Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 32 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 256 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Das Jüdische Echo -——r Nr. 32 haben uns die Ehre erwiesen, uns auf dem Boden des republikanischen Frankreichs aufzusuchen. Die Erstangekommenen, die von 1882, sind jetzt größtenteils mit ihren Söhnen naturalisiert und diese, als französische Bürger unter ihre Mitbürger verschiedenen Ursprungs und Glaubens gemengt, die das französische Heer bilden, vergießen seit elf Monaten mit den anderen Franzosen ihr Blut für das gemeinsame Vaterland. Aber jene, die seit den Pogroms kamen, die die russische Revolution von 1906 begleitet haben — sollte jemand nicht wissen, was ein Pogrom ist, schlage er im Konersvationslexikon nach! — blieben vorläufig Ausländer, da die für die Naturalisation erheischten zehn Aufenthaltsjahre noch nicht verstrichen waren. Zu diesen Fremdlingen hat man die Schamlosigkeit zu sagen: Entweder zurück nach Rußland, um in der russischen Armee zu dienen, oder Engagement in unserer Fremdenlegion, sonst — Konzentrationslager! Nach Rußland! Ja, wenn sie selbst wünschten, dorthin zurückzukehren, wo sie der Verfolgung entflohen sind; in dem Land, das sie sich weigern, als ihr Vaterland anzusehen, würden sie bei ihrer Ankunft als Aufrührer verhaftet werden! In unserer Fremdenlegion, Tausendc haben es getan, freiwillig, am Beginn des Krieges. Als das deutsche Heer im August gegen Paris zog, haben sie in Menge Dienst genommen. Ah, sie sind gut belohnt worden! Hat nicht eine Administration ohne Herz und Hirn — die einzige Entschuldigung war, daß sie im August den Kopf verloren hatte — den Wahnsinn begangen, diese Geschöpfe voll Leidenschaft und Gefühl, die sich, ohne je Soldaten gewesen zu sein, um eine Dankesschuld an das republikanische Frankreich zu bezahlen, in die Armee aufnehmen ließen, durch Korporäle und Sergeanten der Legion ausbilden zu lassen, die gewöhnlich in Algerien und Marokko sind und die sie gedrillt haben, wie man die Bat' d'Af (Bataillon d'Afrique, d. h. die aus den nichtsnutzigsten Elementen der Metropole zusammengestellten Strafbataillone der Kolonialarmee. Anm. d. Red.) drillt und die Hefe und Abschaum aller Völker, der in Friedenszeiten als Söldner in unserer Fremdenlegion Dienst nimmt? Held Litwak — du, dessen herrlichen Brief, geschrieben am Tag deines ruhmvollen Todes bei Carency an der Seite von 2000 Mitjuden, ich unlängst abgedruckt habe, vergib diesen armen Sergeanten, die euch monatelang als schmutzige Judenbuben und ähnlich beschimpft haben — euch, die ohne dazu verpflichtet zu sein, in einem Augenblick edler Begeisterung euer Blut großmütig an Frankreich dahingegeben habt, das in euren Augen das Sinnbild aller Freiheit und sittlichen Größe war. Vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten. Und nun will man, daß die russischen Juden, die wissen, wie man die ersten Freiwilligen ihrer Rasse behandelt hat, und die das grauenvolle Drama kennen, worin eben erst die jüdische Legion unweit von Carency geblutet hat — ein Drama, von dem ich aus patriotischer Scham nicht sprechen will, das aber die ganze jüdische Kolonie schon kennt — nun will man, daß sie in der Fremdenlegion Dienst nehmen! Wir suchen überall Sympathien. Die schändliche Bedrohung unserer russisch-jüdischen Flüchtlinge wird uns wohl Sympathien eintragen bei den 21h Millionen amerikanischen Juden mit ihrem großen Einfluß. Ich frage, welche Maßregeln die Regierung gegen die Polizeibeamten treffen will, die in der Person der Verbannten das heilige Gastrecht verletzten und die, mitten im Krieg, wo wir so sehr aller sittlichen Kräfte zur Verteidigung des Landes bedürfen, einen solchen Schandfleck auf Frankreich und die Republik geheftet haben." Soweit der Artikel Herves, der übrigens nicht nur durch das, was er mitteilt merkwürdig ist, sondern auch durch die Duldsamkeit, die die französische Zensur dieser kühnen und heftigen Sprache gegenüber bewährt hat. Seitdem er erschienen ist, ist auch einiges über das Drama, worauf er anspielt, durchgesickert. Man weiß, daß unter der jüdischen Legion, als eine Auflehnung gegen die zynische Verurteilung zum Kanonenfutter bemerkbar wurde, fürchterliche Musterung gehalten worden ist. Und jetzt will man von denen, deren Brüder und Freunde füsiliert oder zu furchtbaren Strafen verurteilt worden sind, den Eintritt in die Fremdenlegion erpressen! Zwar sind seither offiziöse Beruhigungsnotizen erschienen — es handle sich um keine Festhaltung in Konzentrationslagern, sondern um die bloße Entfernung der nicht Dienstwilligen außerhalb der Pariser Festungsgebiete —' aber wie es wirklich steht, geht aus privaten Nachrichten hervor, die uns die Massenflucht der russischen Emigrierten aus Frankreich melden. Damit ist aber wohl den Organisatoren der Hetze im großen und ganzen gedient. Denn es handelt sich nicht so sehr um eine Gefälligkeit der französischen Regierung gegen die russische und um einen der nicht seltenen Kollegialitätsakte der Pariser Polizeipräfektur gegen die Expositur der Ochrana auf der russischen Botschaft, sondern vor allem um eine tückische innerpolitische Sicherungsmaßregel der französischen Regierung. Man hat in der letzten Zeit selbst in der französischen Presse Anzeichen einer Unruhe des Volks vermerkt gefunden. Von Gerüchten, die in Paris über die Ereignisse an der Front umgehen, erfuhren wir da und von den Gerüchten, die sich im Heer über revolutionäre Vorgänge in Paris verbreiten. Man muß sich natürlich hüten, daraus vorschnell auf eine Demoralisierung oder auf eine wirkliche revolutionäre Agitation zu schließen. Aber schließlich muß die Regierung, bei allem zur Schau getragenenen Optimismus, mit allen Möglichkeiten rechnen und dann lebt noch, bei den Besitzenden wie im Proletariat, die Erinnerung an 1871, wo der enttäuschte Patriotismus im Kommunalaufstand jäh in Sozialrevolutionäre Leidenschaft umschlug und ein großer Teil des Kleinbürgertums mit den Aufständischen mitlief. Daß aber eine Insurrektion im kosmopolitischen Emigrantentum und besonders unter den wegen ihrer Sozialrevolutionären Agitation geflohenen Russen die begeisterte Kampftrupoe fände, ist. nicht zweifelhaft. Schon hat die Regierung mit großem Mißvergnügen das kleine sozialdemokratische Tagblatt gesehen, das die russischen Flüchtlinge nach Kriegsausbruch gegründet hatten und worin sie die Freiheitsphraseologie der Entente-Regierungen und selbst den von den französischen Sozialisten geschlossenen „Burgfrieden" mit grundsätzlicher Unbedingtheit kritisierten. WÜrd die Kolonie zersprengt, wird jedenfalls dieser unbequemen Kritik das Lebenslicht ausgeblasen, und schon das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Aber es könnte ja auch kommen, daß die konservativen Kreise Frankreichs angesichts der Volksstimmung einen Staatsstreich für möglieh und notwendig halten. Daß sie einen großen Teil