Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 33 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9102856-9116231--00454-9073281- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 Das Jüdische Echo Nr. 33 warten nicht einmal die teutonischsten aller Juden, trotz aller jüdischen Reserve - Offiziere und der Tausende von an Juden verliehenen Eisernen. Kreuze. Doch wollen wir diese unsere häuslichen Sorgen jetzt außerhalb unserer Betrachtung lassen und uns Dingen zuwenden, die alle Kulturmenschen angehen. Denn da zeigt sich etwas, was unsere Hoffnung auf ein Gutes durch den Krieg in eine bestimmte Richtung weist, i Wir denken an die Gemein Wirtschaft, an den Staatssozialismus, der sich im Verlaufe des Krieges entwickelt hat. Eine Entwicklung, die wir vor dem Kriege kaum für möglich gehalten hätten und die unmöglich nach Beendigung des Krieges wieder spurlos aus dem Leben der Völker verschwinden kann. Ein in München lebender Jude, Edgar Jaffe, ein aus dem Kaufmannsstande hervorgegangener bekannter Volkswirtschaftler, schrieb schon im Dezember: „Eines aber ist gewiß; nach diesem Kriege, im kommenden Frieden, wird unser Wirtschaftssystem nicht mehr das gleiche sein wie vorher. Ob wir wollen oder nicht, der Krieg wird auch hier einen ungeheuren Ruck nach vorwärts bedeuten, und dieser Fortschritt kann kein anderer sein als der auf dem Wege zur Gemeinwirtschaft. Was heute unter dem Drucke der militärischen Notwendigkeiten geschieht, wird und kann mit diesem nicht wieder verschwinden; wahrscheinlich sind diie Kriegsmaßregeln nur der Auftakt zu prinzipiellen Neugestaltungen, deren Umfang noch nicht abzusehen ist." Jaffe glaubt, daß nach dem Kriege eine allgemeine „Militarisierung" des Wirtschaftslebens in Deutschland erfolgen werde, daß weiterhin alles Unternehmertum und aller Unternehmergewinn ausgeschaltet werden würde, und entwickelt Ideen, die manchem recht bestechend erscheinen werden. Grade aus unsern Kreisen wird ihm mancher zustimmen, wenn er dort liest, worauf er den vielfach beklagten Mangel an jungen Leuten zurückführt, die sich dem Wirtschaftsleben zuwenden: weil „dem Wirtschaftsleben das Pathos der Hingabe, der Arbeit für die Gesamtheit" fehle. „Ist es nicht natürlich (meint Jaffe), daß die Besten des Volkes sich nicht angezogen fühlen durch die Aussicht, mit ihrer Lebensarbeit nur sich selbst, nicht aber der Gesamtheit zu dienen? Man sollte •die ideale Veranlagung unserer Jugend in dieser Hinsicht doch nicht allzu gering einschätzen. Dies gute Gewissen können wir aber den im Wirtschaftsleben Stehenden geben, müssen es ihnen sogar verschaffen wegen der Wichtigkeit, die ihm für die Machtentfaltung der Nation zukommt. Aber allerdings, es muß ein von Grund aus verändertes Wirtschaftsleben sein, das solche Ansprüche machen darf, solchen Anforderungen genügen kann." Er glaubt, daß es dahin kommen wird, durch die sich anbahnende Ausschaltung des Gewinnprinzips aus dem Wirstchaftsleben. Spricht er da nicht zunächst einen Gedanken aus, wie wir ihm ähnlich in jüdischen Kreisen öfters begegnen und der den Andrang junger Juden zu wissenschaftlichen Berufen zu einem Teil erklärt, für den besseren Teil. Sind das nicht Erwägungen, die das Lebensschicksal eines manchen grade unter uns bestimmt haben? Und doch werden wir seiner Konsequenz kaum zustimmen können, werden viele von uns die weitgehende Ausschaltung des Unternehmertums, wie es Jaffe prognostizierend fordert, nicht für richtig halten. Das materielle Eigeninterssse wird nicht so ausgeschaltet werden können, wie Jaffe es haben möchte. Es ist notwendig und