Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 33 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Das Jüdische Echo 263 An unsere jüdischen Mitbürger Rosch Haschonoh steht unmittelbar vor der Türe und mehr als in anderen Jahren haben wir das Bedürfnis, dem Nächsten unsere Wünsche darzubringen, da unsere Herzen voller Hoffnungen und Empfindungen sind. Es ist seit Jahren ein schöner Brauch, sich durch Spenden, die in der Presse bekannt gegeben werden, von schriftlichen Glückwünschen seinen Verwandten und Freunden gegenüber zu befreien. Unser jüdisches Volk im Kriegsgebiet wie in Palastina hat ein so trostloses Jahr hinter sich, daß es unsere vornehmste und heiligste Pflicht ist, keine Gelegenheit zu versäumen, dort zu helfen, wo es dringend nottut. Während allenthalben für unsere Glaubensbrüder und -Schwestern in Polen nach Möglichkeit lindernd eingegriffen wird, dürfen wir auch unserer Brüder in Palästina nicht vergessen, die das denkbar schwerste Jahr überstehen und voraussichtlich noch lange unter seinen Folgen zu leiden haben. Nicht nur der Krieg, den der türkische Bundesgenosse gegen unsere gemeinsamen Feinde führt, hat Palästina vollständig lahmt gelegt, so daß es angesichts seiner bezüglich der Kriegsführung ungünstigen, geographischen Lage einer Hungersnot preisgegeben war, das Land wurde auch heuer von einer katastrophalen Heuschreckenplage dreimal überschwemmt, der fast die ganze Ernte — bis jetzt 75 Prozent — zum Opfer fiel. Selbst die Baumrinden der liebevoll gepflegten Ölbaumsiedelungen sind abgefressen. Unsere jüdischen Kolonien, die Hoffnung der Zukunft, gehlen großen Gefahren entgegen, falls wir nicht schleunigst und reichlichst helfen. Wir richten daher an unsere jüdischen Mitbürger die dringende Bitte, in diesem Jahre die Glückwunsch-Ablösungen der Notstandsaktion des Jüdischen N a t i o n a 1 f on d s zuzuwenden. Es ist Hilfe für unsere Brüder wie für den türkischen Bundesgenossen, der an der Entwicklung Palästinas die denkbar größten Interessen hat. Hier treffen sich deutsche, jüdische und türkische Interessen. Die Beträge — ganz nach Vermögen und Selbstbesteuerung — sind zu senden an Arnold, Marie, München, Karlstraße 30. Die Ablösungen werden im Jüdischen Echo" namentlich bekanntgegeben. Die Jüdischen Nationalfondskommissionen Bayerns. den so sympathisch sein als der des NF mit seiner •bodenreformerischen Tendenz. Diese wird die neuen Jüdischnationalen nur noch naher bringen dem neuen Gedankenkreis, der sich ihnen erschlossen hat und sie werden gern mithellen, die etzten Worte von Herzl's „Judenstaat" zu verwirklichen: ,„Und was wir dort nur für unser eigenes Ge- .deihenversuchen, wirkt machtvoll begluckend hinaus zum Wohle aller Menschen. Gehen wir zu weit, wenn wir das auch als eine Erlös u n g werten? pJrTKarl Lippe | In diesen Tagen starb zu Wien im hohen Alter von 85 Jahren Dr. med. Karl Lippe aus Jassy. Der Verblichene wurde 1830 in Stanislau geboren. Er war seines Berufs Arzt. Eine umfangreiche Praxis hinderte ihn nicht, energische und wirkungsvolle Arbeit für das Judentum zu leisten. Insbesondere sind ihm die rumänischen Juden für sein mutiges Eintreten in schwersten Zeiten zu dauerndem Dank verpflichtet. Denn einerseits verteidigte er seine Leidensgenossen im Lande selbst gegen die auf sie von allen Seiten eindringenden Angriffe, andererseits trug er viel dazu bei, die Öffentlichkeit außerhalb Rumäniens mit der wahren Lage der jüdischen Bevölkerung dieses Staates bekannt zu machen. So veröffentlichte er in der französisch geschriebenen rumänischen Zeitung „Echo Danubien" 1869 in 15 Fortsetzungen die „Causeries historiques". Sie behandeln die Ethik der Talmuds und der rabbinischen Literatur und sind zur Verteidigung der von jüdischen Konvertiten ausgegangenen Verleumdungen der jüdischen Lehre verfaßt. In dem Bacauer Blatte „Vocea apparatorului" veröffentlichte Lippe 1873 eine gleichfalls der Aufklärung dienende Artikelserie über den „Talmud, mit kritischem Blicke betrachtet und mit der modernen Wissenschaft verglichen". An weiteren Arbeiten auf politischem Gebiete seien genannt: „Die rumänische Judenfrage vor dem (Berliner) Kongre&s", eine erschöpfende Darstellung von 1850 an (1878) und die 1879 erschienene rumänische Schrift „Der Emanzipationskampf der rumänischen Juden in seinem geschichtlichem Verlaufe". Für dieses Auftreten wurde Dr. Lippe von den antisemitischen Behörden mit Verfolgungen der mannigfachsten Art belohnt, nicht zuletzt durch Angebereien von jüdischer Seite, die eine Anzahl von Prozessen zur Folge hatten. Lippe ließ sich dadurch nicht abschrecken. Er wirkte weiter in der von ihm beschrittenen Bahn. 1875 brachte die „Österreichische allgemeine Freimaurerzeitung" einen Aufsatz von ihm „Die Zionsverbrüderung in Rumänien", worin er die Berechtigung des Zionismus mit dem Hinweis auf die Rechtlosigkeit der rumänischen Juden nachwies. Lippe gehörte zu dem Kreise von Palästinafreunden, die schon Jahrzehnte vor dem Auftreten Theodor Herzls für eine Wiederbesiedelung des Heiligen Lande® tätig waren. Und wir finden ihn, einen der ältesten Chowewe-Zionisten, bei allen darauf hinzielenden Unternehmungen an hervorragenden Stellen mitwirken. Als dann ein neuer Schwung in die Bewegung kam, schloß sich Lippe dem politischen Zionismus an, der ihm berufen schien, das zu vollenden, was früher nur vereinzelte Kräfte mit schwachen Mitteln durchführen wollten. Als Alterspräsident des ersten Zionistenkongresses in Basel" wird sein Name in der jüdischen Geschichte unvergessen bleiben. Noch ein zweites Mal war es ihm vorbehalten, einen Zionistenkongreß zu eröffnen. Es war der 1904 in Wien tagende sogenannte „kleine Kongreß", dem Herzl selbst, schon berührt vom Schatten des Todes, kaum mehr beiwohnen konnte. Lippe war ein gründlicher Kenner des gesamten jüdischen Schrifttums. Er war von seinem 16. Jahr an publizistisch tätig und schrieb nicht nur für deutsche, französische, polnische und rumänische Blätter, sondern auch für mehrere hebräische Zeitschriften Abhandlungen, deren Zahl mehrere Hundert beträgt.