ist das Herz des Ostjudentums, die Metropole jüdischer Kultur, dort erscheinen die meisten jüdischen und hebräischen Zeitungen, deren Gesamtauflage etwa eine halbe Million Exemplare erreicht, von dort gingen die wertvollsten Anregungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Wissenschaft aus. Denn speziell in Warschau gibt es eine breite Mittel- und Oberschicht von gebildeten Juden: Großkaufleute und Industrielle, die an der Kultur und an der Sprache ihres Volkes festhalten, sowie Akademiker und hochgelehrte Rabbiner. Durch die Einnahme von Warschau sind die Juden in Polen von der russischen Knechtung erlöst; sie sind von der Hoffnung getragen, daß ihre politischen und sozialen Bestrebungen nunmehr in Erfüllung gehen werden. Warschau ist keine rein-polnische Stadt mehr; denn neben dem großen Prozentsatz der Juden gibt es auch noch eine ansehnliche Zahl von Deutschen. Zusammen machen Deutsche und Juden die Mehrheit der Warschauer Bevölkerung aus, so daß sich das Majoritäsverhältnis im Vergleich mit anderen polnischen Zentren (Lodz) zu Ungunsten der Polen verschiebt. Es liegt im deutschen Interesse, diese Tatsache mit allem Nachdruck zu betonen. Welche staatsrechtliche Stellung Warschau in Zukunft auch einnehmen möge, die Rechte der deutschen und jüdischen Bevölkerung werden dort geschützt werden müssen, weil dieser Schutz für das Gedeihen der Stadt und für die Kräftigung des Deutschtums im Osten von allergrößter Bedeutung ist. So wird auch ohne Zweifel das große Werk der Verwaltung Warschaus auf Grund der gerechten und großzügigen Städteordnung, die Generalfeldmarschall v. Hindenburg für die von den Deutschen besetzten östlichen Städte erlassen hat, in vollem Einklang mit der Tatsache durchgeführt werden, daß die Warschauer Bevölkerung eine gemischtnationale ist. Den Bedürfnissen der verschiedenen Nationalitäten der besetzten Städte ist schon jetzt in verständnisvoller Weise Rechnung getragen worden. Die Juden Warschaus haben unter der russischen Gewaltherrschaft, der sich der polnische Boykott zugesellte, unendlich viel zu leiden. Die- *) In der deutschen „Lodzer Zeitung" war zu lesen, daß Warschau „eine typisch polnische Stadt" sei. Die damit von polnischer Seite erhobenen Ansprüche wurden mit den nachfolgenden Ausführungen Kaplun-Kogans zuerst in der Vossischen Zeitung ins rechte Licht gesetzt. Die Frankfurter Zeitung und nach ihr andere Blätter bekannten sich dann durch den Nachdruck des Artikels zu demselben Standpunkt. D. R.