wirkt schaffend, Werte produzierend. Das will aber nicht sagen, daß darum nach dem Kriege alles wieder so sein wird, wie es vordem war. Nur sollte man keine übertriebenen Forderungen stellen und damit alles gefährden. Die Schäden in der Volkswirtschaft, die der Krieg aufgedeckt hat, werden für alle Zukunft vermieden werden müssen. Soziale Gedanken werden sicher in immer weiterem Maße verwirklicht werden. In der Verwirklichung wird es, allerdings noch der Kämpfe viele geben. Aber die Tendenz wird siegen, unterstützt durch die Erfahrungen des Krieges. Die ärgsten Kämpfe wird es vielleicht in Deutschland geben, wenn die Konsequenzen der Lehren des Krieges werden gezogen werden müssen auf dem Gebiete der Agrarreform. Wenn zur Verwirklichung gelangen werden die Gedanken der Selbstversorgung des Volkes mit allen landwirtschaftlichen Produkten, damit in Zukunft keine Möglichkeit auch nur eines Gedankens der Aushungerung Deutschlands aufkommen kann. Wenn man die letzten Gründe aufdecken wird, warum denn nicht jetzt schon das deutsche Volk sich selbst versorgt, und man darauf kommen wird, daß das Grundeigentum der Schädling ist, die Spekulation mit Grund und Boden. Wenn weiterhin in Zukunft unsern Großgrundbesitzern die russischen Arbeiter nicht mehr zur Verfügung stehen werden, weil das Staatsinteresse sie und die verkappten Spione in ihrer Mitte von Deutschland fernhalten wird, die polnischen reichen allein nicht aus. Kurz, wenn man die Notwendigkeit der Bodenreform erkennen wird und die Notwendigkeit seiner Verwirklichung. Diese Erlösung sehen wir schon heute uns aus dem Kriege erstehen..... Das aber ist für die Zionisten von ganz besonderem Interesse. Sie haben die Verwirklichung dieses Gedankens für Palästina schon angestrebt, als die zionistische Organisation ins Leben trat, als sie unsern Nationalfonds begründete. AlsHerzl in seiner Rede beim zweiten Kongreß ein Bild der von den Zionisten erstrebten Zukunft ausmalte, stellte er die Frage: „Ist ihr Inhalt erschöpft in Landbesitz, vermehrtem Ansehen, ungetrübter Ruhe?" und gab darauf die Antwort: „Nein! Grade diejenigen unter uns, die heute ihre ganze Person daranzusetzen bereit sind, würden bedauern, auch nur einen Schritt dafür gemacht zu haben, wenn es nur gelänge, die neue Gesellschaft einzurichten und nicht auch eine gerechtere." Diese gerechtere Gesellschaft der Zukunft wollten die Zionisten dadurch herbeiführen, daß sie für den Nationalfonds das Gemeineigentum an Grund und Boden proklamierten, daß sie sich weiterhin den Ideen Franz Oppenheimers zuwandten und sie zu verwirklichen begannen, daß sie schließlich in Palästina das Genossenschaftswesen zu entwickeln und auszubauen sich bemühten. Wenn wir nun heute schon aus dem Kriege eine Lehre ziehen, so ist es die, daß diese sozialen Gedanken, die insbesondere bei der Begründung des Nationalfonds leitend waren, richtig sind, daß man unbedingt an ihnen festhalten muß und trachten soll, sie nach Möglichkeit weiter auszubauen. Es soll Leute geben, die es als einen Schönheitsfehler des NF ansehen, daß er mit sozialen Fragen verquickt ist. Ihnen gegenüber muß auf die Lehren des Krieges hingewiesen und mit einer erhöhten und vermehrten Arbeit für den NF gezeigt werden, daß gerade in seiner sozialreformerischen Seite ein Vorzug, ja vielleicht überhaupt seine Existenzberechtigung zu erblicken ist. Wir sehen, daß im Kriege und durch den Krieg ein immer größer werdendes jüdisches Solidaritätsbewußtsein sich entwickelt, grade jetzt immer weitere Kreise zum jüdischen Volkstum sich bekennen. Kein Gedanke kann den neu Zuströmen-