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Das jüdische Echo · 1915-08-13 · 32 (13.8.1915) · p. Seite 255

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
2 (1915)
Issue
32 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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Nr.. 32 Das Jüdische Echo 255 Fülle vorhandenen religiösen Stoffen die Grundlage der neuen Nationalerziehung bilden. Denn eine neue Nationalerziehung muß von der Vergangenheit lernen und all diese Fehler zu vermeiden suchen, die das Judentum in der Zeit seiner Diaspora begangen hat. Von dem Grundsatz ausgehend, ein einheitliches Judentum zu bilden, muß sie die religiös-orthodoxen Prinzipien ebenso aufnehmen wie die Grundsatze einer Geisteskultur. Jene aus ihrer Methode verbannen, hieße, wie die Dinge heute im Judentum liegen, nichts anderes, als die Quelle aller jüdischen Volkskraft verschütten und eine Spaltung schaffen, die von der jetzt zu überbrückenden sich nur darin unterscheidet, daß sie diesmal nicht von Ost, sondern von West ausgeht. Gleichwohl kann der orthodox-religiöse Geist nicht der alleinherrschende sein und derjenige Erzieher, der dem modernen Juden diesen Geist als den einzigen Inhalt des Judentums lehren wollte, würde dieselbe Torheit begehen, wie jene Volksbeglücker, die den frommen Juden die Assimilation oder die Taufe empfehlen. Jenseits der Überzeugung ist auch für die moderne Seele keine Erlösung möglich. Diese psychologische Tatsache, die sich in der Einzelseele abspielt, ist kein zufälliges Spiel, sie ist vielmehr ein Niederschlag des Volksgeistes, der sich nicht in einem Punkte zusamendrängen läßt, sondern für seine verschiedenartigen Strömungen freie Bahn fordert. Das Leben eines produktiven Volkes verläuft nicht einzig und allein in den Bahnen der Religion; auch Ethik, Philosophie und Kunst gehören zu seinen Gebieten. Dies muß man zugeben, auch wenn man der Überzeugung ist, daß die stärksten Leistungen des Judentums in der Religion zu finden sind. Was uns daher heute bitter not tut, ist eine nationale Geisteskultur, die neben der religiösen legitim bestehen könnte. Das frühere Vorgehen des Judentums, das jene Geistesarbeit, die sich in anderer Richtung als der religiösen bewegte, nicht als jüdisch anerkannte und Werke und Menschen außerhalb des Judentums stellte, darf nicht wiederkehren, weder in dem alten noch in einem neuen Gewände. Jetzt gilt es, diese Werke für das Volk zurückzugewinnen, und ihnen sowie Neuschaffungen, soweit sie jüdisch siind, die Legitimität zu sichern, die notwendig ist, wenn aus den Juden aller Länder und Anschauungen ein einheitliches Volk erstehen soll. Diese Anerkennung nationaler Arbeit als jüdisch, würde ferner auch in unserem Volke gesunde Verhältnisse zeitigen und verhindern, daß in Zukunft Werke jüdischer Denker eine Auslegung erfahren, die alles andere als jüdisch ist. Ich rede nicht von den Erzeugnissen jener Anpassungsfähigen, die, assimiliert, aus fremdem Geist heraus, gearbeitet haben und noch arbeiten werden. Ich denke an jene schöpferischen Denker des Judentums, deren Eigenkräfte viel zu stark waren, um durch fremde Einflüsse in ihrer Ursprünglichkeit erschüttert zu werden. Namentlich hat unser größter Nationalphilosoph Spinoza von seinen christlichen Anhängern eine Auslegung erfahren, die er selbst wohl kaum vorausgesehen noch verursacht hat. Besonders ist es der materialistische Monismus der Gegenwart, der Spinoza mit Beschlag belegt hat und ihn neben