Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 32 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Das Jüdische Echo Nr. 32 Dingen konservative Anschauungen hegen. Weil der jüdische Liberalismus — auch beim besten Willen seiner Träger — immer nur zerstörend auf den Bestand des Judentums gewirkt hat, ist das Bestreben der National- und der anderen konservativen Juden, den konservativ gesonnenen Elementen einen größeren Einfluß in den. Gemeinden izu verschaffen, als es bisher in den Großgemeinden der Fall war. Politische Unternehmungen irgendwelcher Art ziur Verbesserung der politischen Lage der Juden in Deutschland können mit Energie nur von Männern betrieben werden, für die die jüdischen, Interessen der Leitstern sind, und nur dann überhaupt mit Erfolg übernommen werden, wenn sie wirklich als Vertreter einer starken Organisation gut-jüdisch gesonnener Männer auftreten können. Durch etaie jüdischkonservative Gesinnung allein wird die deutsche Judenheit in maßgebenden Kreisen das Verständnis und die Achtung gewinnen, die für die Beseitigung der herrschenden politischen Mißstände unentbehrlich sind. Es ist Erfahrungstatsache und durchaus natürlich, daß zwischen deutsch-christlich-konservativ Denkenden und Jüdisch-Konservativen mehr geistige Verwandtschaft, Sympathie und Schätzung möglich ist, als zwischen den Erstgenannten und Jüdisch-Liberalen. Darum ist es unsere Aufgabe, eine jüdischkonservative Gesinnung zu fördern, bezw. da wieder zu erwecken, wo sie im Schwinden begriffen ist (und leider ist sie vielerorts im Schwinden). Wenn wir damit Erfolge haben, werden wir auch in der Lage sein, die Umstände zu beseitigen, die heute einen großen Teil eigentlich konservativ empfindender Juden in die politische Opposition hineintreiben. Unsere Parole kann also nicht ohne weiteres lauten: „Werdet p o 1 i t i s c h - konservativ', sondern sie lautet: „Fördert den jüdischen Konservativismus. Damit — und damit allein — werdet ihr auch manchen politischen Mißstand beseitigen können." In d i e s e m Sinne begrüßen wir mit aufrichtiger Freude „Die Jüdische Presse", die sich ganz m den Dienst der in jüdischen Dingen konservativen, und daher auch politisch wirkungsvollen Anschauungen stellt. Gewiß wird sie in Kürze allgemeine Sympathie und treue Anhängerschaft erwerben. Zur jüdischen Erziehung Von Selma Blumberg in München. Als Fichte die Gefahr erkannte, die der Verlust der nationalen Selbständigkeit vor hundert Jahren für sein Volk mit sich brachte, die Gefahr der Zersetzung des nationalen Bewußtseins und der geistigen Einheit, ging er daran mit der ganzen Kraft seiner Überzeugung ergreifende Mahnworte an sein Volk zu richten und es aufzufordern, all sein nationales Empfinden zu sammeln, all seine Charakterstärke aufzubieten, um den deutschen Geist vor dem Ansturm des Fremdländertums zu retten. In seinen bekannten Reden an die deutsche Nation forderte er zu diesem Zwecke eine neue Nationalerziehung, die von der Erkenntnis des deutschen Wesens auszugehen hatte und der er als Grundlage eine Definiiion dieses Wesens aus der Sprache gab. Für uns sind diese Reden hier nur insofern von Interesse als sie uns zeigen, daß der Philosoph Fichte eine Selbsterkenntnis des Volkes, die seine gesunkenen Kräfte heben sollte, als notwendig für eine neue Volkserziehung erachtete. In unserem Volke ist das Selbstbewußtsein nicht nur gesunken, sondern fast ganz erstickt. Die Schuld daran trägt das traurige Geschick der Diaspora ebenso wie die Tatsache, daß. ihm fast ganz jene Arbeit der Intellektuellen und Gelehrten fehlt, die dem Volke wie im Spiegel zeigt, was es unbewußt in intuitiver Arbeit geschaffen, die ihm Wissen gibt von sich selbst, kurz die jene Selbsterkenntnis schafft, die die Wurzeln von Selbstbewußtsein, Stolz und Ehre einer Nation in sich trägt. In der Gegenwart haben die Juden West-Europas begonnen, sich diesem Problem zuzuwenden, eine neue Nationalerziehung steht als Notwendigkeit vor ihnen, der sie eine Grundlage zu schaffen suchen. Diese Grundlage kann auch hier nur aus dem Wesen des Volkstums gewonnen werden. So ist es denn auch die Frage nach der Bedeutung des Judentums im Weltgeschehen, die sich das nationale Denken stellt und zu beantworten sucht, eine Bedeutung, die seinen Genius durch all die Jahrtausende hindurch unverwelkt erhalten hat. Ein jeder ist bestrebt das Gesetz des jüdischen Seins und Wirkens zu erfassen und eine Bestimmung dafür zu geben, die ihm gleichzeitig den Boden schafft, auf den er sich als Jude stellen kann. Es ist klar, daß der Wahrheitswert solcher Deutungen kein absoluter sein kann. Das Wesen eines schöpferischen Volkes liegt nicht in einem einzigen Gesetz; es ist wie die Sonne, die Strahlen gleicher Art nach verschiedenen Richtungen aussendet. Materielle Inhaltsbestimmungen können daher mit demselben Recht oder Unrecht auf Wahrheit von verschiedenen Standpunkten aus gegeben werden, die beim Theologen anders lauten als beim Ethiker oder Philosophen usw, Dieser Gegensatz der Gesichtspunkte hat denn auch einen Streit der Meinungen hervorgerufen und viele dazu geführt, derartige Thesen überhaupt als wertlos abzulehnen. Aber man vergißt, daß das geistige Judentum heute vor einer ungeheueren Leere steht und daß jeder Versuch hier Wandel zu schaffen, dankbar zu begrüßen ist. Aus dem Nichts soll dieses Judentum eine geistige Kultur erschaffen; dies ist eine Aufgabe so groß und so schwierig, wie sie in der Geschichte der Kultur nicht ihresgleichen hat. Aus dem Nichts, denn nicht nur die geistigen Erzeugnisse die das Judentum im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht, sind der jüdischen Kultur entzogen, das Judentum Westeuropas muß sich erst wieder entdecken. Aus Schutt und Trümmern erhebt sich jetzt der nationale Geist als ein neuer Phönix; mehr als den Willen zum Leben bringt er nicht mit. Dies mag an sich viel sein, fürs praktische Leben aber ist es wenig. Dem sich selbst wiederfindenden Juden fehlt vor allem der feste Punkt, der Halt, der ihn zum Mutterboden zurückführt. Hier muß eine nationale Geistesarbeit einsetzen, die, von den heiligen Büchern ausgehend, zwar keine neuen Bildungen schafft, aber doch von nationalem Geist erfüllt und unzweifelhaft fähig ist, vielen Suchenden jenen Halt zu bieten, von dem aus sie zur schöpferischen Quelle unseres Volkstums gelangen können. Wir können daher nur wünschen und hoffen, daß recht viele Berufene sich in den Geist unserer heiligen Schriften versenken, der für das philosophische und sozialistische Denken noch ungeahnte Schätze birgt. Diese Schätze zu heben, ist unsere Generation berufen. Sie würden unsere Kultur bereichern und in Gemeinschaft mit den in