Häckel als Begründer dieser gottverlassenen Lehre feiert. In Wahrheit hat Spinoza nicht aus irgend einem fremden und materialistischen, sondern aus echt jüdisch-religiösem Geiste heraus geschaffen und eine Geistesreligion errichtet, die in ihrer Art einzig in der Philosophie aller Völker dasteht. Er übertrug die Herzensliebe zu Gott, die die jüdische Religion atmet, in das Gebiet des Denkens, wo sie die Form einer Geistesliebe zu Gott, eine Gottesliebe der Vernunft angenommen hat, die er wörtlich amor Dei intellectualis nannte. Und wiederum in echt jüdischer Weise, keineswegs im Sinne jenes Monismus, hat Spinoza in der Hingebung des Menschen zu Gott in diesem mystischen amor Dei höchstes Menschenglück erblickt. Sein Gott aber war nicht eins mit der Welt, wie es jene Lehre will, er war vielmehr das Wirkende der Welt, also ein Göttliches ohne alle Anthropomorphisierung. Auch hier liegen noch Werte, die eine nationale Arbeit befruchten könnten und auch von jüdischphilosophischem Denken aus zeigen sich Wege, die zum Urquell unseres Volkes führen, aus dessen Strömen jene Ewigkeitswerte geflossen sind, die die Grundlage alles Lebens und Menschentums bilden. Pogrom in Reih und Glied Der einstmals revolutionäre und jetzt kriegspatriotische Heißsporn Gustav Herve, der aber in allen Wandlungen das Mitleid mit (Jen Unterdrückten und Vergewaltigten und einen ritterlichen Sinn bewahrt hat, setzt sich in seinem Blatt „G u e r r e Sociale" leidenschaftlich für die jüdischen Flüchtlinge in Rußland ein, die sich in ihrem Vertrauen auf die Gasitfreundlichkeit und Loyalität der französischen Republik fürchterlich getäuscht sehen. Er schreibt: „Was sind das für Manieren von Irokesen oder Pangermanisten? Was bedeutet die Vorladung aller in Paris ansässigen russischen Juden vor die Polizeikommissäre und deren Drohung, daß sie binnen vier Tagen nach den Konzentrationslagern geschickt werden sollen, wenn sie im russischen Heer oder in unserer Fremdenlegion keinen Dienst nehmen? Welcher verantwortliche Minister hat den Polizeipräfekten ermächtigt, seinen Kommissären solche Befehle zu erteilen? Und haben die Kommissäre diese traurigen Befehle nicht erhalten, was ist das dann für ein Land, wo Polizeikommissäre es auf ihre Verantwortung nehmen können, eine solche Drohung auf politische Flüchtlinge auszuüben, ohne sofort entlassen und ins Gefängnis gesetzt zu werden? Die russischen Juden in Paris sind vogelfrei erklärte Flüchtlinge. Ich habe im Augenblick, da das mit uns befreundete und verbündete Rußland schmerzliche Zeiten durchmacht, keine Lust, hier zu erzählen, auf welche Weise es allzulang die Juden behandelt hat. Es hat sie behandelt, wie unsere Väter im Mittelalter sie behandelten und wie das Frankreich der Revolution erklärt hat, daß man sie im Land der Menschnrechte nicht mehr behandeln soll. Zu Tausenden sind sie aus Rußland entflohen, gleich den französischen Protestanten des 17. Jahrhunderts. . . . Wohin anders sollten sie flüchten, als nach Ländern, die so weit entwickelt sind, daß sie es einem Menschen nicht als Verbrechen anrechnen, daß er als Jude geboren wurde, d. h. daß er zu einer jener Rassen gehört, die durch ihren Verstand und durch ihre hohen sittlichen Tugenden der Menschheit zur höchsten Ehre gereichen? Sie flohen nach Amerika wo jetzt 2V2 Millionen von ihnen in dem großen amerikanischen Schmelztiegel verschmelzen. Sie flohen nach dem freien England. Sie

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